Die Chasseurs waren plötzlich nüchtern geworden, sie sahen sich um nach ihren Waffen, welche sie abgelegt hatten, aber die Drohung, daß sie bei dem Versuche, sich zu wehren, niedergeschossen würden, ließ sie widerstandslos sich in ihr Schicksal ergeben. Sie wurden einstweilen im Keller, von dessen Festigkeit und Sicherheit vorher erst genaue Kenntnis genommen war, eingesperrt, dann machten sich die Lützower daran, die Gemächer des Generals Sebastiani zu durchsuchen. Dabei fanden sie ein Schreiben, welches an ihn gerichtet und vielleicht von den Chasseurs überbracht worden war. Sie öffneten es und lasen darin von einem Anschlag, der gegen das kleine Streifkorps der Lützower unter Reiche gerichtet war, das am nächsten Tage in Neuhaldensleben durch Gendarmen und polnische Ulanen aufgehoben werden sollte.

Da galt es kein Säumen. Ohne Verzug mußte durch die Nacht weitergeritten werden, wenn möglich auf frischen Pferden. Darum begaben sich die beiden in den Stall, wo sie die Tiere der Chasseure, aber auch einige prächtige Rosse des Generals fanden. Das war gute Beute, und so verließen sie, nachdem sie die Pferde der beiden Franzosen, welche diese bestiegen hatten, zusammengekoppelt hatten, und hart vor sich hertraben ließen, den Hof und sprengten durch das Dorf.

Der Nebel hatte sich einigermaßen gelichtet, und der Mond machte einen schwachen Versuch, sich aus den Wolken herauszuringen. Am Gartenzaune des Bauern, der sie aufgenommen, standen ihre Pferde, dabei aber noch ein drittes, in dessen Sattel ein Reiter saß. Es war der Sohn des Bauern, und er sprach:

»Nehmt mich mit! Ich will ein Reiter werden wie Ihr, und dem deutschen Vaterlande dienen.«

Konrad reichte ihm die Hand.

»Weiß dein Vater drum?«

»Ja,« sprach in dem Augenblicke der Alte und trat näher – »und auch seine Mutter weiß es. Reit' mit Gott, Friedel, und hilf uns bessere Zeit erkämpfen! Trag' ihn gut, und bring' ihn wieder, Liese!« – Damit klatschte er leicht das Pferd auf den Schenkel, reichte seinem Jungen stumm die Hand, desgleichen den beiden Lützowern, und dann ritt der kleine Zug hinein in die Mainacht. Hannes aber stand am Gartenzaun und sah ihm nach, und Thränen rannen dem Jungen über die Wangen, daß er nicht mitkonnte.

Am Morgen trafen die Reiter in Neuhaldensleben ein, wo sich eben auch ein Kosakenpulk unter dem Obersten Timar eingefunden hatte. Die Lützower, die mit ihrer Beute freudig begrüßt wurden, brachten den Brief, welchen sie erlangt hatten, zu Lieutenant v. Reiche, und da Friedel, der Bauernbursche, wußte, daß sich etwa 80 Gendarmen in's Kloster Hadmersleben geworfen hatten, drängte Timar dazu, dieselben zu überrumpeln und aufzuheben.

Man war dazu um so mehr entschlossen, als gerade in den letzten Tagen manches geglückt war; durch kleine Streifpatrouillen war ein Mehltransport, eine französische Kasse und ein Trupp Pferde weggenommen und ein Courier aufgehoben worden, und das kleine Häuflein war in trefflicher Stimmung, als es von Neuhaldensleben ausritt. In der Nähe von Aschersleben hielt man Rast, da man erst gegen Abend den Überfall zu machen gedachte, und sattelte in einem Gehölz ab. So vorsichtig man dabei zu Werke ging, hatte man doch den Burschen nicht bemerkt, der, im Buschwerk versteckt, geschlafen hatte und nun erwachte. Mit finstern Blicken schaute er aus dem hohen Farnkraut hinüber nach den Reitern, die an ihm vorbeiritten, und da er Konrad Schmidt bemerkte, leuchtete es gehässig in seinen Augen auf.

Es war der Baumfrevler. Der war noch am Abend aus seinem Kellergefängnis entwischt und hatte sich trotz seines zerprügelten Leibes weitergeschleppt. Er kam von Hadmersleben, und im Augenblicke war es ihm klar, daß ein Anschlag gegen die dortigen Gendarmen geplant sei. Das wollte er verderben – das sollte seine Rache sein!