Wir waren so früh angekommen, dass ich noch Zeit gehabt hätte, mit vielen Bekanntschaft zu machen und Verschiedenes einzukaufen. Leider blieb die Galerie leer, trotzdem ich früher bereits mehrmals hier gewesen war; man schien sich vor uns also doch noch zu fürchten. Kwing Irang konnte sich von seiner jungen Frau nicht trennen und unsere Kajan hatten sich zu ihren Bekannten begeben. Da keiner von uns Pnihingisch sprach, war eine Unterhaltung mit den Hausbewohnern unmöglich, und ich beschloss daher, mit dem alterprobten Mittel, der Austeilung von Geschenken, eine Verständigung zwischen uns anzubahnen.

Mit vieler Mühe suchte ich zwei kleine Mädchen, die uns aus der Ferne verlegen anstarrten, dazu zu bewegen, sich uns zu nähern und aus einer Dose einen bunten Fingerring hervorzuholen. Durch die blitzenden Kleinodien angelockt zogen sie einander halb ängstlich, halb lachend an den Röcken vorwärts. Zögernd streckte jede ihr Ärmchen aus, ergriff einen Ring und eilte nach Hause, um ihren Schatz zu zeigen. Bald darauf geriet die ganze Frauenwelt in Bewegung und stellte sich mit ihren Kindern in dichter Reihe um mich herum. Eine Dose voll Fingerringe nach der anderen verschwand, wobei die Frauen den Kindern stets den Vorrang liessen. Um die Austeilung der kleinen Geschenke, die wegen unserer Unkenntnis der Sprache recht einförmig verlief, etwas zu beleben, versteckte ich die Perlen, Nadeln oder Ringe in meiner Hand oder hielt diese so fest, dass jede nur mit einer kleinen Anstrengung zu ihrem Geschenk gelangen konnte. Die Zuschauer amüsierten sich herrlich über die Bemühungen derjenigen, die an der Reihe war. Einige wurden verlegen, aber keine wurde böse. Bald wurde unsere Umgebung so vertraulich, dass einige die wenigen Worte Busang, die sie kannten, zu sprechen wagten. Mit hübschem, geblümtem Zeug, Perlenketten und dergl. suchte ich die Frauen zu bewegen, mir einiges von ihrem Hausrat und ihren Kleidungsstücken zu verkaufen und war mit meinen vorläufigen Unterhandlungen sehr zufrieden. Schnitzarbeiten und andere Kunstartikel konnte ich nicht erhalten, weil die Pnihing nichts derartiges herstellen, wohl aber einige Röcke mit hübschen -Rändern, einige Hüte und, was uns ebenfalls sehr willkommen war, eine grosse Menge Reis, Hühner und Früchte. Böte, deren ich immer noch nicht genug hatte, konnte ich hier nicht kaufen, doch sollten sie in der Pnihingniederlassung am Tjĕhan zu haben sein.

Der Liang Karing an der Mündung des Tjĕhan.

An der Mündung des Tjĕhan in den Mahakam liegt der Liang Karing, dessen schöne weisse Kalkfelsen die Landschaft beleben. In der Hoffnung, von diesem Berge aus eine gute Übersicht über diesen Teil des oberen Mahakam zu erhalten, beschlossen wir, in dem an der Mündung- gelegenen Pnihinghause zu übernachten. Morgens früh brachen wir von Long ’Kup auf und erreichten zuerst Bĕlarès Niederlassung, an der wir nicht Halt machten, da die Pnihing augenblicklich auf ihren Reisfeldern wohnten und der Häuptling sich mit einigen Männern auf der Jagd am oberen Mahakam befand. Schon seit Jahren zog Bĕlarè, sobald er die Zeit dazu fand, für viele Wochen in den Wald und lebte dort fast gänzlich von dem, was der Wald ihm lieferte.

Um 12 Uhr legten unsere Böte bei der Niederlassung am Tjĕhan an. Die Hausbewohner erklärten, keinen Weg auf den Liang Karing zu kennen und, da ich ihre Abneigung gegen Besteigungen dieser Berge kannte, schickte ich Maring Kwai, einen jungen Mann, der bereits im Jahre 1897 mit meinem Pflanzensucher Djahéri einen Gipfel des Liang Karing bestiegen hatte, und Suka, der für dergleichen Exkursionen am geeignetsten war, aus, um einen Weg zu suchen, der auch für Bier und mich brauchbar war. Inzwischen erfreuten wir uns zum ersten Mal wieder an einer guten Mahlzeit und erhielten bald darauf die willkommene Nachricht, dass man den Gipfel des Berges von der einen Seite aus erreichen könne. Suka hatte Maring nur mit grosser Anstrengung auf dem früheren Pfade nach oben folgen können, aber sie hatten vom Gipfel aus für den Abstieg einen besseren Weg gefunden.

