Damals aber stieg auch immer lebhafter in mir der Gedanke auf von der Notwendigkeit einer Erneuerung der Kirche Christi im Sinn des einzig wahren Evangeliums, einer Erneuerung, die mit allem aufräumte, was im Lauf der Zeit geradezu Unchristliches hineingetragen ward, was der Heiland niemals gelehrt hatte und nie gewollt haben konnte. Und da ging mir durch den Sinn, daß schon vor Jahrhunderten eine solche Erneuerung erfolgt war – die Reformation des Augustinermönchs Martin Luther. Wenig genug war mir davon bekannt, und auch das nur in der einseitigen Beleuchtung katholischer Lehrer, für die Luther ein verwerflicher Ketzer war, dessen Namen man nur mit Verachtung, ja Gehässigkeit nannte. Zum ersten Male erschien mir dieser Mann wie in anderem Lichte, und mich erfaßte das lebhafte Verlangen, näheres von ihm und seiner Lehre kennenzulernen. Ich las mit Eifer, was immer ich über ihn und sein Werk in Prager Bibliotheken finden konnte, und sein Bild begann sich für mich immer mehr zu klären und seine Lehre mich wie mit gesundem Hauche anzuwehen. Aber noch sah ich keinen Weg, um zu ihm zu gelangen, nur das Eine wurde mir immer mehr klar, daß ich im Ordensleben für immer unglücklich werden müßte, da ich meine Pflichten nicht ohne Sünde zu üben vermöchte, und daß der Glaube, in dem ich aufgewachsen, für immer auf das Tiefste erschüttert war.
Da starb meine Mutter, deren Wunsch und Drängen zumeist mich in das Kloster geführt, und mir war es, als würde ich damit von einer widerwillig übernommenen Verpflichtung befreit. In meiner verzweiflungsvollen Verlassenheit schaute ich immer sehnender nach einer Erlösung aus meiner Seelennot aus. Angesehene Persönlichkeiten hatten sich der neuen kirchlichen Bewegung des Altkatholizismus angeschlossen, und auch ich erwog den Gedanken, dem altkatholischen Bekenntnis beizutreten, aber nähere Erwägung ließ mich erkennen, daß dies im Grunde nur eine Halbheit wäre, die mich nicht zu befriedigen vermöchte. Vor allem aber galt es die Bande zu lösen, die mich an Ordensleben und Ordenssatzungen fesselten, doch wie sollte das geschehen? Ich hatte nicht die mindesten Beziehungen, die mir hätten helfen können, war völlig unerfahren der Welt gegenüber und auch ohne alle materiellen Mittel, um mich selbst nur für kurze Zeit über Wasser halten zu können.
Da erfuhr ich, als ich eben meine Ferien in Stift Tepl verlebte, daß sich in Marienbad Herzog Ernst II. von Coburg-Gotha aufhalte. Ich weiß nicht, weshalb mir bei diesem Namen das Herz aufging. Ich hatte mich wenig um Politik gekümmert, kannte auch nur wenig von den Verdiensten des volkstümlichen deutschen Fürsten um die Förderung und Erneuerung deutschen Wesens und Strebens, aber bekannt war doch sogar mir der gesunde Idealismus seiner Persönlichkeit, sein lebhaftes Interesse an Kunst und Wissenschaft und das Wohlwollen, mit dem er bedrängten Geistern ein Asyl in seinem Lande gab, und da faßte ich den Vorsatz, mich an ihn zu wenden, ihm offen und ehrlich mein Kämpfen und Ringen, mein Leben und Streben vorzutragen und mein Geschick in seine Hand zu legen. Und der Vorsatz wurde zur Tat. Unbekannt mit den höfischen Bräuchen und der Ausdrucksweise hoher Kreise schrieb ich, wie es mir um's Herz war, schlicht und voll Naivität und bat, mir, wenn möglich, in seinem Lande und seinem Dienste eine meinen Fähigkeiten entsprechende bescheidene Stellung zu geben, die mich Mensch unter Menschen sein und meine Kräfte mit Freudigkeit für eine zusagende Tätigkeit einsetzen ließe.
Die Antwort kam; sie war gütig und verständnisvoll, aber sie kam meinem Hoffen und Wünschen nicht entgegen und bereitete mir mit dem Hinweis, daß keine geeignete Stelle offen sei, eine herbe Enttäuschung. Doch die Spannkraft der Jugend, die drängende Stunde halfen darüber hinweg, und das Schreiben selbst brachte mir einen neuen Hoffnungsschimmer. Es kam aus dem Geheimkabinett des Herzogs und war unterzeichnet von dem Kabinettsrat Dr. Tempeltey. Eduard Tempeltey! Bei diesem Namen trat mir die poetisch schöne Tragödie »Klytemnestra« vor den Geist, die Gestalten seines packenden Werks: »Hie Welf – hie Waiblingen!« schienen vor mir lebendig zu werden – hatte ich doch vor nicht langer Zeit gerade diese Schöpfungen eines echten Dichters gelesen –, und der Dichtername erschien mir wie eine Verheißung. Wenn ich Eduard Tempeltey persönlich nahetreten, wenn ich mich ihm vertrauensvoll offenbaren dürfte, sollte der Dichter nicht Verständnis haben für das Ringen eines jungen vertrauenden Herzens, sollte nicht durch sein wohlwollendes Entgegenkommen dennoch der Weg zu seinem erlauchten edlen Herrn gefunden werden können? – Es gab für mich kein langes Zaudern und Erwägen mehr; mein Erstlingswerk »Der Dorfengel«, um dessen Annahme ich, wenn möglich, Herzog Ernst persönlich ersuchen wollte, sowie mein bereits erworbener philosophischer Doktortitel hoben mir Selbstvertrauen und Mut, und so trat ich meine Ferienreise an nach Deutschland, von der ich nicht mehr in das Kloster zurückkehren sollte.
