»Also Sie halten mich nicht für Ihre Freundin?« fragt sie niedergeschlagen.

»Das habe ich nicht gesagt. Aber von deinem Gelde kann ich jetzt keinen Gebrauch machen.«

»Verzeihen Sie!« erwidert sie und läßt dabei die Stimme um eine ganze Oktave sinken. »Ich verstehe Sie. Einer Frau, wie ich, verpflichtet zu sein, einer ehemaligen Schauspielerin, das ist … Nun, dann leben Sie wohl! …«

Sie geht so schnell fort, daß ich nicht einmal Zeit habe, ihr Lebewohl zu sagen.


VI

Ich bin in Charkow.

Da ich doch keinen Nutzen davon hätte, gegen meine jetzige Gemütsverfassung anzukämpfen, und auch gar nicht dazu imstande bin, so habe ich beschlossen, daß meine letzten Lebenstage wenigstens nach der formellen Seite hin vorwurfsfrei sein sollen; wenn ich meiner Familie gegenüber im Unrecht bin (und ich bin mir recht wohl bewußt, daß dem so ist), so will ich wenigstens bemüht sein, so zu handeln, wie sie es wünscht. Ich sollte nach Charkow reisen; nun, so bin ich denn jetzt in Charkow. Zudem bin ich in der letzten Zeit gegen alles dermaßen gleichgültig geworden, daß es mir wirklich ganz einerlei ist, wohin ich reise, ob nach Charkow oder nach Paris oder nach Berditschew.

Ich bin um zwölf Uhr mittags hier angekommen und in einem Hotel nicht weit vom Dom eingekehrt. Im Waggon bin ich arg durchgerüttelt worden, auch zog es empfindlich; jetzt sitze ich auf dem Bette, halte mir den Kopf und warte auf meinen tic douloureux. Ich sollte eigentlich heute zu den Professoren fahren, mit denen ich bekannt bin; aber ich habe keine Lust und keine Kraft dazu.

Der Kellner, ein älterer Mann, tritt herein und fragt, ob ich Bettwäsche bei mir führe. Ich halte ihn etwa fünf Minuten lang zurück und lege ihm einige Fragen über Herrn Gnecker vor, um dessentwillen ich hierher gekommen bin. Es stellt sich heraus, daß der Kellner, obwohl er ein geborener Charkower ist und in dieser Stadt wie in seiner eigenen Westentasche Bescheid weiß, kein Haus kennt, das sich im Besitz einer Familie Gnecker befände. Ich erkundige mich nach einem Gute einer solchen Familie, aber mit demselben Resultate.