»Ich habe in meinem Leben viele Studenten, viele junge Gelehrte, viele Schauspieler kennen gelernt; aber nie habe ich das Glück gehabt, ich will gar nicht einmal sagen einem Geistesheros oder einem Talente, sondern nur ganz einfach einem interessanten Menschen darunter zu begegnen. Alles grau, talentlos, voll Dünkel und Anmaßung …«

Alle diese Gespräche über Verflachung wirken auf mich jedesmal ebenso, wie wenn ich unversehens häßliche Bemerkungen über meine Tochter erlauschte. Es ist mir verdrießlich, daß die Anklagen sich so allgemein gegen die ganze Jugend richten und sich auf solche längst abgenutzten Schlagwörter gründen, wie es die Redensarten von Verflachung und von einem Mangel an Idealen und der Hinweis auf die schöne Vergangenheit sind. Jede Anklage, auch wenn sie in Damengesellschaft vorgebracht wird, muß möglichst präzise formuliert sein; sonst ist es eben keine Anklage, sondern eine leere, anständiger Menschen unwürdige Verleumdung.

Ich bin ein alter Mann und stehe schon dreißig Jahre in meinem Amte; aber ich bemerke weder eine Verflachung noch einen Mangel an Idealen und kann nicht finden, daß es jetzt in dieser Hinsicht übler bestellt wäre als früher. Mein Portier Nikolai, dessen Erfahrung auf diesem Gebiet nicht ohne Wert ist, sagt, die heutigen Studenten seien nicht besser und nicht schlechter als die früheren. Wenn mich jemand fragte, was mir an meinen jetzigen Hörern mißfalle, so würde ich keine zusammenfassende Antwort geben, sondern einige Punkte mit hinlänglicher Präzision aufzählen. Die Mängel meiner Studenten kenne ich genau und brauche daher nicht zu nebelhaften, allgemeinen Schlagworten meine Zuflucht zu nehmen. Mir mißfällt, daß sie Tabak rauchen, alkoholische Getränke genießen und spät heiraten; ferner daß sie gedankenlos in den Tag hineinleben und oft eine solche Gleichgültigkeit zeigen, daß sie unter sich Hungernde dulden und an den Verein zur Unterstützung bedürftiger Studenten ihre fälligen Beiträge nicht bezahlen. Sie verstehen die neueren Sprachen nicht und können sich auf russisch nicht korrekt ausdrücken; erst gestern klagte mir mein Kollege, der Hygieniker, er müsse die Zeitdauer seiner Vorlesung verdoppeln, weil sie so wenig Physik verständen und mit der Meteorologie gar nicht Bescheid wüßten. Sie lassen sich in ihren Ansichten gern von den Schriftstellern der neuesten Zeit leiten, aber keineswegs von den besten; dagegen stehen sie Klassikern wie Shakespeare, Marc Aurel, Epiktet, Pascal völlig kühl gegenüber. In dieser Unfähigkeit, das Große vom Kleinen zu unterscheiden, zeigt sich am allermeisten das Unpraktische ihres Wesens. Alle schwierigen Fragen, die mehr oder weniger eine soziale Bedeutung haben, wie z. B. die Frage der Freizügigkeit, entscheiden sie durch Abstimmungslisten statt auf dem Wege wissenschaftlicher Forschung und Erfahrung, wiewohl dieser Weg ihnen durchaus zugänglich ist und ihrem Berufe am meisten entsprechen würde. Gern werden sie Präparatoren, Assistenten, Laboranten, Repetenten, und es kommt ihnen nicht darauf an, in solchen Stellungen bis zu ihrem vierzigsten Lebensjahre zu verbleiben, obwohl Selbständigkeit, Freiheitssinn und persönliche Initiative in der Wissenschaft nicht minder notwendig sind als beispielsweise in der Kunst oder im Handel. Ich habe Schüler und Hörer, aber keine Gehilfen und Nachfolger, und daher mag ich sie zwar gern leiden und habe für sie alle Teilnahme, aber ich bin nicht stolz auf sie. Usw. usw. …

