»Es ist gut, Bastian!« unterbrach ihn der Wirt, der andere aber stand jetzt ganz an dem Tische, stützte seine schmutzigen Fäuste darauf, sah den beiden mit seinen unstät flackernden Augen ins Gesicht und sagte heiser, erregt:
»Zu den Lützowern wollt ihr, ihr Gelbschnäbel? Können euch nicht brauchen, sag' ich euch – ich weiß – sie haben mich auch nicht brauchen können. Laßt's bleiben, rat' ich euch. 's war auch nur einer darunter, der war etwas wert – die andern sind Hähnchen, Hähnchen … und der eine liegt bei Wöbbelin unter einer Eiche. Ich wollt', ich könnt' ihn herausscharren mit diesen Nägeln da … und ich scharre ihn noch heraus, denn ich – ich war's …«
Der Mensch fing plötzlich an zu schluchzen, schlug beide Hände vors Gesicht und rannte hinaus. Verdutzt und aufgeregt sahen die beiden Freundinnen ihm nach, der Wirt aber sprach:
»Er ist verrückt und erzählt, er habe Theodor Körner bei Gadebusch erschossen. Es wird berichtet, daß er zur Nachtzeit immer auf dessen Grabe sitze, und am Morgen war die Erde wirklich öfters aufgewühlt. Er ist ein unheimlicher Geselle, ein versoffener Bursche …«
Den beiden grauste es, und bald brachen sie auf. Vor dem Dorfe draußen, an einem Waldrande im Graben lag der Bursche, mit seinen irren Augen starrte er ihnen entgegen, so daß sie beinahe sich gefürchtet hätten, und da sie herankamen, stand er auf, zog die Mütze ab und trat ihnen in den Weg.
»Sagt's keinem, daß ich ihn erschossen habe« – sagte er flüsternd – »ich hab's auch nicht gewollt, die Kugel ging daneben … schenkt mir etwas, schenkt mir etwas!«
Sie gaben ihm einige Münzen; er sah dieselben an, nickte wie zum Danke, dann schwenkte er seine Mütze, schrie jauchzend: »Branntwein! Branntwein!« und rannte spornstreichs wieder dem Dorfe zu.
Die beiden ergriff ein Gefühl des Ekels, stumm faßten sie einander an der Hand und setzten ihren Weg fort. Als sie näher gegen Lauenburg herankamen, erfuhren sie, daß die Stadt von Franzosen besetzt sei, während zwei Meilen davon, um Lüneburg, der General Tettenborn lagerte, bei dessen Korps sich die Lützower befanden, daß aber eine Infanterieabteilung der letzteren bei dem Fährplatz Hohnsdorf, Lauenburg gegenüber, am andern Elbufer liege in einer befestigten Schanze, um den Feind zu beobachten.
Dahin wendeten sie sich und meldeten sich bei dem Kommandierenden, dem Grafen Nostitz, der sie sofort annahm und die weitere Meldung an das Oberkommando veranlaßte. So waren die beiden Mädchen Lützower geworden und sahen sich freundlich und herzlich von ihren Kameraden begrüßt. Im Anfange war es ihnen seltsam unter den fremden Männern, aber das war rasch genug überwunden, und wie sie sich in ihre männliche Tracht und ihre männlichen Namen gefunden, fanden sie sich auch bald in das neue Leben und Treiben. Waren es doch zumeist nicht ungebildete Leute, die hier beisammen waren und die trotz des Kriegslärms nicht die Künste und die Heiterkeit des Friedens vergaßen. In müßigen Stunden konnte man es sehen, wie der eine sein Tagebuch führte, der andere zur Laute sang, ein dritter wohl gar Verse machte, und mitunter geschah es auch, daß, wenn die Mädchen aus dem Orte sich sehen ließen, ein heiterer Tanz auf einer Tenne improvisiert wurde.
Dann gab es freilich wieder Stunden, in welchen das Pfeifen der französischen Flintenkugeln die unheimliche Musik machte, denn zwischen Lauenburg und Hohnsdorf war die Elbe nur auf Fähren zu passieren, und diese Fähren waren in der Hand des Feindes, der mehrmals Versuche machte, den Posten der Lützower zu vertreiben. Als zum ersten Male die Schüsse um die beiden Mädchen knatterten, war es ihnen doch etwas bange und wunderlich zu Mute, aber sie sahen einander ermutigend an, bissen die Zähne aufeinander und Gotthold Schweizer sprach zu Eduard Krause: »Denk' an Eleonore Prohaska!«