Erregend, aber nicht erhebend und seelisch läuternd wirkte auch eine Jesuitenmission. Drei Priester des Ordens S. J. waren für drei Tage in das Stift gekommen. Der Superior war eine mittelgroße Persönlichkeit mit scharfgeschnittenen Zügen, durchdringenden Augen und kurzgeschorenem ergrauten Haar, der zweite, ein Graf Klinckowström, der vordem Offizier gewesen sein soll, eine stattliche, breitschultrige Erscheinung mit einem beinahe jovialen Gesichtsausdruck, und der Dritte war hager und sehnig und hatte im ganzen Wesen etwas Asketisches. Essen und Trinken ließen sich alle drei wohlschmecken. Jeder predigte täglich einmal, so daß wir, zumal die üblichen Gebetszeiten nicht ausfielen, aus dem Gotteshause nicht herauskamen, aber das Zuviel verfehlte auch hier seinen Zweck und machte müde und verstimmt. Der Superior sprach geistvoll und klar, mit bestimmter Tendenz; der Asket predigte heiß mit einem Anhauch von fanatischer Schärfe, die die Seele in ihrer Tiefe aufwühlte, und doch waren es Steine, die er statt Brotes gab. P. Klinckowström zu hören war ein Genuß. Er bot ein geistvolles Feuilleton, frei von jedem gehässigen Einschlag und mit seinem allgemein religiösen Grundton eventuell auch geeignet und anregend für die Bekenner einer anderen Konfession. Zu den Exerzitien waren zahlreiche Brüder von auswärts gekommen; wer immer in der Seelsorge entbehrt werden konnte, war erschienen. Das Refektorium war gefüllt, die Mahlzeiten aber wurden in jenem tiefen Schweigen eingenommen, das überhaupt für die Dauer der Mission Vorschrift war, doch das Schweigen wirkte nicht erhebend, sondern geradezu drückend, und wir Novizen dispensierten uns auch abends davon.

Da es Schwierigkeiten gemacht hatte, alle Brüder unterzubringen, mußten wir Jüngsten unsere Zimmer räumen und wurden gemeinsam in einem größeren Gemache untergebracht. Da es an Bettstellen mangelte, hatte man uns Strohlager bereitet, was uns nicht störte. Bequem war der Aufenthalt nicht; ein Tisch und einige Stühle waren die ganze Einrichtung. Hier saßen wir abends beisammen, und da gab es ein halblautes Schwätzchen, bei dem der heitere Anklang um so weniger fehlte, als die Situation geradezu dazu lockte, denn das Beisammensein mahnte an eine Schneiderwerkstatt, wenn wir flüchtig werdende Knöpfe dingfest machten oder sonstige kleine Reparaturen an Hose und Weste vornahmen; Schlimmes war gewiß nicht dabei, aber der Ernst des Tages wurde abgemildert.

Auch zur Beichte gingen wir bei den Jesuiten. Eine peinliche Gewissensforschung war vorausgegangen, aber auch diese genügte nicht, und der Beichtiger stellte selbst seine Fragen. Er griff in die heimlichsten Winkel der Seele, und manches trieb mir die Schamröte in die Wangen, manches habe ich wohl gar nicht verstanden. Die Buße bestand in Gebetsübungen, die ich mit Eifer erledigte, ohne mich dabei seelisch ruhig zu fühlen. Noch am späten Abend entsann ich mich einer Kleinigkeit, die wohl gar keine Sünde war, mir aber in meiner Stimmung als solche erschien und die ich in der Beichte nicht erwähnt hatte. Da das Gewissen geradezu beängstigt war, ging ich noch abends auf das Zimmer des Superiors und erklärte, daß ich etwas zu beichten vergessen habe. Mit ernstem Gesicht zog er einen Schemel zu seinem Stuhle, hieß mich darauf niederknien, machte das Kreuzzeichen und nahm mein Bekenntnis entgegen, worauf er mir nach Auferlegung der Buße eines Vaterunsers die Absolution erteilte.

