Ebenso schnell wie das Wasser gestiegen war, fiel es auch wieder und wohlbehalten und erfrischt konnten wir am anderen Morgen den Bungan aufwärts ziehen. Das Wasser hatte gerade die richtige Höhe. Ist es niedriger, wie es auf meiner früheren Reise der Fall war, so muss die Bemannung nebenherlaufend das Boot über die Steine des Flussbettes ziehen, eine viel ermüdendere Arbeit als das Vorwärtsstossen mit Stangen (gala). Trotzdem all unser Gepäck beim Überschreiten der zwei folgenden Wasserfälle, des Gurung Bakang, wo Georg Müller 1825 ermordet wurde, und des Gurung Langau über Land getragen werden musste, legten wir an diesem Tage doch über die Hälfte des Weges bis zur Mündung des Bulit zurück.

Durch einen kleinen Unfall lernte Bier an diesem Tage das Fahren in Dajakböten. Er glaubte nämlich anfangs, ebensogut hoch oben auf ein paar Kisten als am Boden des Bootes, wie alle übrigen, sitzen zu können. In einer Stromschnelle verlor aber der Führer seines Bootes, Obet Lata, das Gleichgewicht, suchte unwillkürlich an ihm einen Halt und riss ihn mit sich in den Fluss. Zum Glück kehrten beide wohlbehalten in ihr Boot zurück.

Der gleich günstig gebliebene Wasserstand veranlasste uns auch am folgenden Morgen, früh aufzubrechen. Vor der Mündung des Bulit hatten wir keine Wasserfälle mehr zu passieren und so erreichten wir bereits gegen Mittag die Verbreiterung, in der Pulu (= Insel) Daru liegt. Ein fröhlicher Sonnenschein, der uns aber in der Tiefe der Kluft, unter dem überhängenden Grün des Gebirgswaldes, nicht erreichen konnte, belebte das Bild. Als sich hie und da Fische zeigten, konnten einige Kajan dieser Versuchung nicht widerstehen, holten ihre Wurfnetze hervor und begannen ihr Glück zu versuchen. Da vernahmen wir zu unserer aller Freude unter der dunkelgrünen Halle, die sich über uns ausspannte, das Plätschern von Rudern und bemerkten auch bald die auf dem Rückwege begriffenen Böte von Sĕniang und Akam Lasa. Diese hatten bei dem trockenen Wetter eine sehr günstige Reise gehabt, alle Vorräte unversehrt zum Bulit gebracht und dort auch die drei Männer, die unser Gepäck bewachten, angetroffen; diese befanden sich sehr wohl, sehnten sich aber in ihrer Einsamkeit sehr nach unserer Ankunft.

Akam Lasa und Sĕniang bekamen noch, als vorläufig letzten Gruss an die gebildete Welt, einen Pack Briefe mit nach Putus Sibau und setzten dann ihre Heimreise fort; auch wir verliessen den freundlichen Ort, um noch Long Bulit zu erreichen.

Im Laufe des Nachmittags wurde uns die Fahrt auf dem stillen Wasser unter hohen Uferbäumen und Girlanden herabhängender Lianen durch einen Regen verdorben. Da der Regen immer stärker wurde und alle, die keinen Mantel besassen, bis auf die Haut durchnässte, begrüssten wir mit Freuden die Reihe Felsblöcke, welche die Mündung des Bulit beinahe abschliesst.

Hier hatten die drei Wächter bereits eine Leiter zur Ersteigung des hohen Uferwalls und Gerüste für unsere Hütten hergestellt, so dass nur noch das Segeltuch aus den Böten geholt zu werden brauchte, um uns ein schützendes Obdach vor dem Sturzregen zu verschaffen; bei hungrigen und ermüdeten Menschen ruft der Regen auch in den Tropen eine sehr unangenehme Stimmung hervor. Für uns Europäer gab es aber so viel Interessantes zu hören, dass nach dem Wechsel der nassen Kleider die letzten Unannehmlichkeiten bald vergessen waren.

Mündung des Bulit.

Mehr als drei Wochen hatten die Wächter allein, mitten in diesem nur von den nomadisierenden Stämmen der Bukat und Bungan Dajak durchzogenen Urwäldern, zugebracht; sie hatten sich aber nie geängstigt. Bereits wenige Tage nach ihrer Ankunft hatte sich das Gerücht von ihrer Anwesenheit mit so vielen guten Esswaren auch in diesen weiten Wäldern verbreitet. Erst waren ein paar Bunganmänner auf Kundschaft gekommen und, nachdem man sie freundlich empfangen hatte, folgten bald auch Frauen und Kinder, die alle ein Geschenk an Reis und Tabak erhielten, das für sie einen ganz besonderen Glücksfall bedeutete. So gestaltete sich den drei Männern die Einsamkeit noch erträglich und die Ungeduld wurde ihnen nicht zu quälend.

Da in den letzten Jahren alles niedrigere Gehölz der nächsten Umgebung von vorüberreisenden Gesellschaften zum Bau von Lagern gefällt worden war und unser zahlreiches Geleite es zu mühsam fand, Holz von weiter her zu beschaffen, übernachteten sie in sehr primitiven Hütten auf den Geröllbänken unten im Fluss. Auf einen trockenen Abend folgte aber eine nasse Nacht. Wir schliefen noch nicht lange, als wir von einer allgemeinen Unruhe am Flussufer geweckt wurden. Der Regen vom Nachmittag musste auch in einem Teil des Stromgebietes des oberen Bulit gefallen sein; denn das Flüsschen stieg innerhalb einer halben Stunde um zwei Meter und seine Wassermassen überfielen plötzlich die Schläfer auf der Bank.