In Batavia angelangt wurde ich jedoch sogleich als Arzt nach Lombok abkommandiert, wo die Bestürmung von Tjakra Negara (1894) und alle traurigen Folgen dieses entsetzlichen Kriegszuges uns Ärzte bald alle eigenen Pläne vergessen liessen.
Auch im Anfang des folgenden Jahres fanden wir selten Zeit, an etwas anderes, als an unsere Kranken zu denken, bis endlich der Westmonsun uns weniger Patienten und mehr Kollegen brachte und es mir glückte, eine Versetzung nach Batavia zu erlangen.
Dankbar für die mir erhaltene Gesundheit und alles, was ich auf der prachtvollen Insel Lombok gesehen hatte, bestieg ich im Juli ein Schiff der “Paketfahrtgesellschaft”, welches mich nach Java brachte, und sechs Tage darauf führte mich die Bahn von Surabaja an den Ort meiner Bestimmung. Vier im idyllischen Garut verbrachte Tage verwischten den Eindruck aller Lomboker Schrecknisse, und bei meiner Ankunft in Batavia traten meine Borneopläne mir deutlicher als je vor den Geist.
Nach einigen Unterhandlungen mit dem Ausschuss der oben genannten niederländischen Gesellschaft in Batavia, zeigte sich diese bereit, meine Pläne zu unterstützen, und als dann auch der finanzielle Teil erledigt und die Zustimmung der Regierung erlangt war, konnte ich mit der Ausrüstung beginnen und im Februar des Jahres 1896 von Batavia über Pontianak mit der Expedition aufbrechen.
Überzeugt, dass die Unterhandlungen mit den Kajan Monate dauern würden, liess ich zwei Europäer: Demmeni und von Berchtold, von denen sich jener mit dem Photographieren, dieser mit der Erwerbung einer zoologischen Sammlung beschäftigen sollte, vorläufig in Batavia zurück; sie trafen mit mir erst im Mai am oberen Kapuas zusammen. Hier war es mir nach monatelangem Zusammenleben mit den Kajan am Mendalam endlich geglückt, diese ihrem Versprechen gemäss zur Teilnahme am Zuge nach dem Mahakam zu bewegen und die vorläufigen Vorbereitungen, wie das Einkaufen von Böten und grossen Quantitäten Reis, zu beenden; jedoch dauerte es noch bis zum 3. Juli, bis wir von Putus Sibau, dem wichtigsten Handelsplatz am oberen Kapuas, aufbrechen konnten. Im Laufe von zwei Monaten fuhren wir den Kapuas und darnach seine beiden Nebenflüsse Bungan und Bulit hinauf, zogen auf 800 m Höhe über die Wasserscheide und stiegen dann zum Penaneh, einem Nebenfluss des Mahakam, hinunter.
Der erste Empfang bei den dort ansässigen Pnihing liess nichts zu wünschen übrig, und auch während unseres achtmonatlichen Aufenthaltes bis zum April 1897 bei den anderen Stämmen am oberen Mahakam fiel nichts vor, was unser freundschaftliches Verhältnis gestört hätte. Es war anfangs mein Plan gewesen, nur zwei Monate bei ihnen zu bleiben, aber die herrschende Hungersnot liess uns nur die Wahl, uns ohne Unterbrechung von einem Stamme zum anderen führen zu lassen, oder die Hungersnot am oberen Mahakam bis zum Eintritt der neuen Ernte mitzumachen. Wir wählten letzteres, da nur ein längerer Aufenthalt bei den Stämmen ein Ergebnis der Reise versprach, und es gelang uns, mit den Tauschartikeln bis zum letzten Augenblick hauszuhalten. Im April brachen wir mit Kwing Irang, dem obersten Häuptling der Mahakam-Kajan, bei dem wir uns niedergelassen hatten, nach dem unteren Mahakam auf, passierten die grossen Wasserfälle, die den Ober- und Mittellauf des Mahakam scheiden, und wurden vom Häuptling dem Sultan von Kutei übergeben, der uns mit dem Assistent-Residenten van Assen entgegengereist war.
Der langdauernde Aufenthalt im Herzen vom Borneo hatte uns in Stand gesetzt, unsere Umgebung eingehend zu studieren und so brachte ich, ausser bedeutenden Sammlungen auf naturwissenschaftlichem Gebiet, eine gründliche Kenntnis der Zustände, Sitten und Sprachen der Stämme am Mahakam mit nach Java.
Statt in einem Dorado der Wilden, wie es sich die Europäer gewöhnlich vorstellen, hatten wir unter Zuständen gelebt, von denen man sich in Europa schwer einen Begriff machen kann. Ausser den ungünstigen hygienischen Verhältnissen, welche eine Zunahme der Bevölkerung verhindern, hatten mich die Angst und Unruhe, in der diese Menschen ihr Dasein führen, betroffen. Jene sind, als Folgen des Klimas und der Eigenart der Bevölkerung, schwer zu bekämpfen, diese, hauptsächlich durch die Fehden der Stämme untereinander verursacht, sind sehr leicht zu beseitigen, sobald sich eine über diesen Stämmen stehende Macht mit der Schlichtung ihrer Zwistigkeiten befasst und Selbstwehr verhindert. Die Bahau fühlten, dass ihnen (lies vor allem fehlte; denn Kwing Irang wandte sich durch meine Vermittelung im Namen aller Stämme am oberen Mahakam an die niederländisch-indische Regierung mit der Bitte um Beschirmung.
Hierdurch wurde die indische Regierung veranlasst, eine neue Expedition auszurüsten, um festzustellen, auf welche Weise in den Gebieten des oberen Mahakam Ruhe und Sicherheit am besten herzustellen seien. Als Leiter dieser Expedition wurde ich gewählt, ferner der Kontrolleur 1. Kl. J.P.J. Barth und einige europäische und malaiische Gehilfen.
Obgleich politische Interessen bei diesem neuen Zuge das Leitmotiv bildeten, war es mir doch klar, dass seine Organisation aus verschiedenen Gründen die gleiche wie bei der früheren, so wohl gelungenen Expedition von Pontianak nach Samarinda sein musste. Es handelte sich im wesentlichen darum, die Stimmung der Bevölkerung in bezug auf die Einsetzung einer festen Verwaltung auszukundschaften und auf die Schlichtung ihrer Zwistigkeiten mit benachbarten Stämmen Einfluss zu gewinnen. Hierzu war es, wie auch auf der vorigen Reise, notwendig, das Vertrauen der ängstlichen Bahau zu erwerben und sie durch ein monatelanges Leben und Arbeiten in ihrer Mitte an die Gegenwart von Weissen zu gewöhnen.