In jenen Tagen aber erwachte zuerst mein Bedenken gegen die Beichte überhaupt, zumal mir ein in Paderborn erschienener und wohl zunächst für Kinder bestimmter »Beichtspiegel« zur Hand kam, der mich bei klarer und ruhiger Erwägung geradezu zur Erkenntnis brachte, daß wer dies zusammengestellt, sich an der Jugend schwer versündige. Dieser Fragezettel war ganz dazu angetan, des Kindes Herz und Geist zu verwirren und geradezu unreine Gedanken in ihm zu erwecken. An der Hand der zehn Gebote und der Kirchengebote wird Frage auf Frage gehäuft. So heißt es betr. des sechsten und neunten Gebotes: »Ich habe über Unreines freiwillig nachgedacht. Wievielmal? Ich habe Unreines freiwillig angesehen. Wievielmal? Ich habe schmutzige Reden gern angehört. Wievielmal? Ich habe Unreines getan (allein oder mit anderen). Wievielmal? Ich habe Unreines an mir zugelassen. Wievielmal? Ich habe das Verlangen gehabt, Unschamhaftes zu tun. Wievielmal?« Gegen das siebente Gebot: »Ich habe genascht. Ich habe gestohlen. (Obst? Eßwaren? Schulsachen? Kleidungsstücke?) Wievielmal? Ich habe Geld weggenommen. (Wieviel? Den Eltern, Geschwistern oder anderen?) Ich habe gefunden. (Was?) Ich habe den Willen gehabt, anderen Schaden zuzufügen (an Büchern? An Kleidern? An Bäumen?) Wievielmal? usw.« Daß eine solche Behandlung der Beichte nicht im Sinne und Geiste des Heilands sein könne, wurde mir damals schon klar; ebensowenig aber konnten es Schilderungen des Fegefeuers und der Hölle sein, die etwas später mir zur Hand kamen. So las ich betr. des Fegefeuers in einem Hefte, das in Oberbayern mit bischöflicher Genehmigung veröffentlicht worden war: »Die Glut des Fegefeuers ist so groß und die armen Seelen werden so arg gepeinigt, daß die arme Seele dort in einer Minute mehr leidet, als in vielen, vielen Jahren auf Erden. Seelen der Abgestorbenen, welche den noch auf Erden Lebenden erschienen sind (!), haben erklärt, daß eine Stunde ihnen wie hundert Jahre erscheine. – Von der Dauer abgesehen, gibt es keinen Unterschied zwischen den Qualen der Hölle und des Fegefeuers, wie der heilige Thomas von Aquin bezeugt, (der übrigens auch aussagt, daß das Feuer kein unstoffliches, sondern ein wirkliches und materielles sei). Je mehr Brennstoff, d. i. Sünden jemand hinüberbringt, desto länger und mehr wird er gebrannt, wie der heilige Bonaventura versichert. Die Schmerzen des Fegefeuers richten sich nach den begangenen Sünden, weshalb z. B. jener, der durch Fraß und Völlerei gesündigt hat, fasten und Hunger und Durst leiden muß.«

Auch über die Ablässe wurde in dem Hefte gesprochen: »Der Sohn Gottes hat all sein Blut in so reicher Fülle vergossen, daß von der Fußsohle bis zum Scheitel nichts Gesundes an ihm gefunden worden. Durch diese Blutvergießung hat er den unendlichen Schatz der Ablässe gestiftet, die die Päpste nach Gutdünken austeilen. Christus entläßt keinen aus dem Fegefeuer, wenn er nicht seine Schulden bis zum letzten Pfennig bezahlt hat. Ach, würde der liebe Ablaß nicht so reichlich verliehen, so würden wir wahrscheinlich nicht vor dem jüngsten Tage aus dem Fegefeuer erlöst.«