Gottes Sonne lachte über dem freundlichen Coburg, als ich hier ankam, und ich nahm es als gute Vorbedeutung. Mein Hoffen auf Dr. Tempeltey wurde nicht enttäuscht; er vermittelte in liebenswürdiger Weise eine Audienz bei dem Herzog, die mir unvergeßlich bleibt, wie auch der hohe Herr noch nach Jahren nach seiner Versicherung mit Vergnügen daran dachte, da eine solche Begegnung auch ihm wohl selten vorgekommen war. Unbekannt mit den Bräuchen des Hofes, ja selbst an meinem Aeußeren nicht hofmäßig, trat ich vor ihn, und ohne seine Anrede abzuwarten, ließ ich mein Herz auf die Lippen treten, und als ob ich ihn schon längst gekannt, berichtete ich eifrig und lebhaft, warum ich käme, welche Seelenkämpfe ich in meinen jungen Jahren durchstritten, wie verlassen ich sei und nichts weiter suche, als eine Scholle, auf der ich als Mensch menschlich leben, fühlen, schaffen und frei von geistigem Zwange sein dürfe. Warm und herzlich entgegnete er, und ich vergaß beinahe, daß ich mit einem regierenden Fürsten rede und vermeinte, es sei ein älterer Freund voll schöner Teilnahme. Als er mich nach längerer Zwiesprache huldvoll entließ, geschah es mit dem Hinweis, mich nach Gotha zu begeben und mich bei dem Ministerium vorzustellen, das von meinem Kommen unterrichtet werden würde. Hatte ich auch nichts Bestimmtes erreicht, so blieb doch gleichsam ein leuchtender Schimmer in meiner Seele, denn in der Tat war ich in jener Stunde eigentlich am Wendepunkt meines Lebens angelangt, und was ich erreicht habe und geworden bin, führe ich auf sie zurück mit dem Gefühl heißen Dankes für den gütigen Fürsten, der mir sein Wohlwollen bis an seinen Tod bewahrte.
Am nächsten Morgen fuhr ich nach Gotha. Da sah ich zum ersten Male die Wartburg niederschauen in das schöne Land, und geschichtliche Erinnerungen mancher Art erwachten. Da trat auch die Gestalt Martin Luthers lebhafter vor meinen Geist, und plötzlich entstand in mir der heftige Drang, meine Fahrt zu unterbrechen und das Burgjuwel Thüringens kennenzulernen. Bald sah ich aus der freundlichen Restaurationshalle hinab in das weite, waldgrüne Gelände, durchschritt Säle und Hallen, und stand endlich seltsam ergriffen in dem kleinen, schlichten Raume, in dem einst der glaubensstarke deutsche Mann als auf seinem Patmos gewohnt und die Bibel übersetzt hatte. An diesem Tische, auf dem meine Hand ruhte, hatte er gesessen, an dem Fenster, aus dem ich hinausblickte in das liebliche Land, hatte er gestanden – – es umwehte mich wie ein Hauch seines Geistes mächtig und ergreifend; hatte er doch unter ungleich schwierigeren Verhältnissen einen ähnlichen Kampf durchstritten, wie ich ihn kämpfte, war trotz Acht und Bann siegreich geblieben und hatte sogar eine Erneuerung gebracht im Glauben, die in Millionen Herzen weiterlebte. Ich habe nachmals aus verschiedenen interessanten Anlässen die Wartburg besucht, aber niemals jene Erhebung mitgenommen, wie damals aus der kleinen Lutherstube. Mit gehobener Seele, freudigen und zuversichtlichen Sinnes schritt ich talabwärts; mir war, als habe ich einen Helfer gewonnen in meinem Kampfe, der mich jetzt schon zu erlösen schien aus meinen Seelenängsten, und ich gab mich der schönen Erwartung hin, auch weiter den Weg zu ihm zu finden.
Wohl fand sich auch in Gotha zunächst keine Stellung für mich, und die Losung lautete: Abwarten – aber eines vermochte ich nicht aufzuschieben: Mochte es kommen, wie es wolle – es gab kein Zurück mehr für mich, und so schrieb ich an den Abt von Tepl und teilte ihm meinen Austritt aus der klösterlichen Kongregation mit. Ich tat es mit schwerem Herzen um des edlen, guten Mannes willen, den ich aufrichtig verehrte und dem wehe zu tun mir hart ankam; ich öffnete ihm meine ganze Seele und ließ ihn hineinschauen in die bangen schweren Kämpfe, die ich durchstritten, und die mich endlich zu dem Entschluß führten, lieber ein guter, ehrlicher Mensch, als ein schlechter, unehrlicher Mönch zu sein.
