Um stärkeren feindlichen Truppen auszuweichen, ritten die Lützower im Bette des Rodaflüßchens aufwärts bis auf die Straße nach Neustadt, und hier wurde ein Rasttag gehalten, der Pferden und Reitern gleich nötig war. Hier war es, wo nach gewohntem Brauche und Recht Konrad Schmidt von seinen Kameraden zum Volontäroffizier ernannt wurde, und nur Einer hatte sich widerwillig der von Theodor Körner gemachten Anregung gefügt, Bastian.
In seiner Seele war der alte Groll mit erneuter Heftigkeit gerade in seinem Heimatorte erwacht, und dieser wurde um so erbitterter, je weniger er sich offen kundgeben durfte, wegen der allgemeinen Sympathien, welche Schmidt genoß. Bastian selbst war bei seinen Kameraden nicht beliebt wegen seiner Neigung zum Trunk und zu Roheiten, unter welchen nicht bloß sein Pferd zu leiden hatte, und er stand ziemlich vereinsamt im Korps. Das ließ die geringe Begeisterung, die er gehabt hatte, bald völlig erkalten, so daß er am liebsten den Rock wieder ausgezogen hätte, den er doch nur besonders auf Antrieb seines Vaters angelegt hatte.
Auch seinen Mut begann man, wenigstens heimlich, in Zweifel zu ziehen, wenigstens konnte man eine besondere Bethätigung desselben ihm nicht nachsagen.
Über Schleiz, wo abermals hundert Rheinbündler aufgehoben wurden, ging es ins Vogtland, und in Plauen wurde Rast gehalten, während eine Abteilung gegen Hof vorgeschoben wurde, um sich dieser Stadt zu bemächtigen.
Alles war in trefflichem Zuge, um so mehr als die Nachricht von der Schlacht bei Bautzen alle Gemüter bewegte. Zwar hatten die Verbündeten den Rückzug antreten müssen, aber es war in aller Ordnung geschehen, und der alte Blücher hatte gesagt: »Ein Schuft, wer da spricht, daß wir fliehen!« ja Napoleon selbst hatte in seinem Unmut geäußert: »Nach einer solchen Schlacht kein Resultat, keine Gefangenen, keine Kanonen, keine Fahnen? – Diese Menschen werden mir keinen Nagel zurücklassen.«
So war die Stimmung eine gehobene und kampfesfrohe. Im Biwak saßen die jungen Reiter beisammen, frische Liedesweisen erklangen, und selbst Konrad war über den Schmerz um den Tod der Mutter hinweggekommen. Er saß bei Körner, der mittlerweile Lützows Adjutant geworden, und der mit seiner sonnigen Heiterkeit ihm schon über manche trübe Stunde hinweggeholfen hatte, und der auch heute wieder, die Guitarre im Arme, die Kameraden mit seinen frischen, trefflichen Liedern ergötzte.
Da erschien mit einem Male der Major selbst in dem fröhlichen Kreise. Sein Gesicht war finster und erregt, unmutig hatte er die Enden seines blonden Schnurrbarts aufgedreht, und während sich alle zu seiner Begrüßung erhoben, rief er:
»Laßt das Quinkelieren und Jodeln, Kinder! Wir können den Säbel in die Scheide stecken – – Waffenstillstand giebt's!«
Das Wort brachte eine allgemeine Erregung hervor, alle drängten um den Sprecher, und dieser fuhr fort:
»Eben ist der Lieutenant von Kropff von Hof eingetroffen und hat's mitgebracht – wir sind lahm gelegt, und müssen wieder zurückgehen auf preußisches Gebiet!«