Von selbst drängte sich mir die Frage auf: Wie reimen sich diese Qualen mit dem Glauben an einen allgütigen Gott zusammen? Das wären raffinierte Qualen, wie nur eine perverse menschliche Phantasie sie aussinnen kann und Gottes unwürdig. Woher kennen übrigens Thomas von Aquin und der heilige Bonaventura das Fegefeuer so genau, von dem doch in der Heiligen Schrift nicht die Rede ist, und das sich kirchengeschichtlich wohl erst Jahrhunderte nach Christo findet? Und weiter: Was brennt denn eigentlich in diesem wirklichen Feuer? – Der sündige Leib? – Dieser ist doch begraben worden und zerfallen, die Seele aber ist nichts Materielles und kann doch von wirklichem Feuer nicht berührt werden. Mit einem anderen Leibe, dessen Substanz wir nicht kennen, ist jedoch nicht gesündigt worden, warum soll er für den sündhaften leiden? Substantiell aber müßte er doch sein, da von den »Händen« der armen Seelen gesprochen wird, sowie davon, daß sie mit Hunger und Durst bzw. mit Fasten gestraft werden. Das waren Widersprüche, über die ich mich nicht zu beruhigen vermochte, und diese innere Unruhe steigerte sich noch, als mir nachmals ganz zufällig das im Jahre 1838 in Augsburg erschienene Buch des Kapuzinermönchs P. Cochem über »Die vier letzten Dinge« in die Hände fiel, von dem man nicht glaubt, daß es ein Priester der Gottes- und Menschenliebe geschrieben habe. Das gilt besonders von der Schilderung der Hölle, die P. Cochem so genau kennt wie sein Klösterchen, und in der ihm kein Winkel fremd ist. Wie er zu dieser Kenntnis gekommen, verschweigt er, und man könnte meinen, daß der Teufel selbst ihn gelegentlich eingeladen habe, sich in seinem Bereiche umzusehen. Es ist ein Buch, das für keinen ehrlichen Diener Gottes vorhanden sein dürfte, höchstens als abschreckendes Beispiel, wie man nicht für die Religion der Liebe und für die wahre Kirche Christi wirkt.

P. Cochem weiß genau, daß die Hölle 50 Kubikmeilen groß ist, also Hunderttausende aufzunehmen vermag, zumal nicht jeder Verdammte sich beliebig frei bewegen kann, sondern alle zusammengedrängt sind, wie es enger unmöglich. In Feuersglut leiden alle; einige werden in Bratpfannen gebraten, andere an Bratspießen umgewendet, wieder andere in zerschmolzenem Blei, Eisen und Erz gesotten. In diesem glutflüssigen Erz sitzen einige bis an den Nabel, einige bis an die Brust, einige bis an den Hals und einige bis über den Kopf. (!) Ihre Eingeweide und Gedärme, Lunge und Leber, Beine und Rippen, Herz und Herzkammer sind mit Feuer angefüllt, gleichwie ein Schwamm, der im Meer liegt und durch und durch mit gesalzenem Wasser angefüllt ist. Wenn nun der arme Verdammte im feurigen Schwefel so lange gesotten, bis er durch und durch glühend geworden ist, so nehmen ihn die Teufel mit eisernen Haken heraus und werfen ihn wie einen Mühlstein mit großem Geschrei in einen gefrorenen Teich so tief hinein, daß ihm das Wasser hoch über dem Haupte zusammenschlägt. Der feurige Schwefelteich und der gefrorene Teich sind nahe beieinander, und weil die teuflischen Wüteriche die Verdammten aus einem Teiche in den anderen werfen, so ist ein solches rasendes Geschrei und Geheul daselbst, daß es auf hundert Meilen gehört werden könnte. Das höllische Wasser des gefrorenen Teiches selbst ist ganz faul, vergiftet und stinkend; es sind darin soviele giftige, abscheuliche Kröten, Schlangen und höllisches Ungeziefer, daß einem grauset, daran zu denken. Diese teuflischen Würmer aber tun nichts, als den Leuten das Blut aussaugen und ihnen das Fleisch vom Leibe abfressen. (!) Die Verdammten erhalten als Speisen (!) ganze Schüsseln voll geschmolzenen Pechs, Bleis, Schwefels, voll Kröten und giftigen Ungeziefers, und die Teufel schieben ihnen die scheußliche Nahrung in den Mund und gießen ihnen große Becher geschmolzenen Erzes und Gifts in den Hals.

