Bei solcher Armut haben ein ernstes körperliches Leiden, die Furcht vor dem Tode, die Einwirkung äußerer Umstände und anderer Menschen ausgereicht, um alles das, was ich früher für meine Weltanschauung hielt, und worin ich den Inhalt und die Freude meines Lebens erblickte, völlig umzustürzen und in Trümmer zu legen. Daher ist es kein Wunder, daß ich mir die letzten Monate meines Lebens durch Gedanken und Gefühle verdunkelt habe, die nur eines Sklaven und Barbaren würdig sind, und daß ich jetzt teilnahmlos hier sitze und auf den Tagesanbruch nicht achte. Wenn im Menschen nicht das vorhanden ist, was höher und stärker ist als alle äußeren Einwirkungen, dann genügt wahrhaftig schon ein tüchtiger Schnupfen, um ihn das Gleichgewicht verlieren und in jedem Vogel eine Eule sehen, in jedem Ton ein Hundegeheul hören zu lassen. Und sein ganzer Pessimismus oder Optimismus mit seinen großen und kleinen Gedanken hat in solchen Zeiten lediglich die Bedeutung eines Symptoms, aber keine reelle Wirkung.

Ich bin besiegt. Wenn es so steht, dann hat es weiter keinen Zweck, nachzudenken und zu reden. Ich werde so sitzen bleiben und schweigend abwarten, was da kommen wird.

Am Morgen bringt mir der Kellner Tee und die soeben erschienene Nummer des Lokalblattes. Mechanisch überfliege ich die Annoncen auf der ersten Seite, den Leitartikel, die Auszüge aus anderen Zeitungen und Journalen, die Tageschronik. Und in dieser letzteren finde ich unter anderm folgende Notiz: »Gestern ist unser berühmter Gelehrter, der hochverdiente Professor Nikolai Stepanowitsch ***, mit dem Kurierzuge in Charkow eingetroffen und im Hotel *** abgestiegen.«

Offenbar sind berühmte Namen dazu geschaffen, ein Sonderleben neben ihren Trägern zu führen. Jetzt wandert mein Name ungestört in Charkow umher; nach drei Monaten wird er in goldenen Buchstaben auf meinem Grabdenkmal blitzen wie die Sonne, während ich selbst bereits unter einer Moosdecke liegen werde.

Ein leichtes Klopfen an der Tür; es will jemand zu mir.

»Wer ist da? Herein!«

Die Tür öffnet sich; erstaunt trete ich einen Schritt zurück und schlage eiligst die Schöße meines Schlafrocks übereinander. Vor mir steht Katja.

»Guten Morgen!« sagt sie, noch ganz außer Atem vom Treppensteigen. »Das haben Sie wohl nicht erwartet? Ich bin auch … bin auch hergekommen.«

Sie setzt sich und fährt stockend und ohne mich anzusehen fort:

»Warum sagen Sie mir nicht Guten Tag? Ich bin auch hergekommen … heute … Ich erfuhr, daß Sie in diesem Hotel abgestiegen seien, und da bin ich zu Ihnen hergekommen.«