Solche Mängel, wieviel ihrer auch sein mögen, können eine pessimistische oder zornige Stimmung nur bei kleinmütigen, ängstlichen Menschen erzeugen. Alle diese Mängel sind ihrem ganzen Wesen nach nur zufällig und vorübergehend und hängen durchaus von den gesamten Lebensverhältnissen ab; ein paar Jahrzehnte genügen, damit sie verschwinden oder, da es nun einmal ohne Mängel nicht geht, ihren Platz andern neuen Mängeln abtreten, die dann ihrerseits wieder den Kleinmütigen einen Schreck einjagen werden. Die Studentensünden ärgern mich oft; aber dieser Ärger will nichts besagen im Vergleiche mit der Freude, die ich nun schon dreißig Jahre lang empfinde, wenn ich mit meinen Schülern ein Gespräch führe, ihnen Vorlesungen halte, ihr Verhalten untereinander beobachte und sie mit Angehörigen anderer Kreise vergleiche.

Michail Fedorowitsch führt Lästerreden, Katja hört ihm zu, und beide merken nicht, in was für einen tiefen Abgrund ein anscheinend so unschuldiges Vergnügen wie das Aburteilen über den Nächsten sie allmählich hineinzieht. Sie fühlen nicht, wie ein harmloses Gespräch Schritt für Schritt in Verspottung und Verhöhnung übergeht, und wie sie beide sogar die Kunstgriffe der Verleumdung zu gebrauchen anfangen.

»Es gibt doch gar zu komische Kunden,« sagt Michail Fedorowitsch. »Gestern komme ich zu unserem Jegor Petrowitsch und treffe dort einen Studiosus, einen von Ihren Medizinern, ich glaube aus dem dritten Kursus. Ein Gesicht hatte er so im Stile des Kritikers Dobroljubow, auf der Stirn den Stempel tiefen Denkens. Wir kamen miteinander ins Gespräch. ›Ja, junger Mann,‹ sage ich, ›es passieren die wunderbarsten Dinge. Da habe ich gelesen, daß ein Deutscher (seinen Namen habe ich vergessen) aus dem menschlichen Gehirn ein neues Alkaloid, Idiotin, gewonnen hat.‹ Was meinen Sie? Er glaubte es, und es malte sich sogar auf seinem Gesicht eine Art von Respekt: ›Ja, das ist eine Leistung unserer Berufsgenossen!‹ Und neulich komme ich ins Theater und setze mich auf meinen Platz. Gerade vor mir in der nächsten Reihe sitzen zwei junge Männer, der eine ›einer von unsere Lait‹ und anscheinend Jurist, der andere mit strubbligem Kopf ein Mediziner. Der Mediziner war betrunken wie ein Schuster und achtete gar nicht auf das, was auf der Bühne vorging. Er schlief, und der Kopf fiel ihm fortwährend nach vorn. Aber sowie ein Schauspieler laut einen Monolog sprach oder überhaupt die Stimme erhob, fuhr mein Mediziner zusammen, stieß seinen Nachbar in die Seite und fragte: ›Was hat er gesagt? Etwas Moralisches?‹ ›Ja, etwas Moralisches,‹ antwortete der Jude. ›Bravo!‹ brüllte der Mediziner. ›Sehr gut! Bravo!‹ Sehen Sie, dieser betrunkene Tölpel war nicht um der Kunst willen, sondern um der moralischen Gedanken willen ins Theater gekommen. Moralische Gedanken, das war ihm ein Bedürfnis.«

Katja hört zu und lacht. Sie hat eine ganz sonderbare Art zu lachen: Einatmen und Ausatmen wechseln schnell und mit rhythmischer Regelmäßigkeit miteinander ab, ähnlich wie wenn sie Harmonika spielte, und dabei lachen auf ihrem Gesichte nur die Nasenflügel. Mir wird ganz schwach zumute, und ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ganz außer mir, werde ich blutrot, springe von meinem Platze auf und schreie:

»So schweigt doch endlich! Was sitzt ihr da wie zwei Kröten und vergiftet die Luft mit eurem Atem? Laßt's genug sein!«

Und ohne abzuwarten, bis sie mit ihren Lästerreden aufhören, schicke ich mich an, nach Hause zu gehen. Auch ist es schon Zeit: zehn Uhr durch.