Die Wirkung dieses Verhältnisses konnte nicht ausbleiben.

Lars gewann kein Auge für die harten Lebensbedingungen des Halligmannes, die rings um ihn die Gesichter hart, die Stirnen faltig machten, die den trotzigen Zug verliehen um den scharfgeschnittenen Mund.

Für ihn war das alles nur ein lustig Spiel, das seine Phantasie erregte, das ewig drohende Meer, der Sturm, der die Firste zittern machte, die Berichte der Männer von schwerer Fahrt und Abenteuern. Er sah mit seinen blauen Kinderaugen die grünen Halligwiesen von den Silberfäden der Wattströme durchzogen, die weißen Lämmer darauf, die lustigen Möven, die drolligen Austernfischer und die flinken Seeschwalben. Er hörte an den Winterabenden in den Spinnstuben die alten Märchen und Nordseesagen: von der Jungfrau von Cordouan, vom König Abel, dem Friesenkönig, und Holger Danske, dem Riesen, von den Wogenmännern und seltsamem Meervolk. Was brauchte er da ernst zu blicken und die Stirne in Falten zu legen? Es gab ja kein schöneres, lustigeres Land als P...

Daran konnte auch der düstere schwarze Turm nichts ändern an dem Westrand der Insel, gegen dessen zerfressene, von Tang bewachsene Quadern die See grollte zur Flutzeit mit weithin schallendem Getöse, von dem allerhand unheimliches Raunen ging, von bösem Spuk, und allerlei dunkle Geschichten von Seeräubern und dergleichen.

Darum liebte Lars ihn geradezu. Und wenn man ihn nirgends fand, so steckte er sicher in dem alten Gemäuer, entweder in dem Schutt grabend und kratzend nach irgend einem Stück Eisen, aus dem sich seine Phantasie rasch etwas zurechtschmiedete, oder aus irgend einem Mauerloch, das er mit Lebensgefahr erkletterte, hinausträumend in die schäumende See.

Knut arbeitete schwer, brachte das Heu herein, sorgte für das Vieh und die Schafschur — da war er ihm höchstens im Wege.

Nur im Boot, wenn es auf den Fischfang ging oder einer Meerfahrt galt nach Nordstrand, nach Amrum oder gar nach Beenshallig zum Möveneiersammeln, da fehlte er nie, da stellte er seinen Mann — glaubte er. Unterdessen brachte er das Netzzeug durcheinander, spielte mit dem bunten Tand des Meeres, der sich in den Maschen verstrickte, machte Ausbeute für seine Sammlungen und vergaß über dem Seltenen das einzig Nützliche: die ihm viel zu gemeinen, langweiligen Fische, von denen einer dem anderen glich. Und Knut lachte dazu und schwitzte sich zu Tode unter dem Drucke des Netzwerkes.

Der vierschrötige Mann, mit dem Geiste so zäh wie der Schlick, der die Insel umgab, mit dem dumpfen Groll im Herzen, den früher Lebenskampf verleiht, das friedliche, ewig drohende Meer, das ihm den Vater geraubt, brauchte Wärme, Licht, Sonne — das war ihm Lars, ja mehr noch war er ihm, seine eigene verlorene oder vielmehr nie besessene Jugend.

Lars war heute der erste in der Spinnstube, nicht einmal eine Segelfahrt nach der Seehundsbank bei Nordstrand, auf welche Knut ihn gerne mitgenommen hätte, sonst sein Leibspaß, zog heute.

Aber es war das auch kein gewöhnlicher „Aufsitz‟, der heute zu erwarten war, bei dem man die alten und jungen Gesichter vom vorigen Jahre, nur um ein Jahr älter, zu sehen bekam, auch handelte es sich nicht um die alten Geschichten, denen er sich doch auch allmählich entwachsen fühlte, etwas ganz Außerordentliches war in Sicht, so recht etwas für den Lars.