Um keine Zeit zu verlieren, brach ich mit Bier und den Pflanzensuchern sogleich auf. Wir setzten über den Fluss und standen bald darauf vor den senkrechten Kalkwänden des Liang Karing. Auf der rechten Seite bemerkte ich am Fuss des Berges grosse Höhlen, in denen die Pnihing ihre Toten beisetzen; ich hielt es jedoch nicht für ratsam, die Leute am Tjĕhan durch meine Neugierde zu beunruhigen und schlug, um den gefundenen Weg zu erreichen, die entgegengesetzte Richtung ein.

Die hier schwach geneigten Sandsteinschichten heben sich deutlich von dem anschliessenden Kalkgestein ab, in gleicher Weise wie dies bei den Kalkkegeln am Bulit der Fall ist. Da es mir nicht glückte, Fossilien zu finden, kann das Alter dieser Schichten vorläufig nicht bestimmt werden. Weiter aufwärts gelangten wir an die Stelle, von der aus die Besteigung beginnen konnte. Die Felswände waren hier zwar ebenso steil als an der anderen Seite, aber ein Kamin, der unten gänzlich mit abgestürzten, von Moos und Algen bedeckten Kalkblöcken angefüllt war, machte einen Aufstieg möglich. Mit Händen und Füssen kletterten wir an einer Seite, wo das Kalkgestein scharfe Vorsprünge und Vertiefungen zeigte, an der lotrechten Wand empor und erreichten die Stelle, an der sich die Wände in einem Bogen dem Gipfel zuneigten.

Die scharfen Spitzen und Kanten des Gesteins drangen durch unsere nassen Stiefelsohlen hindurch; wie die unbeschuhten Füsse der Eingeborenen Stand hielten, erschien uns unbegreiflich. Auch oberhalb der Wände war der Berg noch so steil, dass wir nur mit Hilfe des Gestrüppes, das hier wuchs, vorwärts kamen. In noch höherem Masse als der schlechte Weg hielt mich jedoch die interessante Vegetation auf; in den mit Moos und Algen dicht bewachsenen Spalten und Höhlen der Kalkfelsen hatten nämlich Begonien und Erdorchideen eine Farbenpracht ihrer Blätter entwickelt, wie ich sie noch nirgends beobachtet hatte. Auf den langen, spitzen Blättern der Begonien wechselten Gold und Silber mit prächtigem Rot, Braun und Violett, während die marmorierten Blätter der Erdorchideen ein mit dem Alter wechselndes Farbenspiel zeigten. Die Pflanzensucher hielten eine reiche Ernte, was um so erwünschter war, als die auf der vorigen Reise gesammelten Pflanzen während des langen Aufenthaltes bei den Kajan umgekommen waren. In kurzer Zeit erreichten wir den Gipfel des Berges, der nur spärlich mit Gestrüpp und krautartigen Pflanzen bedeckt und durch den Regen stark zerklüftet und erodiert war. Bier machte sich sogleich an die Arbeit und bedauerte nur, dass zahlreiche, höhere Berge die Aussicht beeinträchtigten. Die auf das hohe Kalkgebirge Batu Matjan im Norden, den Batu Lĕsong im Süden und viele andere Punkte in der Umgebung ausgeführten Peilungen machten jedoch auch diese Exkursion wertvoll. Abends kehrten wir steif und nass ins Dorf zurück, wo Barth und Demmeni die Zeit in Gesellschaft vor. Kwing Irang, dessen ältestem Sohn und dem freundlichen Häuptling Bo Anjè und dessen Frau verbracht hatten. Unter dem angenehmen Eindruck dieser Unterhaltung bot man uns eine reiche Mahlzeit mit Huhn, Eiern und Früchten an. Um 7 Uhr abends lagen wir bereits in tiefem Schlaf. Unserer Gesellschaft schien es hier sehr gut zu gefallen, ich dagegen wollte lieber so früh als möglich weiter reisen. Die Fahrt hatte aber bei dem niedrigen Wasserstande und der Grösse des einen Bootes ihre Schwierigkeiten, daher langten wir erst um ½ 3 Uhr bei der mir von früher her bekannten Niederlassung der Pmhing am Pakatè, einem kleinen Nebenfluss des Tjĕhan, an. Demmeni hatte auf der Fahrt eine gute Aufnahme des Kiham Tukar Anang machen können, eines Wasserfalles, der durch im Flussbette liegende Kalkblöcke gebildet wird.