»Meinen Sie denn, daß es mir Vergnügen macht, von ihnen zu reden? Ich wäre froh, wenn ich sie überhaupt nicht kennte. Hören Sie auf mich, teurer Freund: lassen Sie alles im Stich, und reisen Sie weg! Reisen Sie ins Ausland! Je eher, um so besser.«

»Was für Unsinn! Und die Universität?«

»Lassen Sie auch die Universität im Stich! Was haben Sie von der? Etwas Gescheites kommt ja doch nicht dabei heraus. Da halten Sie nun schon dreißig Jahre lang Vorlesungen, und was ist aus Ihren Schülern geworden? Haben Sie etwa viele berühmte Gelehrte herangebildet? Zählen Sie sie doch einmal zusammen! Und um die Zahl dieser Ärzte zu vermehren, die die Unwissenheit der Patienten ausbeuten und Hunderttausende von Rubeln zusammenscharren, dazu bedarf es keines talentvollen, herzensguten Menschen. Sie sind hier völlig entbehrlich.«

»Mein Gott, was hast du für eine scharfe Zunge!« sage ich erschrocken. »Was für eine scharfe Zunge! Schweig still, sonst gehe ich fort. Ich verstehe mich nicht darauf, auf deine bissigen Reden zu antworten.«

Das Stubenmädchen tritt ein und ruft uns zum Tee. Beim Samowar wendet sich unser Gespräch glücklicherweise anderen Gegenständen zu. Nachdem ich bereits zur Genüge geklagt habe, bekomme ich Lust, der andern Schwäche, die mein Alter mit sich gebracht hat, freien Lauf zu lassen, dem Umherkramen in Erinnerungen. Ich erzähle Katja aus meiner Vergangenheit und teile ihr zu meinem eigenen größten Erstaunen allerlei Einzelheiten mit, von denen ich gar nicht geahnt habe, daß sie sich noch in meinem Gedächtnis erhalten haben. Sie aber hört mir gerührt, stolz, mit angehaltenem Atem zu. Besondere Freude macht es mir, ihr davon zu erzählen, wie ich ehemals Seminarschüler war, und wie es das Ziel meiner Sehnsucht war, die Universität zu beziehen.

»Manchmal ging ich in unserem Seminargarten spazieren,« erzähle ich. »Da trug der Wind aus irgendeiner fernen Schenke die Töne einer quiekenden Harmonika und eines Liedes herüber, oder es jagte an dem Zaune des Seminargartens eine Troika mit Schellengeklingel vorbei, und dies genügte vollständig, um plötzlich ein Gefühl des Glückes nicht nur in meiner Brust, sondern auch in meinem Bauche, in den Beinen, in den Händen hervorzurufen. Ich horchte nach der Harmonika oder dem verklingenden Schellengeläute hin und stellte mir vor, ich sei Arzt, und malte mir Bilder aus, eines immer schöner als das andere. Und nun sind, wie du siehst, meine Träume in Erfüllung gegangen. Ich habe mehr erreicht, als ich zu hoffen wagte. Dreißig Jahre lang bin ich ein beliebter Professor gewesen, habe vortreffliche Kollegen gehabt und mich eines ehrenvollen Renommees erfreut. Ich habe geliebt, habe aus leidenschaftlicher Liebe geheiratet; es sind mir Kinder geboren. Kurz, wenn ich zurückblicke, so erscheint mir mein ganzes Leben wie eine hübsche, talentvolle Komposition. Jetzt bleibt mir nur noch eines zu tun: dafür zu sorgen, daß ich das Finale nicht verderbe. Zu diesem Zwecke muß ich in einer menschenwürdigen Weise sterben. Wenn der Tod wirklich eine Gefahr ist, so muß ich ihm so entgegentreten, wie es sich für einen Lehrer, für einen Gelehrten und für den Bürger eines christlichen Staates ziemt: mutig und ruhigen Herzens. Aber ich werde das Finale verderben. Ich bin nahe daran, zu ertrinken, komme zu dir hergelaufen und bitte um Hilfe; du aber sagst zu mir: ›Ertrinken Sie nur; das muß so sein!‹«

Aber in diesem Augenblick ertönt im Vorzimmer die Klingel. Wir beide, Katja und ich, erkennen diese Art zu klingeln und sagen:

»Das ist gewiß Michail Fedorowitsch.«

Und wirklich tritt einen Augenblick darauf mein Kollege, der Philologe Michail Fedorowitsch, ins Zimmer, ein hochgewachsener, wohlgebildeter Mann von etwa fünfzig Jahren, mit dichtem, grauem Haar, schwarzen Brauen und glatt rasiertem Gesicht. Er ist ein guter Mensch und ein vorzüglicher Kollege. Er stammt aus einer alten Adelsfamilie, die eine recht glückliche Vergangenheit hat, viele talentvolle Männer zu ihren Mitgliedern zählt und in der Geschichte unserer Literatur und Bildung eine bedeutende Rolle spielt. Auch er selbst ist klug, talentvoll und hochgebildet, aber nicht frei von Sonderbarkeiten. Bis zu einem gewissen Grade sind wir ja alle seltsame, wunderliche Käuze; aber seine Sonderbarkeiten zeigen sich ausschließlich seinen Bekannten gegenüber und sind für diese nicht ungefährlich. Unter seinen Bekannten kenne ich nicht wenige, die über seinen Sonderbarkeiten gar kein Auge für seine zahlreichen guten Eigenschaften haben.