Sie war mit leuchtenden Augen aufgestanden und sah prächtig aus, wie sie den feinen Kopf in den Nacken zurücklegte und sich stolz emporrichtete. Auch die Freundin erhob sich und reichte ihr jetzt beide Hände hin:
»Das soll ein Wort sein! Und ich gehe mit. Mich zieht es lange schon hinaus aus der Enge des Vaterhauses, jetzt, da alle Hände gebraucht werden gegen den Feind. Ja, Elise, laß uns zusammen gehen!«
»Und laß uns das geloben hier am Totenbette unserer alten, lieben Freundin, die uns hört und segnet!«
Die Mädchen traten zu beiden Seiten des Sarges und reichten sich über demselben die Hände; Elise aber sprach mit flammenden Wangen:
»So helf uns Gott, daß wir brave Streiter werden für Gott und Vaterland!«
»Amen!« sprach ernst die andere, dann küßten sie sich stumm über die Tote hinweg, und nun setzten sie sich wieder nebeneinander, Schulter an Schulter gedrängt, und flüsternd und mit hastigen Worten redeten sie von ihrem Plane. Heimlich mußten sie gehen, das war klar, denn weder der ehrsame Zimmermeister Lühring, noch Dr. Wendler würden ohne weiteres einverstanden sein mit diesem Entschlusse ihrer Töchter, und die Uniform mußten sie sich in einer andern Stadt unverfänglich erwerben. Anna wußte auch noch weitern Rat. Eine ehemalige Magd ihres Hauses war an einen Hornisten verheiratet und als Marketenderin bei den Lützowern. An die wollten sie sich wenden und vor allem auch sich anschließen. Eintreten wollten sie beide bei den Fußjägern, denn da hoffte Elise ihrem Verlobten nicht zu begegnen, der vielleicht ihr Vorhaben mißbilligt hätte. Auch andere Namen mußten sie wählen, und sie kamen überein, daß Anna als Eduard Krause und Elise als Gotthold Schweizer eintreten sollte; beide wollten vorgeben, Studenten zu sein.
Immer mehr redeten sie sich in die Einzelheiten ihres Vorhabens hinein, und ehe sie auseinander gingen, wiederholten sie noch einmal angesichts der Toten ihren Schwur. Mit freudiger, stolzer Seele blieb Elise zurück, und die Dienerin, welche sie am Abend noch immer zur Seite des Sarges fand, wunderte sich über ihre Ruhe und Seelenstärke. Sie aber wußte, daß sie bald andere, minder friedliche Bilder des Todes schauen werde.
Am andern Tage wurde die alte Frau begraben. Dr. Wendler konnte der Entfernung wegen und da er außerdem sich nicht ganz wohl fühlte, der Beerdigung nicht beiwohnen, und Elise war die einzige Verwandte, welche eine Handvoll Erde in die Gruft fallen ließ.
Wiederum zwei Tage später verließen die zwei Mädchen die Stadt, als ob sie einen Spaziergang unternähmen, aber sie kehrten nicht zurück. Die besorgten Eltern Annas, sowie die alte Dienerin waren in größter Erregung, bis letztere ein Briefchen Elisens entdeckte, welches mitteilte, daß sie mit ihrer Freundin ausgezogen sei in den Dienst des Vaterlands, und daß man sie beide nicht hindern möge in ihrem patriotischen Vorhaben.
Der wackere Zimmermeister war sich zwar nicht ganz klar über die Bedeutung der Worte, aber er kannte sein Kind, das nichts schlechtes thun konnte; ihm schlug selbst das Herz warm für die deutsche Sache, und so beruhigte er sein weinendes Weib – – die Zeit war eben groß und außergewöhnlich, und man faßte Außergewöhnliches auch ruhiger und verständiger auf, als in andern Tagen. Die beiden Mädchen aber erreichten Rotenburg, wo sie einige Uniformstücke sich zu verschaffen wußten, und wanderten nun weiter gegen Lauenburg.