Auf dem Korridor schlägt die Uhr eins, dann zwei, dann drei. Die letzten Monate meines Lebens, in denen ich auf den Tod warte, kommen mir weit länger vor als mein ganzes Leben. Auch habe ich es früher nie verstanden, mit der Langsamkeit der Zeit so zufrieden zu sein, wie jetzt. Wenn ich früher manchmal auf dem Bahnhofe auf einen Zug wartete oder als Mitglied der Prüfungskommission beim Examen saß, erschien mir eine Viertelstunde wie eine Ewigkeit; jetzt dagegen kann ich die ganze Nacht hindurch, ohne mich zu rühren, auf dem Bette sitzen und ganz gleichmütig daran denken, daß morgen eine ebensolche lange, farblose Nacht kommen wird, und übermorgen wieder eine …
Im Korridor schlägt es fünf Uhr, sechs, sieben. Es wird dunkel.
In der Backe fühle ich ein dumpfes Ziehen: damit fängt der Gesichtsschmerz, der tic, an. Um mich mit Gedanken zu beschäftigen, versetze ich mich auf meinen früheren Standpunkt, als ich noch nicht so teilnahmlos war, und frage mich: warum sitze ich, ein berühmter Mann, ein Geheimrat, in diesem kleinen Hotelzimmer, auf diesem Bette mit der fremden, grauen Bettdecke? Warum sehe ich diese billige, blecherne Waschschüssel an und höre, wie auf dem Korridor eine elende Uhr tickt? Entspricht denn etwa alles dies meiner Berühmtheit und der hohen Stellung, die ich in der Welt einnehme? Und auf diese Frage besteht meine Antwort in einem Lächeln. Ich lächle über die Naivität, mit der ich einst in meiner Jugend die Bedeutung der Berühmtheit und der exklusiven Stellung, welche berühmte Männer anscheinend genießen, weit überschätzte. Ich bin berühmt, mein Name wird mit Ehrerbietung genannt, mein Bild hat in der Niwa[3] und in der Allgemeinen Illustrierten Zeitung gestanden, meine Biographie habe ich sogar in einer deutschen Zeitschrift gelesen: und was habe ich nun von alledem? Ich sitze mutterseelenallein in einer fremden Stadt, auf einem fremden Bette und reibe mit der Hand meine kranke Backe. Familiengezänk, Hartherzigkeit von Gläubigern, Grobheit der Eisenbahnbeamten, die Unbequemlichkeiten des Paßwesens, die teure und ungesunde Kost in den Bahnhofsrestaurationen, die allgemeine Unhöflichkeit und Grobheit im Verkehr, alles dies und vieles andere, dessen Aufzählung zu lang werden würde, berührt mich nicht weniger als jeden beliebigen Kleinbürger, den niemand kennt als die Bewohner seiner Gasse. Worin kommt denn die Exklusivität meiner Stellung zum Ausdruck? Und wenn ich tausendmal ein berühmter Mann bin, ein hervorragender Geist, auf den das Vaterland stolz ist, – nun ja, man druckt in allen Zeitungen Bulletins über meine Krankheit ab, und es gehen mir durch die Post teilnehmende Zuschriften von Kollegen, von Schülern und aus dem Publikum zu; aber alles dies hindert mich nicht, auf einem fremden Bette, in Gram und Kummer, in völliger Vereinsamung zu sterben. Gewiß, es trifft niemanden dabei eine Schuld; aber obwohl es fast wie eine Sünde klingt: ich habe an der Popularität meines Namens keine Freude. Es kommt mir vor, als hätte mich diese Popularität betrogen.
Um zehn Uhr schlafe ich ein; trotz meines Gesichtsschmerzes schlafe ich fest und würde lange geschlafen haben, wenn ich nicht aufgeweckt worden wäre. Bald nach ein Uhr wird plötzlich an meine Tür geklopft.
»Wer ist da?«
»Eine Depesche.«
»Das hätte auch bis morgen Zeit gehabt,« sage ich ärgerlich, als ich die Depesche von dem Kellner in Empfang nehme. »Nun werde ich nicht zum zweitenmal einschlafen.«
»Verzeihen Sie! Ich sah, daß bei Ihnen Licht brannte, und glaubte, Sie schliefen noch nicht.«
Ich öffne die Depesche und sehe vor allem nach der Unterschrift: von meiner Frau. Was will sie?