Der Verlag des
Evangelischen Bundes.

Der Herausgeber:
Professor Dr. Friedrich Ulmer.


Im Jahre 1865 trat ich in das Prämonstratenser-Chorherrnstift Tepl bei Marienbad in Böhmen als Novize ein, nicht mit freudigem Herzen einem inneren Drange folgend, sondern unter dem Druck der Verhältnisse und der Wünsche meiner Eltern. Diese waren unbemittelte Leute, die sich außerstande sahen, die Kosten für ein freies Hochschulstudium aufzubringen und zudem in ihrem fromm-katholischen Sinn fest daran glaubten, daß der geistliche Beruf nicht nur der schönste sei, sondern ihrem Sohn und ihnen selbst den Weg zum Himmel zu ebnen vermöge. Im Hause wurde vor und nach jeder Mahlzeit laut gebetet, der tägliche Frühgottesdienst wurde ebenso wie die monatliche Beichte und Kommunion nie versäumt, und ich selbst versah seit meinen Knabentagen bei der Messe den Ministrantendienst und übte denselben ganz ungewöhnlicher Weise bis zu meinem Abgang vom Gymnasium.

Dies war in der Hand von geistlichen Professoren, Mönchen des von Wallenstein gegründeten Klosters, denen aber nachgerühmt werden muß, daß sie frei von jedem Fanatismus waren und ihres Amtes in bester und vorurteilsfreier Weise walteten, und da sie auch wohlgenährt und heiter in die Welt sahen, so lag es nahe, auch in bezug auf leibliches Wohlbefinden und Behagen den Klosterberuf als den besten zu betrachten. Von einer evangelischen Konfession wußte man in der Heimatstadt so gut wie nichts, nur galten ganz allgemein die Protestanten als Ketzer, und ich entsinne mich, daß, als ich, noch Knabe, mit meinem Vater einst durch ein in der Diaspora gelegenes evangelisches Dorf wanderte, ich mich vor den friedlichen Leuten fürchtete im Glauben, daß sie uns überfallen würden.

Ich war im Grunde gedankenlos ins Kloster eingetreten und sollte hier immer wieder manches sehen und erleben, was zum Nachdenken anregte und die idealen Vorstellungen vom Ordensleben immer mehr trübte. Das war wohl zunächst der Fall bei dem Chorgebet. Die Novizen mußten sechsmal des Tages in die Kirche bzw. in das Oratorium gehen und viermal wurden dabei die Horen (Tagzeiten) abgebetet, die in der Hauptsache aus den von sich gegenübersitzenden Ordensleuten alternierend und mit monotoner Schnelligkeit gesprochenen Psalmen bestehen. Der Neuling ist davon wenig angenehm überrascht; es ist kein Beten, dies mechanische Hersagen der lateinischen Worte, bei denen sich wohl keiner etwas denkt, zumal der ganze Vorgang gewohnheitsmäßig wird und beinahe an die Gebetsmühlen des Orients gemahnt. Jede Tageszeit beginnt mit den Worten: »Domine, ad adjuvandum me festina« (Herr, eile mir zu helfen), aber richtiger wäre es, wie auch ein junger Kleriker mir auf mein Befremden scherzweise sagt, zu sprechen: »Domine, ad festinandum me adjuva!« (Herr, hilf mir beim Eilen.) Eine weitere Enttäuschung ergab sich, je mehr man die einzelnen »Brüder« kennen lernte. Das war beinahe eine Sammlung menschlicher Spezialitäten in engem Raume. Da war neben dem behaglichen Genußmenschen, dem sein Bauch zum Gott geworden, der in seinem Lebenskampf ernst gewordene Mann, der schweigend und einsam einherging und sein Empfinden in tiefster Brust begrub; da schritt, verbissen und verbittert über sich und andere, mit gelber, galliger Miene einer hin, der seinen Geifer über alles ausgoß, und ein anderer, kindlich und kindisch zugleich, übte Torheiten und Lächerlichkeiten. An der Kanzel im Refektorium standen in lateinischer Sprache die Worte: »Wie schön ist's, wenn Brüder in Eintracht wohnen«, und sie konnten manchmal wie eine bittere Ironie erscheinen, denn die »Brüder« lebten nicht immer in Eintracht. Abgesehen von kleinlichem Neid, unverhehlter Mißgunst und Strebertum, was die Eintracht nicht zu fördern vermochte, fand sich sogar offene Feindschaft und finsterer Haß. Hier gab es Brüder, die jahrelang kein Wort wechselten, Rücken gegen Rücken bei Tisch saßen, wenn die Reihenfolge sie verurteilte, Nachbarn zu sein, ja selbst Tätlichkeiten sollen nicht ausgeschlossen gewesen sein. Das enge Beisammenwohnen, der tägliche Verkehr, der Zwang der Regel schleift die Charaktere nicht ab, sondern verschärft ihre Gegensätze. Geringfügige Streitursache, die in der Welt leicht verwunden wird wie ein unbedeutender und verheilender Hautritz, wird eigensinnig weitergesponnen und zu unheilbarem Geschwür.