So lehrt der katholische Pater Cochem im 19. Jahrhundert, und seine Ausführungen wimmeln, abgesehen von allem anderen, von oft geradezu naiven Widersprüchen und unsinnigen Angaben. Das alles erschütterte aber immer mehr meinen Glauben an die Wahrheit bezw. Reinheit der Lehre der »allein seligmachenden« Kirche, in der solches offen und mit bischöflicher Genehmigung gelehrt werden durfte, empfindlich und schaffte mir manche schwere Stunde, in der ich mich einsam quälte.

Nach dem Noviziat wurden wir Kleriker, und nun begann das Studium der Theologie, und es gab neue Enttäuschungen, denn es bot nicht das geringste für Geist und Herz. Die Professoren an der theologischen Hausanstalt, durchaus ehrenwerte Priester, versahen ihr Amt schablonenhaft, diktierten ihre (mehrfach lateinischen) Vorträge, die wörtlich auswendig gelernt werden mußten und die Sehnsucht weckten nach der Prager Hochschule, an die wir mit besten Erwartungen gingen, um dort die letzten vier Semester zu absolvieren. Aber auch sie bot uns nichts, was wenigstens ich erhofft hatte und wonach ich suchte.

Die theologische Fakultät hat nur einen ganz losen Zusammenhang mit der altehrwürdigen Karl Ferdinand-Universität in Prag, der ältesten deutschen Hochschule überhaupt; sie ist vielmehr eine erzbischöfliche Anstalt, an der es weder Lehr- noch Lernfreiheit gibt. Ich hatte mich in den wenig erquicklichen Tepler Studienjahren auf die Tage gefreut, da ich, zu den Füßen tüchtiger, geistvoller Lehrer, eine Fülle von Anregung und Wissen zu erhalten hoffte, aber schon die erste Zeit bekundete, daß nur die Personen sich geändert hatten. Das Schwören auf des Lehrers Worte und das Goethe'sche: »Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen«, waren auch hier völlig am Platze. Der Lehrstoff wurde vielfach vorgelesen bzw. diktiert, und die erste Tätigkeit des Studierenden bestand im Nachschreiben, die andere im Einlernen des Aufgeschriebenen, denn jede Stunde wurde wie in Mittelschulen examiniert, und es mußte wörtlich hergesagt werden, was das Gedächtnis aufgenommen hatte. Das hatte seinen Grund wohl auch darin, daß der alte Zopf verlangte, daß die meisten theologischen Disziplinen in lateinischer Sprache vorgetragen wurden. Vom Gymnasium brachte keiner ein derartiges Wissen mit, daß er sich mit Gewandtheit und Sicherheit in der fremden Sprache ausdrücken könnte, und so blieb bei der strengen Forderung nichts übrig, als wortgetreu auswendig zu lernen. Wenn man das durch vier Jahre lang trieb, konnte man die fremde, tote Sprache endlich radebrechen, aber oft in einer Weise, daß sich einem richtigen Philologen die Haare gesträubt hätten: Kirchenlatein! Und dabei wurde soviel Unnötiges, Unpraktisches und Unklares aus alter Gewohnheit und als leerer Ballast für das Leben geboten, daß der Hörer gar nicht über das rein Aeußerliche hinauskam und bei dem beständigen Memorieren ermüdet und verstimmt wurde; Herz und Verstand kamen dabei zu kurz, und die Freude an dem Beruf konnte so unmöglich gefördert werden. Das lag auch wohl zum Teil an den Lehrkräften, durchaus achtenswerten Männern, die aber mitunter selbst wenig Eigenes zu bieten hatten, die lateinische Sprache nur mangelhaft beherrschten und schon darum genötigt schienen, sich ihre Hefte zusammenzuschreiben, zu diktieren und wörtlich abzuprüfen. (Als besonders tüchtig galt unter den Lehrern der Professor der orientalischen Sprachen, der nachmals das Ordensgewand – er war Kreuzherr – ablegte und der Professor der Moraltheologie, ein Zisterziensermönch des Klosters Ossegg, Sales Meyer, der zu den besonderen Beratern des Kardinal-Erzbischofs gehörte und nachmals Abt seines Stifts wurde.)