Schon nach kurzem umgingen fünf Männer leise das Schloß von allen Seiten. An der hintern Front desselben trafen sie zusammen, und hier öffnete einer unbemerkt ein Fenster, das ganz im Schatten lag. Sie stiegen vorsichtig ein, schlichen sich lautlos durch einen Korridor und standen dann vor einer verschlossenen Thür. Sie rüttelten daran, aber vergebens. Da befahl Konrad, mit aller Vorsicht ein Fach der Thürfüllung auszubrechen, was mittels der Waffen bald geschehen war. Einer von den Reitern schickte sich an, durch die Öffnung hineinzukriechen, aber mit einem Aufschrei fuhr er wieder zurück:

»Ich bin gestochen!«

Eine Sekunde lang erwog Schmidt, was zu thun sei – ob man die Thür einschlage und den Kampf aufnehme, aber dazu hatte er keine Ordre, und rasch gebot er den Rückzug. Ein Schuß hallte durch den Korridor ihnen nach, aber ohne zu treffen, und glücklich kamen alle fünf wieder ins Freie. In diesem Augenblicke begann durch die Jalousieen ein heftiges Flintenfeuer und schreckte die Reiter in ihrem Biwak auf.

Lützow stand mit dem eben eingetroffenen Maire auf der Freitreppe des Schlosses und geriet in Zorn und Unmut; er befahl der Eskadron, die im Schloßhofe lag, gegen das Gebäude vorzugehen, was auch unverzüglich geschah, aber das Fenster an der Rückseite war wie alle andern jetzt fest verschlossen und die Schüsse der Verteidiger krachten unheimlich durch die Nacht, während diesen selbst nicht beizukommen war. Schon hatte Lützow befohlen, Äxte herbeizuschaffen, um das Thor einzuschlagen, als die ausgestellten Feldwachen eilig die Nachricht brachten, daß starke Nationalgardenabteilungen heranrückten. Da blieb nichts übrig, als den Platz zu räumen.

Die Eskadron vor dem Schlosse draußen war schon bei dem ersten Schusse aufgesessen, sie ließ die andere aus dem Schloßhofe jetzt an sich vorbei und folgte als Arrieregarde. Es war völlig dunkel geworden, und unheimlich blitzten aus verschiedenen Fenstern Schüsse auf, hinunter in die enge Dorfgasse und auf die in raschem Trabe hinziehenden Reiter. Da erfaßte den Major der Zorn und er gebot, einige Häuser in Brand zu stecken, was auch trotz der Bitten des Maires, den man als Führer mitgenommen hatte, geschah.

Unheimlich loderte der Feuerschein auf, aber es war nicht der einzige, der nächtlicher Weile die Gegend erhellte. Kaum hatten die Reiter das Dorf hinter sich, als sie es auf allen Höhen ringsum aufleuchten sahen und erkennen mußten, daß die Bevölkerung der ganzen Gegend sich erhoben habe, um ihnen den Fortmarsch unmöglich zu machen. Der Weg, auf dem sie ritten, war enge, rechts stieg eine steile Bergwand empor, links zogen sich dichte Hecken hin, so führte er hin nach dem Dorfe Chesnes. Am Eingange der Dorfgasse sperrte ein Verhau von gefällten Bäumen und Geröll den Pfad, und Lützow hielt einen Augenblick an, um den Maire zu fragen, ob man nicht einen andern Weg einschlagen könne. Da dieser es verneinte, so wurde mit Säbelhieben die Hecke links durchbrochen, und durch die Öffnung ritten die Reiter zu zweien, um von der Seite her wieder in die Dorfstraße zu gelangen. Man war auf weichen Wiesengrund geraten, mußte über einen morastigen tiefen Graben, über den die Brücke abgebrochen war, erst einen Übergang mit in der Nähe gefundenen Brettern herstellen, und konnte sich jetzt erst der Dorfstraße nähern.

Schon aus den ersten Häusern krachten Schüsse, und Lützow kommandierte raschen Trab, so daß er mit seiner Eskadron ziemlich gut davon kam. Schlimmer ging es der nachfolgenden, bei welcher sich unsere Freunde befanden. Es war, als hätten die ersten Schüsse nur das Signal zum Angriff gegeben, denn rascher und dichter folgte nun das Feuern, eben als diese Eskadron sich in einem mehrere Fuß tiefen Hohlwege befand. In den Häusern, die an dem Rande desselben standen, waren alle Fenster beinahe unheimlich erhellt, so daß man die Gestalten mit den Büchsen an der Wange überall sehen konnte und der Lichtschimmer auch die unten hinziehenden Reiter traf. Einige Pferde stürzten getroffen zusammen, der ohnehin enge Weg ward noch mehr verengt, die ganze Kolonne kam ins Stocken, und was noch schlimmer war, sie verlor die Fühlung mit der vorausziehenden Eskadron.

Zum Unglück teilte sich im Dorfe der Weg, und während Lützow mit seiner Abteilung nach links abgebogen war, hielt sich die nachfolgende gerade aus. So kamen beide immer mehr auseinander. Die letztere hatte endlich mit einigen Verlusten den Ausgang des Dorfes erreicht. Hier ward Halt gemacht, Signale riefen durch die Nacht, einige Patrouillen wurden vorsichtig ausgeschickt, aber in der Finsternis war alles vergebens. Da hoffte man durch starken Trab die Eskadron Lützows zu erreichen, entfernte sich aber, da man eine ganz andere Richtung eingeschlagen hatte, immer mehr von derselben.

In tiefem Schweigen ritt die kleine Schar, nur einzelne redeten halblaut, wie sie, Pferd an Pferd gedrängt, dahinzogen. Schmidt und Zander hielten sich treu beisammen. Mutlosigkeit kannten sie nicht, und der gefährliche Streifzug durch insurgiertes Land hatte für die jungen, kecken Reiterherzen gerade einen besondern Reiz. Das Gelände, durch welches man ritt, war für die Kavallerie durchaus ungünstig. Bald ging es hinein in tiefe, enge Schluchten, bald empor an bewaldeten, steilen Berglehnen, bald hemmte ein Graben, bald hohe Hecken die Pfade, und dazu kam die Dunkelheit. Den Feuerschein der angezündeten Häuser von Chêtres, der den Himmel färbte, mußte man benutzen, um sich über die einzuschlagende Richtung zu orientieren, und der Führer der Eskadron – Lieutenant Beczwarzowski – beschloß, sich gegen die Maas zurückzuziehen, um aus dem aufständischen Ardennengebiet zu entkommen.

Endlich kam der Morgen und gestattete wenigstens einen Überblick. In einer abseits der Straße gelegenen Schlucht wurde jetzt Rast gehalten und gefüttert; am Rande der letzteren wurden Wachen aufgestellt, da man beständige Beunruhigung seitens der Nationalgarden zu fürchten hatte. Plötzlich tauchte trotz der Wachsamkeit der Posten mitten unter den Lützowern wieder die Gestalt jenes Bauernburschen aus Chêtres auf, der dort bereits Schmidt und seinem Freunde aufgefallen war. Sie bemerkten ihn auch hier wieder zuerst, und unter einem und demselben Antrieb eilten sie auf ihn zu und riefen wie aus einem Munde: