Unsere Gesellschaft war somit ohne bedeutende Verluste über die Wasserfälle gelangt; nur Hadji Umars Zustand beunruhigte mich. Umar war bereits die letzten drei Jahre leidend gewesen; ich hatte zwar seinen Zustand während seines Aufenthaltes am Blu-u etwas bessern können, aber seit der Zeit war das Fieber immer wieder zurückgekehrt. Dass Umar sich weigerte, Chinin einzunehmen, verschlimmerte seine Lage; ich wusste ihm nicht zu helfen. Obwohl er mit uns zur Küste fuhr, war seine Anwesenheit uns unter diesen Umständen kaum von Nutzen.
Eine der interessantesten Begegnungen, welche der Kontrolleur während seines sehr eintönigen Aufenthaltes gehabt hatte, war die mit den Kĕnja, die wir im Kiham Halo getroffen hatten. Da Barth meine Absicht, die bis dahin so gut wie unbekannten Kĕnjastämme zu besuchen, kannte, war er dem Zufall dankbar, dass diese Gesellschaft, die eine Handelsreise nach dem unteren Mahakam unternommen und einen Besuch bei ihren Stammverwandten am Tawang gemacht hatte, die ausgedehnte Geröllbank bei Long Bagung als Lagerplatz wählte. Kaum hatten die Kĕnja erfahren, wer auf dem Ufer wohnte, als ihre vornehmsten Leute Barth einen Besuch machten. Dabei erschienen sowohl die Häuptlinge als deren Geleite völlig unbewaffnet, was in einem Lande, in dem jung und alt stets bewaffnet geht, sehr auffallend war. Das Gespräch, das in der Busang-Sprache geführt wurde, verlief durchaus gemütlich. Die Kĕnja hatten sehr offenherzig von ihrem Lande berichtet und zu verstehen gegeben, dass meinem Besuch bei ihnen nichts im Wege stände, dass sie mich im Gegenteil gern bei sich sehen würden. Barth hatte ihnen die Erinnerung an ihren Besuch angenehm zu machen verstanden, indem er sie reichlich mit Tabak und Perlen bedachte.
Der Kontrolleur hatte ausserdem die nähere Bekanntschaft mit Blutsverwandten von Bang Jok gemacht, der sich selbst nur kurze Zeit in Long Bagung aufgehalten und auch seine Frau und Kinder nach Udju Halang mitgenommen hatte. In Long Bagung wohnte nämlich seine Schwester Bua, die in zweiter Ehe einen Malaien Rauf, den Sohn eines früheren Distrikt-Häuptlings vom oberen Barito, Raden Djaja Kusuma, geheiratet hatte. Kusuma war der erste Malaie gewesen, der die Bahauhäuptlinge zu besuchen gewagt und sich angeboten hatte, ihre Wälder auf Buschprodukte durchsuchen zu lassen. Dadurch hatte er in den neunziger Jahren die fremden Buschproduktensucher nach dem Mahakam gezogen. Seine drei Söhne liessen sich dort nieder, zwei als Kaufleute, einer als Gatte von Bang Joks Schwester, die ebenfalls Anrecht auf die noch unberührten Wälder der Long-Glat von Lirung Tika hatte. Bug war nach dem Tode ihres ersten Gatten, eines Häuptlings in Mujub, nicht zu ihrem Bruder gezogen, sondern hatte sich Long Bagung gegenüber, am jenseitigen Ufer, ein Haus gebaut und später Raup geheiratet. Dieser verstand, dank seinen Beziehungen zu den Buschproduktensuchern am Barito, die Wälder seiner Frau vorteilhaft auszubeuten, ausserdem verdiente er viel als Kaufmann, indem er alles, was die Leute für ihre Lebensbedürfnisse nötig hatten, von der Küste beischaffen liess und auch mit den Bahau und Kĕnja von oben Tauschhandel trieb. Eine weitere Kundschaft besass er im Gebiet des oberen Murung, den er längs des Bunut leicht erreichen konnte. Raups Familie hatte sich ebensowenig wie die in Long Dĕho zurückgebliebenen Häuptlinge vor einer Berührung mit dem Kontrolleur gefürchtet und so hatte sich über den hier 200 m breiten Fluss ein lebhafter Verkehr entwickelt. Sehr willkommen war es Barth, dass er hier wieder Salz, Zucker, Petroleum und einige Konserven kaufen konnte, Dinge, mit denen wir bereits seit langem sehr sparsam hatten umgehen müssen. Der Fluss ist hier überdies nicht so ausgefischt wie oberhalb der Wasserfälle, wo der Fischstand durch die tuba-Fischerei sehr heruntergebracht worden ist. Bei Hochwasser suchen die Fische hier in kleinen, für gewöhnlich trockenen Nebenflüssen eine Zuflucht vor der reissenden Strömung. Die Malaien, die sich bei Barth befanden, schlossen die Nebenflüsse bei Hochwasser mittelst eines Heckwerks aus Bambus ab und fingen auf diese Weise bei fallendem Wasser mehr Fische als sie gebrauchen konnten.