So war das Band mit der Vergangenheit zerrissen, und mit Mut und Vertrauen sah ich in die dunkle Zukunft, nur einigermaßen besorgt wegen der sehr bescheidenen Mittel, die mir zu Gebote standen. Ich hatte weder Meßstipendien unterschlagen noch mir einen Vorschuß zahlen lassen, wie das führende klerikale Blatt Oesterreichs, die Wiener »Reichspost« in einem verleumderischen Schmähartikel erzählte, sondern nur geringe Ersparnisse, so daß ich mein Mittagsmahl in der »Herberge zur Heimat« unter fahrenden Handwerksburschen zum Preise von 25 Pfennigen einnahm; aber ein gütiger Himmel half auch hier. Ich hatte mich u. a. dem Generalsuperintendenten Dr. Petersen vorgestellt, der mich mit zuvorkommender Höflichkeit empfing und selbst in das Haus des Hofpredigers Dr. Gustav Schweitzer als einen »Protegé Seiner Hoheit« einführte. Dies Haus ist mir nachmals eine zweite Heimat geworden. Zum ersten Male lernte ich ein evangelisches geistliches Haus kennen, und es wehte mich wohlig daraus an. Dr. Schweitzer hatte vordem mit hundert anderen deutschen Jünglingen (wie Fritz Reuter) den Traum von deutscher Freiheit geträumt und dafür auch sein Martyrium gehabt. Er hatte sich jahrelang als unstäter Wanderer durch die Welt geschlagen, hatte in Deutschland keine Stätte gefunden, um seinen Herd zu bauen, hatte sogar die Gastfreundschaft Dänemarks suchen müssen, bis der edle Herrscher von Coburg-Gotha ihm ein Asyl gab. Und hier wirkte er in seiner menschenfreundlichen Art, von der sich manches berichten ließe. Er war ein Priester nach dem Herzen Gottes, der Gottes- und Menschenliebe vereinte und in seiner Gattin dabei die treue und gütige Gefährtin und Helferin fand. Lebhafter als je erkannte ich den Irrtum des katholischen Priesterzölibats, das, abgesehen von den gar oft geradezu unsittlichen Folgen, den Geistlichen in seiner Gemeinde vereinsamt, ihn für manches in derselben ganz ohne Verständnis läßt, ihn seinem Volke und Staate entfremdet und in tausend Fällen unglücklich macht. Hier war Glück und Frieden im Hause, hier herrschte edle Gastlichkeit, und manches junge Menschenkind hat dies gleich mir erfahren, der nachmals wie ein lieber Verwandter aufgenommen und gehalten wurde, und der in einem freundlichen kleinen Gemache des Hauses sein erstes Werk auf deutschem Boden, den Roman eines Wissenden »Der Klosterzögling« schrieb. (Jena, Costenoble.)
Es lag nahe, ja es war mir ein Bedürfnis, daß ich in Gotha den evangelischen Gottesdienst besuchte, und er machte gleich beim ersten Male einen tiefen Eindruck auf mich. Die schlichte Einfachheit wirkte gegenüber dem äußeren Prunk des katholischen Gottesdienstes stimmungsvoll; die auch für den schlichten Mann verständliche Liturgie in deutscher Sprache war anheimelnd gegenüber den kalten lateinischen Lippengebeten, und der allgemeine Gesang der andächtigen Gemeinde hatte etwas Ergreifendes und Erhebendes. Immer mehr zog es mich zu dem evangelischen Bekenntnis, zumal ich ja aus der katholischen Kirche ausgeschlossen und infolge meines Austritts aus dem Kloster exkommuniziert, aber andererseits nicht geneigt war, als konfessionslos zu gelten. Ich unterhielt mich über die Angelegenheit mit Dr. Schweitzer, der, weit entfernt von Proselytenmacherei, wohl erkannte, daß ich ein Wahrheitsucher sei, den es fast unbewußt zu der Erkenntnis drängte, daß Luthers Werk dem christlichen Glauben wie dem deutschen Wesen entspreche. Auf Spaziergängen mit meinem wahrhaft väterlichen Freunde wurden in ruhiger Weise und frei von dem kleinsten gehässigen Hauche religiöse Fragen und konfessionelle Unterschiede erörtert, und endlich kam der Tag – es war der 28. August 1872 –, an dem ich in der Schloßkirche den Uebertritt zum evangelischen Bekenntnis vollzog und das heilige Abendmahl empfing. Es war eine schlichte, stille Feier, der außer dem Ehepaar Schweitzer nur noch zwei Zeugen beiwohnten, aber das Herz schlug mir ruhig und glücklich, so ganz anders, als da ich in Tepl die bindenden Gelübde sprach.