Sie selbst berichtete das, als sie aus ihrer Bewußtlosigkeit erwachte, in kurzen, matten Worten. Sie hieß Eleonore Prohaska und war die Tochter eines Musiklehrers aus Potsdam, welche die Begeisterung für die Sache des Vaterlands in die Reihen der Lützower geführt hatte, und – zum Heldentode.

Sie wurde nach Dannenberg gebracht, und zwei Tage später starb sie mit der Festigkeit und Fassung des tapfern Mannes unter unsäglichen Leiden. Man begrub sie mit militärischen Ehren, und Walther war es, als hätte er ein Kind verloren. So griff es dem alten Manne an das Herz, daß selbst ein Weib ihres Geschlechts vergaß und an Mühsal, Entbehrung und Ausdauer die Männer übertraf. Durch das ganze Freikorps ging ein Hauch der Bewunderung und der Ergriffenheit, und der Heldentod des Mädchens steigerte noch mehr die vaterländische Begeisterung: Hier durfte keiner zurückbleiben und ärmer erscheinen an heiliger Glut, als die Jungfrau.

Die Kunde aber davon, daß ein Weib im Kampfe bei Göhrde mitgefochten habe und gefallen sei, ging durch ganz Deutschland und ward gefeiert als ein würdiges Zeichen einer großen Zeit.

In jenen Tagen war es, daß in einem freundlichen Hause in der alten Hansestadt Bremen Elise Wendler an dem Totenbette ihrer Großtante stand. Sie hatte ihr die letzten Tage erheitert und ihr Siechtum erleichtert, und die alte Frau, die ihre Schmerzen mit großer Geduld ertrug, war glücklich in ihrem Umgange. Jetzt lag sie im Sarge und das gute, alte Gesicht sah so freundlich aus, als ob sie schliefe. In ihren letzten Stunden noch hatte sie von der Not des Vaterlandes geredet und beklagt, daß sie keinen Sohn und keinen Enkel habe, der mit hinausziehe in den heiligen Streit, und dann war die Nachricht von dem Heldentode der Eleonore Prohaska eingetroffen.

Da hatten ihre Augen aufgeleuchtet, in die welken Lippen schoß ein helles Rot, und sie hatte gesagt:

»Kind, wenn ich jung wäre, ich thäte desgleichen.«

Dabei hatte sie Elisens beide Hände gehalten und gedrückt, so daß ein seltsam heißes Empfinden das Mädchen mit einmal durchzuckte … und nun war sie so still, die alte Frau.

Elise weinte nicht, obwohl sie den Tod der Guten schmerzlich empfand, aber sie wollte etwas thun, was der Verblichenen würdig wäre und ihr noch im Jenseits Freude machen könnte. So saß sie, als die alte Dienerin, die mit ihr sich in die treue Pflege der Verstorbenen geteilt hatte, sich entfernte, allein am Sarge. Durch das offene Fenster spielte ein lauer Hauch, und müde Sonnenstrahlen vergoldeten das Gemach.

So traf sie ihre Freundin Anna Lühring, die Tochter des angesehenen und wackeren Zimmermeisters. Sie war jeden Tag gekommen, und die alte Dame hatte an dem frischen Mädchen jederzeit ihre Freude gehabt und gestern noch ihr freundlich zugelacht. Anna umarmte schweigend die Freundin, setzte sich dann neben sie und einige Zeit blieben sie beide stumm. Dann sprachen sie von den letzten Stunden der Entschlafenen, und nun ging Elise das Herz auf und sie redete von der warmen Vaterlandsliebe der alten Frau, und fügte wie unter einem plötzlichen Impulse hinzu:

»Und weißt du auch, Anna, was ich nun thue? – Wenn eine Eleonore Prohaska ihr Blut fürs Vaterland geben konnte, kann ich's auch. Die Lücke, die durch ihren Tod in Lützow's Freischaren geworden ist, will ich ausfüllen.«