Die Wärme, die anheimelnde Umgebung und die Anwesenheit eines mir sympathischen Menschen erwecken in mir jetzt nicht wie in früheren Zeiten ein Gefühl des Vergnügens, sondern einen starken Drang zu klagen und zu murren. Ich habe die Vorstellung, wenn ich murre und klage, wird mir leichter ums Herz werden.

»Es ist ein übles Ding, mein liebes Kind!« beginne ich mit einem Seufzer. »Ein sehr übles Ding …«

»Was denn?«

»Ich will dir sagen, um was es sich handelt, meine Liebe. Das schönste und heiligste Recht der Könige ist das Recht der Begnadigung. Und ich bin mir immer wie ein König vorgekommen, da ich dieses Recht in unbegrenztem Maße ausübte. Ich habe nie über jemand den Stab gebrochen, bin nachsichtig gewesen und habe gern allen Menschen rings um mich herum verziehen. Wo andere protestierten und empört waren, da habe ich nur durch Ratschläge und Überredung zu wirken gesucht. Mein ganzes Leben hindurch ist mein Bestreben nur darauf gerichtet gewesen, meiner Familie, den Studenten, den Kollegen, den Dienstboten den Verkehr mit mir erträglich zu machen. Und dieses mein Betragen den Menschen gegenüber hat, das weiß ich, auf alle, die mit mir zu tun hatten, erzieherisch gewirkt. Aber jetzt bin ich kein König mehr. In meiner Seele bildet sich eine Gesinnung heraus, die nur für Sklavenseelen paßt; in meinem Kopfe wimmelt es Tag und Nacht von bösen Gedanken, und in meinem Herzen hat sich ein ganzer Schwarm von Empfindungen eingenistet, wie ich sie früher nie gekannt habe. Ich hasse, verachte, bin mißvergnügt und empört und fürchte mich. Ich bin über die Maßen streng, anspruchsvoll, reizbar, unliebenswürdig und argwöhnisch geworden. Selbst Dinge, die mir früher lediglich Anlaß gaben, einen munteren Scherz zu machen und gutmütig zu lachen, rufen jetzt bei mir ein drückendes, beängstigendes Gefühl hervor. Auch meine Logik hat sich geändert: früher richtete sich meine Verachtung nur gegen das Geld; jetzt aber hege ich ein feindseliges Gefühl gegen die Reichen, als ob diese irgendwelche Schuld träfe; früher haßte ich Gewalttätigkeit und Willkür; aber jetzt hasse ich die Menschen, die gewalttätig verfahren, als ob sie allein schuld wären und nicht vielmehr wir alle, die wir einander nicht zu erziehen verstehen. Woher kommt das? Wenn diese neuen Gedanken und neuen Empfindungen in einer Veränderung meiner Überzeugungen ihren Ursprung haben, welchen Grund mag dann diese Veränderung haben? Ist die Welt schlechter geworden und ich besser, oder war ich früher blind und achtlos? Wenn aber diese Veränderung von einem allgemeinen Verfall meiner körperlichen und geistigen Kräfte herrührt (ich bin ja tatsächlich krank und verliere täglich an Gewicht), dann ist meine Lage eine ganz klägliche, dann sind meine neuen Gedanken nicht normal, sondern krankhaft, und ich muß mich ihrer schämen und sie für völlig wertlos erachten …«

»Ihre Krankheit hat damit nichts zu tun,« unterbricht mich Katja; »es sind Ihnen einfach die Augen aufgegangen; das ist das Ganze. So haben Sie erblickt, was Sie früher aus irgendwelchem Grunde nicht wahrnehmen wollten. Meiner Ansicht nach ist vor allen Dingen notwendig, daß Sie sich von Ihrer Familie trennen und von ihr fortgehen.«

»Du redest Torheiten.«

»Sie lieben sie nicht mehr; wozu da noch heucheln? Und ist denn das eine Familie für Sie? Ganz wertlose Geschöpfe! Wenn sie heute stürben, so würde sie schon morgen kein Mensch mehr vermissen.«

Katja verachtet meine Frau und meine Tochter ebenso stark, wie diese beiden sie hassen. Man darf in unserer Zeit ja kaum von einem Rechte der Menschen reden, einander zu verachten. Aber wenn man sich auf Katjas Standpunkt stellt und das Vorhandensein eines solchen Rechtes behauptet, dann muß man allerdings sagen, daß sie mit demselben Rechte meine Frau und Lisa verachtet, mit welchem diese sie hassen.

»Ganz wertlose Geschöpfe!« sagt sie noch einmal. »Haben Sie heute zu Mittag gegessen? Mich wundert nur, daß Ihre Angehörigen nicht vergessen haben, Sie zu Tisch zu rufen, daß sie überhaupt noch an Ihre Existenz denken.«

»Katja,« sage ich in strengem Tone, »ich bitte dich zu schweigen.«