Schelestow wird ihm nicht die geringste Beachtung schenken und fortfahren:
»Es ist auch allen bekannt, daß der verehrte Kollege Schila bei der Schauspielerin Semiramidina eine Wanderniere für einen Abszeß angesehen und einen Probedurchstich gemacht hat, was sehr bald zu einem exitus letalis führte. Der verehrte Kollege Besstrunko hat, statt einen Nagel an der großen Zehe des linken Fußes zu exstirpieren, den gesunden Nagel am rechten Fuß exstirpiert. Ich darf auch nicht den Fall unerwähnt lassen, wo unser verehrter Herr Kollege Tercharjanz dem Soldaten Iwanow die Eustachischen Röhren mit solchem Eifer katheterisierte, daß dem Patienten beide Trommelfelle platzten. Bei dieser Gelegenheit will ich noch erwähnen, daß derselbe Kollege einem Patienten beim Zahnziehen den Unterkiefer ausgerenkt hat und ihn nicht früher wieder einrenken wollte, als bis der Patient sich bereit erklärte, ihm für das Einrenken fünf Rubel zu bezahlen. Der verehrte Kollege Kurizyn ist mit einer Nichte des Apothekers Grummer verheiratet und hat mit ihm ein gewisses Abkommen getroffen. Es ist auch allen bekannt, daß unser Vereinssekretär, der junge Kollege Skoropalitelnyj mit der Gattin unseres verehrten Herrn Vorsitzenden Gustav Gustavowitsch Prechtel ein Verhältnis hat …
Vom tiefen Niveau des Wissens bin ich allmählich auf Verstöße gegen die ethischen Grundsätze zu sprechen gekommen. Um so besser. Die Ethik ist unser wunder Punkt, meine Herren, und um nicht abstrakt zu sprechen, will ich Ihnen unseren verehrten Kollegen Pusyrkow nennen, der bei einer Namenstagsfeier bei der Oberstenwitwe Treschtschinskaja erzählt hat, daß nicht Skoropalitelnyj das Verhältnis mit der Gattin unseres Vorsitzenden habe, sondern ich! Das wagt derselbe Herr Pusyrkow zu sagen, den ich im vorigen Jahre mit der Gattin unseres verehrten Kollegen Snobisch erwischt habe! Übrigens, Dr. Snobisch … Wer genießt das Renommee eines Arztes, von dem sich behandeln zu lassen für die Damen nicht ganz ungefährlich ist? – Snobisch … Wer hat eine Kaufmannstochter wegen der Mitgift geheiratet? – Snobisch! Was aber unseren verehrten Vorsitzenden betrifft, so treibt er heimlich Homöopathie und bekommt von den Preußen Geld für Spionage. Ein preußischer Spion – das ist schon wirklich ultima ratio!«
Ärzte, die klug und als gewandte Redner erscheinen möchten, gebrauchen immer diese beiden lateinischen Ausdrücke: »nomina sunt odiosa« und »ultima ratio«. Schelestow wird nicht nur lateinisch, sondern auch französisch und deutsch, in jeder beliebigen Sprache sprechen! Er wird alle bezichtigen und allen Intriganten die Masken herunterreißen; der Vorsitzende wird müde werden, die Glocke zu schwingen, die verehrten Kollegen werden von ihren Plätzen aufspringen und mit den Händen fuchteln … Die Kollegen mosaischer Konfession werden sich zu einem Haufen zusammendrängen und ein Geschrei erheben.
Schelestow wird aber, ohne jemand anzublicken, fortfahren:
»Was aber unseren Verein betrifft, so muß er bei dem jetzigen Mitgliederbestand und den jetzt herrschenden Ordnungen unbedingt zugrunde gehen. Alles ist darin ausschließlich auf Intrigen begründet. Intrigen, Intrigen und Intrigen! Als eines der Opfer dieser einen großen, teuflischen Intrige halte ich mich für verpflichtet, folgendes zu erklären:«
Er wird reden, und seine Partei wird applaudieren und sich triumphierend die Hände reiben. Unter einem unbeschreiblichen Lärm und Donner wird man zur Wahl des Vorsitzenden schreiten. Von Bronn & Co. werden ihren ganzen Einfluß für Prechtel einsetzen, aber das Publikum und die wohlgesinnten Ärzte werden sie auszischen und schreien:
»Nieder mit Prechtel! Wir wollen Schelestow! Schelestow!«
Schelestow nimmt die Wahl an, aber unter der Bedingung, daß Prechtel und von Bronn sich bei ihm wegen des Zwischenfalls vom 2. Oktober entschuldigen. Wieder erhebt sich ein ohrenbetäubender Lärm, wieder drängen sich die verehrten Kollegen mosaischer Konfession zu einem Haufen zusammen und schreien … Prechtel und von Bronn sind empört und bitten schließlich, sie nicht mehr als Mitglieder des Vereins anzusehen. Um so besser!