»Gestern hat sich Gnecker mit Lisa heimlich trauen lassen. Komm zurück!«
Ich lese diese Depesche und bekomme einen Schreck, der allerdings nicht lange dauert. Worüber ich erschrecke, das ist nicht der Schritt, den Lisa und Gnecker unternommen haben, sondern der Gleichmut, mit dem ich die Nachricht von ihrer Verheiratung aufnehme. Man sagt, die Philosophen und die wahren Weisen seien gleichmütig. Das ist nicht wahr; der Gleichmut ist eine Paralyse der Seele, ein vorzeitiger Tod.
Ich lege mich wieder ins Bett und überlege, mit was für Gedanken ich mich wohl beschäftigen könnte. Worüber soll ich nachdenken? Mir scheint, es sei schon alles von mir durchdacht worden, und es gebe nichts, was jetzt imstande wäre, meine Denktätigkeit anzuregen.
Als es hell wird, sitze ich auf dem Bette, umfasse die Knie mit den Händen und versuche aus Langerweile mich selbst zu erkennen. »Erkenne dich selbst!« das ist ein schöner, nützlicher Rat; schade nur, daß die Alten nicht daran gedacht haben, die Mittel anzugeben, wie man sich dieses Rates bedienen könne.
Wenn mich früher die Lust ankam, das Wesen irgend jemandes oder mein eigenes zu erkennen, so richtete ich mein Augenmerk nicht auf die Handlungen, bei denen ja alles von den äußeren Umständen abhängt, sondern auf die Wünsche. Sage mir, was du wünschest, und ich werde dir sagen, wer du bist.
Auch jetzt prüfe ich mich selbst: was möchte ich?
Ich möchte, daß unsere Frauen, unsere Kinder, unsere Freunde und unsere Schüler an uns nicht den Namen, das Aushängeschild und das Etikett liebten, sondern die Menschen, die gewöhnlichen Menschen. Was noch? Ich möchte Gehilfen und Nachfolger haben. Was noch? Ich möchte nach etwa hundert Jahren erwachen und wenigstens einen kurzen Blick auf den Stand der Wissenschaft werfen. Ich möchte noch zehn Jahre leben … Was noch weiter?
Weiter nichts. Ich überlege, überlege lange und kann nichts mehr ersinnen. Und wie lange ich auch überlege, und wohin ich auch meine Gedanken richten würde, das ist mir klar, daß meinen Wünschen etwas sehr Wesentliches, gerade das Wichtigste fehlen würde. Meinem leidenschaftlichen Interesse für die Wissenschaft, meinem Wunsche weiterzuleben, diesem Sitzen auf dem fremden Bette und dem Versuche, mich selbst zu erkennen, allen Gedanken, Gefühlen und Begriffen, die ich mir über alle Dinge bilde, alledem fehlt das gemeinsame Band, durch das alles erst zu einem einheitlichen Ganzen verknüpft werden würde. Jedes Gefühl und jeder Gedanke führt in mir sein Sonderdasein, und in allen meinen Urteilen über die Wissenschaft, über das Theater, über die Literatur, über meine Schüler und in all den Bildern, die meine Einbildungskraft entwirft, würde selbst der geschickteste Psychologe nicht das finden, was man die Gesamtidee oder den »Gott im lebendigen Menschen« nennt.
Wenn aber das fehlt, so ist alles andere nichtig und wertlos.