Das geschah auch, und das Gefängnis, das man ihnen anwies, war nicht besonders freundlich; nur den einen Trost hatten sie, daß man sie nicht trennte. Der Lieutenant hatte beim Abschied noch ein entschuldigendes Wort sprechen wollen, aber sie hatten ihm den Rücken gewendet und waren froh, als sie allein waren. Sie setzten sich nebeneinander auf die harte Pritsche und suchten sich gegenseitig Mut einzureden, obwohl jeder von ihnen darüber klar war, daß ihre Sache schlimm und bedenklich stehe, bis endlich Konrad ruhig sprach:

»Was quälen wir uns mit gegenseitiger Tröstung, Freund! Fassen wir die Sache wie sie ist; das Schlimmste, was uns geschehen kann, ist, daß sie uns erschießen, und dann sind wir ja auch fürs Vaterland gestorben.«

Fest drückte ihn Zander an die Brust.

»Du bist ein excellenter Junge, Konrad! Sieh, das ist meine Meinung auch, und da wir uns darüber erst klar sind, laß uns mit der Resignation des guten deutschen Gewissens abwarten, was nun kommen wird. Laß uns zuvörderst einmal Umschau halten von unserm Tuskulum!«

Ein einziges, kleines, hochliegendes und vergittertes Fenster gab dem Raume ein spärliches Licht; unter dasselbe rückten sie die Holzpritsche, und wenn sie sich darauf stellten und die Köpfe dicht nebeneinander legten, konnten sie hinausblicken ins Freie. Da lag die Welt im lachenden Sommersonnenschein: Zunächst vor ihnen die Stadt mit weißen Häusern und grünen Gärten und über dieselbe hinaus ein freundliches Gelände, Felder und Wiesen, durchschnitten von dem glitzernden Bande eines Flüßchens, und im Hintergrunde blauten Berge; es mochte wohl das Rhöngebirge oder der Thüringerwald sein. Den beiden ward es wunderlich ums Herz, und es wollte sie doch etwas wie Wehmut erfassen, daß sie vielleicht von alle dem für immer scheiden oder mindestens nicht auf freier deutscher Erde einen frischen Reitertod finden sollten. Konrad dachte auch an Elise und sandte über Thal und Höhen hinweg seinen Herzensgruß der fernen Braut. Sollte auch hier sein schönstes Hoffen zu nichte werden?

Um die Mittagszeit kam ein graubärtiger Schließer und brachte ihnen das einfache Mahl und frisches Trinkwasser. Er sah bärbeißig aus, aber aus seinen Augen leuchtete doch ein Schein von Gutmütigkeit; er war ein Deutscher und gab auf einige ihrer Fragen kurze, nicht unfreundliche Antworten. Als sie fragten, was er wohl wegen ihres Schicksals meine, zuckte er die Achseln, sah sich dann um, als ob er unberufene Ohren fürchtete, und knurrte:

»Die Gerechtigkeit arbeitet hier manchmal rasch, und der General ist Franzose!«

Dann ging er schnell, als ob er schon zu viel gesprochen, und die Thüre schlug hinter ihm zu.

Die beiden Freunde schliefen diese Nacht mit der Ruhe des guten Gewissens und sahen am nächsten Morgen wieder in das sonnige Land hinaus, als es draußen von Waffen klirrte. Sie stiegen von der Holzbank. Die Thür aber öffnete sich und ein junger Offizier kam, gefolgt von einigen Soldaten, um sie vor das Kriegsgericht zu führen. Ja der alte Schließer, der ihnen ernst nachsah, hatte recht: die Justiz ging sehr schnell.

Sie wurden über die Straße nach einem andern Gebäude geführt und dort in einen kleinen Saal gebracht, wo an einem länglichen Tische einige höhere Offiziere und der General Garnier saßen. Ein Auditeur, welcher der deutschen Sprache mächtig war, führte das Verhör, das öfters durch barsche Zwischenrufe des Generals unterbrochen wurde. Es währte nicht lange, und da die beiden Gefangenen nicht in Abrede stellen konnten noch wollten, daß sie unter Lützow gefochten, lautete die allgemeine Entscheidung dahin, daß sie als Spione und Aufwiegler ins Land gekommen, und demgemäß wurde auch das Urteil gefällt, das am nächsten Tage bereits vollzogen werden sollte: Tod durch Pulver und Blei.