Elise schwieg, aber das Wort klang ihr noch lange seltsam in der Seele nach.

Blücher rückte nun auf eigene Faust gegen Paris vor, Napoleon stets hinter ihm her, voll Begierde, »den alten tollen Husaren« zu schlagen, und dieser beschloß die Schlacht anzunehmen, die auch bei Craonne und Laon geliefert wurde.

Die Gegend war für des Marschalls Absichten günstig; auf einem hohen Berge, der ziemlich steil aus einer weiten, freien Ebene emporragt, liegt die von festen Mauern umgebene Stadt Laon, um den Fuß des Berges ziehen sich wie Außenwerke vier Dörfer hin, und durch die Ebene geht ein kleiner Bach. Alle diese Punkte hatte der alte Feldherr wohlbesetzt, und die feste Stadt bildete das Centrum seiner Stellung.

Noch ehe die Morgennebel des 10. März sich lichteten, brachen die Franzosen auf und stürmten sowohl gegen die Dörfer, als gegen Laon selbst. Blücher hatte die ganze Nacht in rheumatischen Schmerzen gelegen, und eine Augenentzündung machte ihm schwer zu schaffen, so daß er beinahe kleinlaut wurde und Gneisenau viel zu thun hatte, ihn zu trösten und zu beruhigen. Aber mehr als Worte that der beginnende Kanonendonner, der wie ein Gruß seiner braven, kämpfenden Soldaten ihm ans Ohr drang und ihm wenigstens vorübergehend Kraft und Frische wiedergab.

Gegen Mittag stand er auf der Höhe von Laon und blickte hinaus in die Ebene, wo sich die Nebel verzogen hatten, wo die Waffen heraufglänzten und aufsteigender Pulverdampf die Stellungen markierte. In drei Abteilungen rückten die Franzosen unter Napoleon selbst, unter Marmont und Mortier heran, und der alte Feldherr beschloß, um jeden Preis die Verbindung derselben zu hindern und den Hauptschlag auf seinem eigenen linken Flügel zu führen, wo seine Preußen standen unter York und Kleist.

Napoleon vermochte nicht mit dem gewünschten Nachdrucke vorzugehen, da er noch immer auf das Eintreffen Marmonts rechnete, dem er Befehl auf Befehl sandte, seinen Marsch zu beschleunigen, ohne zu wissen, daß seine Ordonnanzen samt und sonders von Kosaken abgefangen worden waren. Ärgerlich und verdrossen sah er den Abend hereindämmern, ohne einen wesentlichen Vorteil errungen zu haben, und namentlich ohne Aussicht, den festen Stützpunkt der Blücherschen Stellung, Laon, gewinnen zu können.

Er hoffte, am andern Morgen mit aller Macht angreifen und die Entscheidung zu seinen Gunsten herbeiführen zu können, aber er ahnte nicht, daß sein unermüdlicher alter Gegner noch während der Nacht einen Hauptschlag gegen ihn führen wollte.

Tiefes Schweigen lag über der Ebene von Laon, nur vereinzelt hallte da und dort ein Schuß, die Wachtfeuer brannten, und die rote Lohe des brennenden Dorfes Athies leuchtete gegen den Himmel. Die Nacht war sternklar. Da marschierten auf der Straße gegen Athies einige preußische Bataillone in tiefer Stille, ohne Trommelschlag daher und gelangten ohne Aufenthalt in das von den Feinden besetzte Dorf, in welchem eben zwei Abteilungen ihr Nachtquartier suchten. Erstaunt und erschreckt sahen diese mit einmal vor sich und neben sich feindliche Uniformen und starrende Bajonette. Ehe sie noch Widerstand leisten konnten, waren sie auch schon geworfen, und erst hinter dem Dorfe, in einem kleinen Gehölz begannen sie einigermaßen sich zu sammeln und gegen die Nachrückenden zu feuern. Die stille Nacht wurde mit einem Male laut und lebendig, von allen Seiten erklang die preußische Feldmusik, brausende Hurrarufe erschallten, und der nächtliche Kampf war in vollem Gange. Es gab für die Anstürmenden kein Halten und keinen Widerstand. Umsonst sausten die Kartätschen in ihre Reihen, in dichtgeschlossenen Gliedern drangen sie vor, sprengten mit Bajonettangriffen die feindlichen Bataillone auseinander, und hinter ihnen brausten die Reitergeschwader heran und ritten ganze französische Regimenter nieder, noch ehe diese sich zu sammeln vermochten.

Walther und Elise waren im nächtlichen Getümmel auseinander gekommen. Hinter Athies draußen befand sich die letztere mit einem Häuflein Kameraden auf der Verfolgung des flüchtigen Feindes. Wie einst Eleonore Prohaska, so hatte auch sie, als neben ihr der Tambour stürzte, dessen Trommel ergriffen und schlug unaufhörlich zur Attacke. Eine Schar preußischer Reiter kam zur Unterstützung herbeigesprengt. Aus einem kleinen Gehölz, in das sich französische Infanterie geflüchtet, blitzten Schüsse, einige Pferde überschlugen sich, aber mit dem Bajonett wurde auch das Gehölz genommen, und bald gab es keine Franzosen mehr ringsum. In eiliger Flucht wandten sich diese in der Richtung gegen Soissons, und nur die Reiterei blieb ihnen noch auf den Fersen.

Elise war todmüde; jetzt erst fühlte sie die furchtbare Abspannung nach der gewaltigen Anstrengung des letzten Tages und dieser Nacht, und sie mußte sich einige Augenblicke niedersetzen auf einem zerwühlten Feldrain. Der Mond war aufgegangen und leuchtete über das Gefilde, das einen grauenhaften Anblick bot, so daß das Mädchen ein Schauer überrieselte. In der Ferne verhallten noch Schüsse, in der Nähe aber sah man Tote und Verwundete, Menschen und Pferde bei einander.