Wenn er spricht, so lächeln bei ihm, wie überhaupt bei spottlustigen Leuten, nur die Augen und die Brauen. In seinen Augen liegt zu solcher Zeit nichts von Haß oder Bosheit, wohl aber viel Witz und jene besondere fuchsartige Schlauheit, die man nur bei Menschen mit sehr gut entwickelter Beobachtungsgabe bemerken kann. Von seinen Augen möchte ich ferner erwähnen, daß ich an ihnen noch eine besondere Eigentümlichkeit wahrgenommen habe. Jedesmal wenn er von Katja ein gefülltes Glas hinnimmt oder eine von ihr gemachte Bemerkung anhört oder ihr mit dem Blicke folgt, wenn sie einmal für kurze Zeit das Zimmer verläßt, bemerke ich in seinem Blicke etwas Sanftes, Flehendes, Reines …
Das Stubenmädchen nimmt den Samowar fort und stellt ein großes Stück Käse, allerlei Obst und eine Flasche Krim-Schaumwein auf den Tisch, einen ziemlich schlechten Wein, an dem aber Katja, als sie in der Krim wohnte, Geschmack gewonnen hat. Michail Fedorowitsch nimmt von einer Etagère zwei Spiele Karten und legt Patience. Nach seiner Versicherung erfordern einige Arten von Patience viel Kombinationssinn und Aufmerksamkeit; aber trotzdem redet er während des Legens munter weiter. Katja verfolgt aufmerksam seine Manipulationen mit den Karten und ist ihm mehr durch Mimik als durch Worte behilflich. Von dem Weine trinkt sie den ganzen Abend über nicht mehr als zwei Gläser, und ich trinke ein Viertel Glas; der übrige Teil der Flasche entfällt auf Michail Fedorowitsch, der viel trinken kann, ohne daß es ihm in den Kopf steigt.
Während des Patiencelegens disputieren wir über allerlei Fragen, namentlich höherer Art, wobei das, was wir beide am meisten lieben, am schlimmsten wegkommt, nämlich die Wissenschaft.
»Die Wissenschaft ist, Gott sei Dank, am Ende ihres Daseins angelangt,« sagt Michail Fedorowitsch; er spricht in einzelnen Absätzen. »Mit der geht es auf die Neige. Ja, ja. Die Menschheit verspürt bereits das Bedürfnis, etwas anderes an die Stelle der Wissenschaft zu setzen. Die Wissenschaft ist auf einem Boden von falschen Vorstellungen entsprossen, hat sich von falschen Vorstellungen genährt und bildet jetzt eine ebensolche Quintessenz von falschen Vorstellungen, wie ihre abgelebten Großmütter: Alchimie, Metaphysik und Philosophie. Und wirklich, was hat sie der Menschheit gegeben? Zwischen den gelehrten Europäern und den aller Wissenschaft entbehrenden Chinesen ist doch der Unterschied nur ein minimaler, rein äußerlicher. Die Chinesen haben keine Wissenschaft gekannt; aber was haben sie dadurch verloren?«
»Auch die Fliegen kennen keine Wissenschaft,« entgegne ich, »aber was folgt daraus?«
»Sie ärgern sich ganz unnötigerweise, Nikolai Stepanowitsch. Ich rede ja so nur hier, wo wir unter uns sind. Ich bin vorsichtiger, als Sie meinen, und werde das nicht öffentlich aussprechen, Gott behüte. Die große Menge ist in der falschen Vorstellung befangen, die Wissenschaften und Künste ständen höher als Ackerbau, Handel und Gewerbe. Unsere Sekte lebt von dieser falschen Vorstellung, und es ist nicht meine und Ihre Sache, diese Vorstellung zu zerstören. Gott behüte!« Während des Patiencelegens bekommt auch die Jugend gehörig etwas ab.
»Unsere Hörerschaft ist heutzutage einer argen Verflachung anheim gefallen,« bemerkt Michail Fedorowitsch seufzend. »Ich will gar nicht einmal von Idealen und solchen Dingen reden; wenn sie nur wenigstens zu arbeiten und vernünftig zu denken verständen! Da trifft das Wort zu: ›Ich schaue nur mit Schmerz das heutige Geschlecht.‹«
»Ja, die jetzige Generation ist entsetzlich verflacht,« stimmt ihm Katja bei. »Sagen Sie, haben Sie in den letzten fünf, zehn Jahren unter Ihren Hörern auch nur einen einzigen hervorragenden Menschen gehabt?«
»Ich weiß nicht, wie es damit bei andern Professoren steht; aber unter meinen eigenen Hörern kann ich mich auf keinen solchen besinnen.«