Durch meine ärztliche Praxis unter den Eingeborenen hatte ich mir so viel Einfluss bei ihnen erworben, dass ich nicht zu viel sage, wenn ich behaupte, dass meine zweimalige Durchquerung Borneos und der Besuch bei den Kĕnja ohne meine Tätigkeit als Arzt nicht ausführbar gewesen wären.
Da die Eingeborenen selbst keine oder doch nur fast wertlose Mittel gegen Malaria und Syphilis besitzen und diese daher auch in leichten Fällen oft tätlich verlaufen, grenzt die Wirkung, welche Chinin, Jodkali und Quecksilberpräparate hervorrufen, in den Augen der Bevölkerung an das Wunderbare. Berücksichtigt man auch die Wirkung der Narkotika, die den Schmerz momentan benehmen, so erscheint es begreiflich, dass die Eingeborenen sich glücklich schätzten, einen weissen Wunderdoktor in ihrer Mitte zu haben.
Wegen ihrer Scheu vor allem Unbekannten fürchteten die Eingeborenen auch anfangs einen möglichen schlechten Ausgang der Kur. Daher war es, besonders in der ersten Zeit, geboten, durch Narkotika, verbunden mit den betreffenden Heilmitteln, auf das subjektive Empfinden der Patienten einzuwirken. Da Chinin und Jodkali einen nicht oft im Stich liessen, machten sie während des Verlaufs der Krankheit einen sehr erwünschten Effekt.
Die Konstitution meiner Patienten kam mir oft zu Hilfe; ausserdem achtete ich darauf, keine zu weit vorgeschrittene Krankheit anders als mit der Vorausbemerkung, dass meine Hilfe vielleicht nicht mehr ausreichend sein würde, zu behandeln. Nachdem ich gemerkt hatte, dass auch weit vorgeschrittene Krankheiten bei vorsichtiger Behandlung eine gute Wendung nehmen konnten, stieg mein Selbstvertrauen und später brauchte ich nur selten einen Kranken für unheilbar zu erklären.
Betrachten wir nun, was die Bahau selbst über ihren Körper denken und wie sie ihre Krankheiten bekämpfen, so stossen wir auf die seltsamsten Vorstellungen. Dass diese mehr auf Phantasie als Beobachtung beruhen, sehen wir daraus, dass sie auch von dem, was sie äusserlich an ihrem Körper wahrnehmen, nur unklare Begriffe haben. Bei meiner Ankunft waren ihnen Herz- und Pulsschlag noch nicht bekannt, erst nachdem ich einige Monate. unter ihnen praktiziert hatte, erfuhren sie, dass sie einen Puls hatten, an dem ich häufig den Grad ihrer Krankheit beurteilen konnte. Da sie im übrigen gut zu beobachten im stande sind, kann man hieraus schliessen, dass Herzleiden nur selten bei ihnen vorkommen. Ausser einigen auf Beriberi beruhenden Fällen von Herzleiden erinnere ich mich tatsächlich keine anderen konstatiert zu haben.
Die Schläge der Arteria abdominalis, die sie beim Betasten ihres Leibes im Fall von Bauchschmerz fühlten, wirkten auf sie sehr beunruhigend. Immer und immer wieder wurde ich gefragt, ob das Klopfen nicht die Ursache des Leidens sei. Als ich die Gesunden sich auf den Rücken legen und auch sie das Klopfen der Arteria abdominalis fühlen liess, gerieten sie in grosses Erstaunen. Dagegen wissen alle Stämme, dass sie als Folge der Malaria eine harte Geschwulst an der linken Seite besitzen. Daher nennen die Dajak von Sambas die Malaria: de̥mom batu = Fieber mit dem Stein; die Kajan am Mendalam nennen die geschwollene Milz: kālong pră = Krankheitszeichen; die Kajan am Mahakam bezeichnen die Milz als ong ẹrăm = Krankheitskörper.
Von der Dauer einer normalen Schwangerschaft haben die Bahau nur eine sehr mangelhafte Vorstellung; sie nehmen an, dass sie nur 4–5 Monate dauert, d.h. so lange, als sie die äusseren Veränderungen an der Frau wahrnehmen können. Da mir diese Unwissenheit kaum glaublich erschien, stellte ich in verschiedenen Gegenden hierüber Nachforschungen an, aus denen ich merkte, dass die vielen Fehl- und Frühgeburten sowie die sehr verbreiteten Geschlechtskrankheiten der Frauen das ihre zu dieser falschen Auffassung beigetragen haben. Dass zur Zeugung Testikel erforderlich sind, wissen die Eingeborenen ebenfalls nicht, denn sie halten ihre kastrierten Jagdhunde, denen die Weibchen nicht vollständig gleichgültig sind, für zeugungsfähig.
Alles Weisse, was sie am toten Körper bemerken, wie Nerven, Sehnen und Blutgefässe, nennen die Bahau “huwat”, auch nehmen sie an, dass in diesen die Kraft sitzt. Dass die Arterien der lebenden Menschen Blut enthalten, ist ihnen nicht bekannt.