Sie holt das Taschentuch aus ihrem Reisetäschchen hervor und zieht damit zugleich ein paar Briefe heraus, die dann von ihren Knien auf den Fußboden fallen. Ich hebe sie auf, erkenne bei einem derselben die Handschrift Michail Fedorowitschs und lese zufällig ein Stück von einem Worte: »leidenschaft…«
»Ich kann dir nichts sagen, Katja,« wiederhole ich.
»Helfen Sie mir!« schluchzt sie, ergreift meine Hand und küßt sie. »Sie sind ja doch mein Vater, mein einziger Freund! Sie sind ja klug und gebildet und haben lange gelebt! Sie sind Lehrer gewesen! Sagen Sie mir doch: was soll ich tun?«
»Auf Ehre und Gewissen, Katja: ich weiß nicht …«
Ich bin fassungslos, verlegen, von ihrem Schluchzen gerührt und kann mich kaum auf den Beinen halten.
»Komm, Katja, wir wollen frühstücken,« sage ich mit einem gezwungenen Lächeln. »Hör doch auf zu weinen!«
Und unmittelbar darauf füge ich mit leiserer Stimme hinzu: »Ich werde bald nicht mehr sein, Katja …«
»Nur ein Wort, nur ein einziges Wort!« ruft sie weinend und streckt die Hände nach mir aus. »Was soll ich tun?«
»Eine wunderliche Person bist du, wahrhaftig,« murmle ich. »Es ist mir unbegreiflich! Sonst so verständig … und nun zerfließt du auf einmal in Tränen …«
Es tritt ein Stillschweigen ein. Katja bringt ihr Haar in Ordnung und setzt den Hut auf; dann knittert sie die Briefe achtlos zusammen und schiebt sie in die Reisetasche; alles das tut sie schweigend und ohne Hast. Ihr Gesicht, ihre Brust und ihre Handschuhe sind noch feucht von Tränen; aber der Ausdruck ihres Gesichtes ist bereits streng und fest … Ich sehe sie an und schäme mich, daß ich glücklicher bin als sie. Der Mangel dessen, was meine Kollegen, die Philosophen, die Gesamtidee nennen, ist mir erst kurz vor meinem Tode, beim Niedergange meiner Tage, zum Bewußtsein gekommen; die Seele der armen Katja aber hat bisher nie das Gefühl des Geborgenseins kennen gelernt und wird es ihr ganzes Leben lang nicht kennen lernen!