Lars fühlte seine schwere Zunge gelöst.
„Was brauchen wir einen Marmorpalast und Gold und Edelgestein? Ist's hier nicht schön genug? Gehört die ganze Pracht da draußen nicht uns? Wird der alte Turm da nicht zum Palast, wenn wir uns nur lieben?‟
„Sie dulden es aber nicht, daß wir uns lieben!‟ Nizam schmiegte sich innig an ihn. „Dein Bruder, deine Mutter, alle —‟
„Dann verlassen wir alle, — fliehen wir —‟
„Wohin?‟
„Wohin du willst, die Welt ist groß. Ich will arbeiten, kämpfen, das Glück suchen, das Gold, das du so ersehnst. Alles will ich thun für dich.‟
„Was hilft das Wollen, wir sind beide arm. Im Frühjahr muß ich fort mit dem Vater —‟
„Geh' nur fort, ich werde deine Spur nicht verlieren. Ich werde dich wiederfinden, ich werde reich sein, wenn ich dich wiederfinde, ich werde alle deine Wünsche erfüllen können. Lach' mich nicht aus, Nizam, ich bin stark und klug, und vor allem habe ich Mut!‟
„Ich lache dich nicht aus, ich lache nur, wenn ich denke, wie es kommen wird, — ganz anders. Du wirst einen langen roten Bart bekommen, du wirst ein braves Halligmädchen heiraten, Grete Wittrich, oder so eine, du wirst die Schafe hüten auf den Wiesen und fischen im Wattstrome und handeln in Amrum wie dein Bruder Knut, und wirst gar nicht mehr an das braune Mädchen denken im alten Turm, an das Kind der bösen Hexe aus dem Zauberland, — so wird's kommen, Lars.‟
„Ehe es so kommt, das schwöre ich dir, finden sie einmal draußen am Strand einen Mann, dem der rote Bart noch nicht lang gewachsen ist. Warum hast du mich so angeblickt, als du zum ersten Male unser Haus betratest? Warum hast du dich küssen lassen, als ich dir begegnete? Warum kommst du heut hierher, wenn du mich nicht wirklich liebst? Oder willst du mir wirklich nur Leib und Seele verzehren, wie Knut sagt? Bist du wirklich eine Hexe, wie die Leute alle glauben? Ein Kind der Sünde, wie der Pastor meint?‟