Für den jungen Novizen sind solche Bilder wenig geeignet, das Ordensleben in freundlichem Lichte erscheinen zu lassen, zumal wenn er sieht, wie Priester mit unbrüderlichem Herzen, ja voll Haß vor den Altar treten und in der Messe den Leib des Herrn genießen, und manches wird fast unbewußt in ihm erschüttert, was er im Kloster erhofft und ersehnt und an das er auf dem Boden der Kirche geglaubt hatte.

Auch manches, was der Glaube fordert, wie beispielsweise die Heiligenverehrung, sah man mit anderen Augen an. So befanden sich in der Kirche auf einem Seitenaltar Reliquien zweier Heiligen, und mitunter knieten wohl auch meist Altmütterchen davor und beteten. Da hatte ich eines Tages, wie es mitunter vorkam, die Aufgabe, fremde Besucher aus Marienbad, die sich während des Sommers häufig einfanden, in Bibliothek, Museum und Kirche herumzuführen und sie auf besondere Sehenswürdigkeiten aufmerksam zu machen. Vor den Reliquien blieben sie stehen, und ein würdiger älterer Herr, wohl aus guten Gesellschaftskreisen, fragte mich durchaus ernst: »Glauben Sie denn wirklich an Wunder, die die Heiligen üben und an ihre Fürbitte beim lieben Gott?« Ich geriet bei der Frage unwillkürlich etwas in Verlegenheit und konnte nur sagen: »Ich trage das Ordenskleid des heiligen Norbert« – aber die Frage kam mir nicht aus dem Sinn. Waren die Heiligen wirklich gleich Gott selbst allgegenwärtig und allwissend, um alle die Gebete, die an den verschiedensten Orten der Welt, und an ihren Gedächtnistagen von Tausenden zugleich, an sie gerichtet wurden, kennenzulernen, geschweige erfüllen bzw. bei Gott Fürbitte leisten zu können? Und waren die Wunder, die in der zweiten Nokturne des Matutinums von dem jeweiligen Tagesheiligen erzählt wurden, wirkliche Geschehnisse oder oft recht fantastische Märchen?

So folgte eine Beunruhigung der anderen, zumal auch manches Persönliche sich unangenehm aufdrängte. Da lernte ich einen alten Pfarrer kennen, der im Kloster im Ruhestand lebte, den seine vormalige Köchin hier aufsuchte, um, wie ich sub rosa von dem Pförtner erfuhr, eine Unterstützung für den gemeinsamen Sohn zu erbitten, und ein geistesschwacher, ja geradezu hirnschelliger Priester, der wohl nicht in diesem Zustande ins Kloster gekommen war, flüsterte mir wiederholt zu, ich möge rechtzeitig das Kloster verlassen. Auch einen tiefunglücklichen Mitnovizen hatte ich, der gleich mir ohne eigentlichen Beruf in den Orden eingetreten war und in Trübsinn und Schwermut dahinlebte, während ich bereits damals in literarischer Beschäftigung Ablenkung und Trost suchte.