Am 22. Mai liessen wir uns, nachdem alles Gepäck in den Böten untergebracht worden war, ruhig vom Flusse abwärts treiben, in der angenehmen Überzeugung, dass uns bei hohem oder niedrigem Wasserstande kein ernsthaftes Hindernis mehr drohte. Das Wasser war wieder so hoch gestiegen, dass wir weiter unten Bier zur Tatenlosigkeit verurteilt antrafen, weil die hier niedrigen und daher überschwemmten Ufer ihm keinen Standplatz boten. Am folgenden Tage fuhr er denn auch nach Uma Mĕhak weiter, mit der Absicht, dieses Stück später zu messen.
Die rasche Strömung brachte uns bereits bald nach 4 Uhr nach Uma Mĕhak, der ersten grösseren Niederlassung unterhalb der Wasserfälle. Seitdem Uma Mĕhak in den letzten Jahren der Sammelpunkt malaiischer Buschproduktensucher geworden ist, sind auf dem Uferstreifen zwischen den langen Bahau-Häusern und dem Flusse malaiische Häuser entstanden, so dass das Ganze nicht mehr den einheitlichen Charakter der Niederlassungen oberhalb der Wasserfälle trägt. Auch beim Betreten des Dorfes machte alles einen verfalleneren Eindruck als oben. Da die Bevölkerung hier nicht zahlreich genug ist, wechselt sie ihre Dörfer viel seltener als es am oberen Mahakam üblich ist, daher sehen die Häuser hier in der Regel älter und baufälliger als im Innern der Insel aus.
Auf der Galerie des langen Hauses wurde uns aber ein gutes Unterkommen angeboten und wir liessen im grossen Raume Bretterverschläge herrichten, um einige von uns, die an Fieber litten, von dem grossen Getriebe fernzuhalten. Das Interesse für uns war hier besonders rege und da wir nur einige Tage bleiben wollten, suchte man nach Möglichkeit, aus unserer Gegenwart Vorteil zu ziehen; hauptsächlich wurde ich um Arzneien angegangen. Wir fühlten aber wenig Sympathie für unsere neue Umgebung, denn aus einem Kreise primitiver, unverdorbener Bahau gerieten wir hier plötzlich in eine degenerierte Gesellschaft der verschiedensten Stämme vom Barito und Mahakam. Von allen Seiten starrten uns Menschen mit fremden, verdächtigen Gesichtern an, die sich hier zu dem alleinigen Zwecke, um den oberhalb der Wasserfälle unbekannten Genüssen, wie Hazardspielen und Hahnenkämpfen um hohen Einsatz und dergl. zu fröhnen, aufhielten. Dabei herrschten hier ständig Streit und Zank, an die wir seit langer Zeit nicht mehr gewöhnt waren. Man hatte uns übrigens oberhalb der Wasserfälle bereits darauf aufmerksam gemacht, dass sich in diesem Zentrum der Buschproduktensucher alles um Spiel und Wetten drehte.
Abends, lange nachdem wir uns zur Ruhe begeben hatten, hörten wir noch Würfel rollen und Geld zählen; beim Schein kleiner Lampen hockten auf der Galerie kleine Gruppen, die teils mit chinesischen, teils mit europäischen Karten spielten. Bei Sonnenaufgang hielten einige Buginesen, die als die wichtigsten Bankiers fungierten, ihren Einzug in der Galerie und versammelten bald einen grossen Kreis um sich. Zum grossen Verdruss ihrer Häuptlinge beteiligten sich auch die Bahau des langen Hauses am Spiel, wodurch sowohl der Ackerbau als das Verhältnis des Hausbewohner untereinander litt. Die Häuptlinge konnten sich nicht besser ausdrücken, als indem sie diesen Zustand als “rusak murib Bahau” “Verderben des Bestehens der Bahau” bezeichneten.
Zwei in Uma Mĕhak verbrachte Tage genügten, um uns davon zu überzeugen, dass derartige Zustände auf die Dauer nur zur Demoralisierung einer Bevölkerung dienen können, deren gute Eigenschaften wir oberhalb der Wasserfälle kennen gelernt hatten. Ausserdem bilden sie für alle, die von der Ostküste aus Beziehungen mit dein Binnenlande anknüpfen wollen, eine Gefahr. Wir hätten hier nur durch einen langdauernden Aufenthalt Einfluss ausüben können; da wir hierfür aber keine Zeit hatten und den ersten Teil des von der Regierung gestellten Auftrages erfüllt hatten, beschlossen wir, den Mahakam weiter bis Udju Halang zu fahren und dort zu warten, bis ein Dampfboot uns zur Küste abholen würde.
Bier begann von Uma Mĕhak aus, bei günstigerem Wasserstande, seine Aufnahme und hoffte sie noch vor unserer Abreise zur Küste bis Ana fortsetzen zu können.
Ich hatte die Ruhetage dazu verwandt, unseren Pflanzensucher Sĕkarang von der Malaria zu kurieren, aber das Fieber hatte ihn bereits so angegriffen, dass es für ihn ein Glück war, dass wir zu Wasser und nicht zu Lande weiterreisten. Schlimmer ging es Hadji Umar, der sich immer noch weigerte, Arzneien zu nehmen, und daher täglich an Malariaanfällen litt und sichtlich herunterkam. Er raffte sich trotzdem auf, um mit uns weiterzureisen und nahm auch seine Familie mit.