Verlag für Litteratur und Kunst

München 1908

Der Herbst hatte seinen Einzug gehalten in den Halligen.

Scharen wilder Gänse grasen zwischen den Lämmern; um die Wattströme mit ihrem vielverschlungenem Netz von kleinen Wasserläufen streichen mit ohrenbetäubendem Gezeter unzählige Mövenenten, während Langbeine aller Art, welche die Wanderschaft nach fernen Ländern hier zusammengefunden, in dem zähen Schlick herumstechen nach Meergetier, und in den grünen Wasserläufen selbst, die vom Meere hereindrücken, der Tümmler sein lustiges Wesen treibt.

In der Nacht aber saust und braust es in den Lüften von Tausenden von Flügeln, mit der Brandung um die Wette, die weit draußen sich bricht, oft so dicht über dem Strohdach, daß die Schläfer erschreckt auffahren und den seltsamen Lauten aufhorchen. Die Alten bekreuzigen sich wohl und drehen sich auf die andere Seite, die Jungen aber packt das Sehnen nach fernen Ländern, und Bild auf Bild verscheucht den Schlaf.

Gestern kehrte man vom Markte zu Wyk zurück, die Schiffe vollgestopft mit Winterwaren. Jetzt konnte es losgehen! Man hatte nichts mehr zu suchen draußen.

Die Binnenarbeit hob an. Der erste „Aufsitz‟ sollte bei den Götreks genommen werden auf der Götrekswarf, die acht Giebel umfaßte.

Mutter Götrek hauste dort seit zwölf Jahren mit ihren beiden Söhnen Lars und Knut. Den Vater hatte die Nordsee geholt, die Mordsee, wie sie Mutter Götrek nannte; es vollzog sich damit nur ein altes Hausgesetz — kein Götrek lag bis jetzt auf dem Kirchhof von P...

Lars war damals sechs Jahre alt, so fiel Last und Pflicht des Vaters auf den acht Jahre älteren Knut und trug nicht wenig dazu bei, den ohnehin ernsten, verschlossenen Jungen rascher zum Manne heranreifen zu lassen und den Altersunterschied der beiden Brüder fühlbarer zu machen. Knut war der Herr im Hause, das kindliche Verhältnis zur Mutter war allmählich ganz erloschen; ebenso sah Lars in ihm bald nur noch das Haupt der Familie, dem er sich willig unterordnete, zumal Knut ihm wirklich väterliche Liebe und Sorgfalt angedeihen ließ. Ja, Lars war seine einzige Schwäche; er wetteiferte mit der Mutter in Zärtlichkeit für den hübschen, sonnigen Jungen, der an Leibesgestalt und Aussehen nur ein heller, freudiger gehaltenes Bild seiner selbst war, an Sinnesart und Wesen zugleich Widerpart und Ergänzung.