Durch Tipong Igaus Auffassung beruhigt, bestieg ich mit ihr das hohe Ufer und befand mich sogleich auf dem luma lāli, das unmittelbar hinter den Trümmern eines früheren Kajanhauses angelegt worden war. Neben dem luma lāli der Häuptlingsfamilie lagen die geweihten Felder der übrigen Familien, die das Fest am folgenden Tage begehen sollten. Diese kleinen Felder werden niemals des Ertrages wegen bebaut, sie dienen nur als Schauplatz religiöser Handlungen, auch werden auf ihnen symbolisch alle Arbeiten eingeleitet, die später auf den wirklichen Reisfeldern vorgenommen werden müssen.
Bei meiner Ankunft bemerkte ich zuerst, unter einem auf vier Pfählen ruhenden Baldachin aus Palmblättern, zwei weibliche und zwei männliche Priester, die sich mit der Zubereitung der Opfer beschäftigten; die Frauen stellten kawit her, während die Männer aus Fruchtbaumholz die erforderlichen Stücke für das Opfergerüst (pe̥lale̱) schnitzten.
Inzwischen befasste sich der profanere Teil der Familie und Sklaven mit deren irdischen Interessen, indem er in einigen grünen Bambusgefässen Klebreis und in anderen Hühner- und Schweinefleisch kochte. Die Kinder umringten alle diese Herrlichkeiten, während Jünglinge und Jungfrauen, im Schatten abgelegenerer Gebüsche sitzend, bei süssem Minnespiel die Welt um sie her zu vergessen schienen.
Um die Stelle, wo das Opfergerüst aufgestellt werden sollte, bauten zwei Männer aus dickem Holze eine feste, ungefähr 1 m hohe pyramidenförmige Hülle mit seitlicher Öffnung, worauf die älteste dājung um die Hülle etwas Reis säte und dann die jungen Leute herbeirief, um das ganze Feld weiter zu besäen. Während die jungen Männer mit ihrem Pflanzstock (to̱l) Löcher in den Boden bohrten, streuten die jungen Mädchen, hinter ihnen hergehend, den Reis in die Gruben; die gegenseitigen Sympathieen der Pärchen blieben dabei nicht verborgen.
Unterdessen waren die Bambusgefässe teilweise schon verkohlt, ein Zeichen, dass ihr Inhalt bereits gar geworden war und dass das Festmahl beginnen konnte. Höflicher Weise bot man mir zuerst meinen Anteil an der Mahlzeit an, den ich, mit Rücksicht auf die in Ungeduld harrende Jugend, so schnell als möglich zu bewältigen trachtete. Der Anblick der Gesellschaft, die jetzt in festem Klebreis und dem so seltenen Schweine- und Hühnerfleisch förmlich schwelgte, erheiterte mich nicht wenig.
Nach beendetem Mahl fragte mich Tipong, ob ich nun, da alles vorüber sei, nicht nach Hause fahren wollte; da aber niemand sonst sich zum Aufbruch rüstete, glaubte ich ihre Langmut noch weiter auf die Probe stellen zu müssen und erklärte, noch etwas warten zu wollen.
Da holte Tipong mit den anderen Priesterinnen einen grossen Behälter mit kawit herbei, erwärmte sie zum Schein, steckte sie in kleine Bambusgefässe und stellte diese zerstreut auf dem Felde auf. An jeder Stelle, wo ein solches Opferpäckchen niedergelegt wurde, blieb Tipong mit zwei Oberpriesterinnen stehen und redete halblaut mit den Geistern. Leider konnte ich wegen der lauten Schläge der Gonge nichts von ihrem Gemurmel verstehen.
Darauf folgte die Aufrichtung des Opfergerüstes unter der pyramidenförmigen Hülle: fünf dājung knieten vor der Öffnung; die älteste nahm aus einem Behälter die von den Männern geschnitzten Hölzer und stellte sie so zu einem pe̥lale̱ auf, wie es in dem Kapitel über Gottesdienst beschrieben worden ist. Über das Ganze setzte sie ein Dach, das gleichzeitig dazu diente, zwischen den vier, oben herausragenden, kleinen Stützbalken eine grosse Anzahl kawit zu tragen. Rings um das Gestell wurde etwas Hühnerblut gegossen und einige Reiskörner gesät, worauf die Öffnung der Hülle mit ein paar Holzstücken geschlossen wurde. Auch hierbei musste die Priesterin den Geistern eine lange Rede halten, die erst beendigt wurde, nachdem ein paar Bambushalme und Fruchtbaumzweige rings herum in den Boden gepflanzt worden waren. Einige geschlachtete Küchlein, einige Eier und kleine Bambusgefässe mit Schweineblut wurden als weitere Opfer für die Geister an die Zweige gehängt.
Hiermit war die eigentliche Zeremonie beendigt; die Teilnehmer waren aber noch nicht befriedigt; besonders trachteten die Mütter kleiner Kinder von dem aussergewöhnlichen Einflusse, der von dem Opfergestell ausströmen musste, für ihre Kleinen Nutzen zu ziehen. Zuerst wurde uns der Behälter mit den übriggebliebenen kawit gereicht, um unsere Hand hineinzustecken und darauf eine Schüssel mit Wasser. Durch beide Handlungen sollte unseren Seelen etwas Angenehmes erwiesen werden.
Hierauf verteilte man kawit unter die Frauen, die sich mit den Kindern auf den Tragbrettern oder mit diesen allein zum Opfergerüst begaben; unter Hersagen einiger Worte liessen sie den guten Einfluss des pe̥lale̱ auf die am Tragbrett hängende Schlinge übergehen und legten dann eine kawit neben ihm auf den Boden nieder. Mit dem Befestigen einer kawit am Tragbrett erreichte die Zeremonie ihr Ende.