»Hier springen Sie hinaus – es ist nicht hoch, und unten ist ein Sandhaufen – eilen Sie zum Pfarrhaus und bleiben Sie dort mit Schmidt versteckt, ich hoffe, der Besuch bleibt nicht lange. Nur schnell fort – ich will schon die Burschen aufzuhalten suchen!«
Im nächsten Augenblicke hatte Zander den Sprung gethan und eilte nun an den Zäunen hin, während Bastian sich zu den Franzosen begab. Es waren zwölf Reiter mit einem Offizier, und dieser fluchte und wetterte in allen Tonarten. Einige von den Soldaten waren abgesessen und eben im Begriffe, ihre Pferde nach den Ställen zu führen, der Lieutenant aber verlangte Quartier und Lebensmittel für seine Leute. Wie Bastian, der sich nur unvollkommen französisch auszudrücken vermochte, noch mit ihm verhandelte und ihn mit seiner festen Würde zu beruhigen suchte, kam einer der Chasseurs hastig aus dem Stalle und brachte das Sattelzeug der Lützower.
Darüber entstand eine neue heftige Erregung, und Bastian selbst war einen Augenblick bestürzt.
»Feinde im Hause!« schrie der Franzose, – »wo sind sie – heraus damit!« Und mit dem blanken Säbel fuchtelte er dem Gutsherrn vor dem Gesichte herum. Der hatte bereits seine Fassung wieder; er sprach fest:
»In meinem Hause sind keine deutschen Soldaten, keine Preußen, und die Pferde gehören mir; das Sattelzeug habe ich vor langer Zeit gekauft.«
Der Offizier ließ sich nicht täuschen. Er gab seine Befehle, und im nächsten Augenblicke begaben sich vier der Chasseurs in das Haus, um es einer gründlichen Durchsuchung zu unterziehen, vier andere besetzten zu Pferde alle Ausgänge des Gutshofes, und die andern blieben zurück mit dem Offizier bei Bastian, der seine volle Ruhe wieder gewonnen hatte in dem Gedanken, daß man im Hause nichts finden werde.
So war es auch. Nach einiger Zeit kamen die Soldaten zurück mit ihren Meldungen, der Lieutenant begann aufs neue zu fluchen und zu wettern und wollte eben den Befehl auch für die andern geben, abzusatteln, als einer der Chasseurs, der das Haus nach der Rückseite zu umritten hatte, eilig die Mitteilung machte, daß dort ein Fenster im Obergeschoß geöffnet sei, darunter in einem Sandhaufen die deutliche Spur sich finde, daß Jemand herabgesprungen sei, und in dem weichen Boden, der von dem Regen des vorhergehenden Tages noch nicht fest geworden, die Abdrücke von schweren Stiefeln sich fänden.
Bastian wurde einigermaßen bleich; der Offizier, zorniger als zuvor, schnaubte etwas von »Verrat« und von »Füsilieren lassen« und befahl in der That, den Gutsherrn zu fesseln. Nun war auch dessen Frau herbeigekommen, die schluchzend in Thränen ausbrach, aber Bastian beruhigte sie mit festen, milden Worten. Indes ward der Gutshof neuerdings von allen Reitern besetzt, damit niemand hinaus konnte, und fünf Chasseurs unter einem ältern, bärtigen Unteroffizier folgten der Spur, die an den Gartenzäunen entlang führte.
Im Erdgeschosse des alten Pfarrhauses saßen drei glückliche Menschen, die Eltern im Anschauen des prächtigen, kernfrischen Sohnes versunken, und dieser, Herz und Augen voll Begeisterung und mit beredtem Munde, erzählte von der gewaltigen Bewegung im deutschen Lande, die nur mit leichten Wellen in diese stillen Waldwinkel hereinbrandete.
Auch hier verging die Zeit wie im Fluge, und die kranke Mutter schien von Minute zu Minute mehr aufzuleben; die bleichen Wangen hatten sich gerötet, und aus den hellen Blicken redete Stolz und Glück. Da wurde plötzlich die Thür hastig geöffnet; im Eingang stand ein hochgewachsener Lützower, dem die Erregung auf dem Antlitz stand, barhäuptig und tief atmend, und ehe noch die andern ihrer Überraschung und ihrem Erschrecken Ausdruck geben konnten, rief er: