Erste wissenschaftliche Expedition nach Mittel-Borneo (1893–1894)—Pläne zu einem zweiten Versuch einer Durchquerung Borneos von West nach Ost—Zweite Reise (Februar 1896–Juni 1897) und deren Ergebnisse—Anlass zur Unternehmung der dritten Reise (Mai 1898–December 1900)—Ausrüstung—Dampfschiffahrt nach Pontianak—Fahrt auf dein Kapuas bis Putus Sibau—Zustände in Putus Sibau.

In den Jahren 1893 und 1894 rüstete die “Maatschappij tot bevordering van het natuurkundig onderzoek der Nederlandsche Koloniën” (Gesellschaft zur Beförderung der naturwissenschaftlichen Forschung in den niederländischen Kolonieen) ihre erste grosse wissenschaftliche Expedition nach Mittel-Borneo aus; wesentlich unterstützt wurde sie dabei durch den damaligen Residenten S.W. Tromp[1] der “Wester-Afdeeling” von Borneo, der sehr wohl begriff, dass eine Erweiterung der Kenntnis von Land und Volk auch in politischer Hinsicht von grosser Bedeutung sein musste.

Den Teilnehmern an der Expedition war zur Aufgabe gestellt worden, von der Westküste durch die bisher ganz unbekannten Gebiete des oberen Kapuas und oberen Mahakam bis zur Ostküste vorzudringen und während der Reise, so weit als möglich, naturwissenschaftliches Material zu sammeln und die Bevölkerung zu studieren.

In Kutei erhoben sich aber bald warnende Stimmen, welche auf die grossen Gefahren einer derartigen Unternehmung aufmerksam machten; daher nahm man von dem anfänglichen Plan Abstand und beschränkte sich auf die Erforschung des Flussgebietes des oberen Kapuas, in welchem vom November 1893 bis zum Oktober 1894 reiche Sammlungen auf botanischem, zoologischem, geologischem und ethnologischem Gebiete angelegt wurden. Dank der Unterstützung der Regierung durch Schutz- und Transportmittel konnten die Forscher, jeder in seinem Fache, gesondert tätig sein; während der Zoologe Dr. J. Büttikofer und der Botaniker Dr. H. Hallier sich im Urwalde niederliessen, durchzog der Geologe Prof. G.A.F. Molengraaff ausgedehnte Landstrecken, um deren Formation kennen zu lernen und beendete seine Reise durch einen gelungenen Zug von Bunut südlich nach Bandjarmasin. Indessen jeder auf diese Weise die nötige Forschungsfreiheit genoss, lag mir, als dem Expeditionsarzte, die Verwaltung des Ganzen ob. Da meine ärztliche Hilfe von den Teilnehmern der Expedition selten beansprucht wurde, konnte ich in den Dörfern der Eingeborenen wohnen bleiben und von dort aus für die Zufuhr neuer Vorräte und die Anwerbung von Kuli Sorge tragen.

Teils aus Neugier, teils um ärztlichen Beistand zu erbitten, kamen bald ununterbrochen Eingeborene in meine Nähe, so dass ich Gelegenheit hatte, die Bevölkerung eingehend zu studieren und Ethnographica zu sammeln.

Nach zweimonatlichem Aufenthalt am Mandai, südlich vom oberen Kapuas, machten der Geologe, Prof. Molengraaff, und ich den Versuch, in das Gebiet des oberen Mahakam vorzudringen; wir mussten jedoch, obgleich wir bereits die Wasserscheide zwischen Kapuas und Mahakam überschritten hatten, auf Grund von Gerüchten, die der uns begleitende Kontrolleur über ernstliche feindliche Rüstungen seitens der Eingeborenen vernommen hatte, den Rückzug antreten. Auf dieser letzten sechswöchentlichen Expedition hatten die am Mendalam wohnenden Kajan, ein bis dahin so gut wie unbekannter Stamm, die Träger und Ruderer geliefert. Die Kajan am Mendalam sind nämlich mit denen am Mahakam verwandt und in ständigem Verkehr, daher sind sie auch die besten Kenner dieser dunklen Gebiete von Mittel-Borneo.

Ich war somit, um zuverlässige Auskunft über die Verhältnisse am oberen Mahakam zu gewinnen, hauptsächlich auf diesen Stamm der Kajan angewiesen. Zwar hatte schon im Jahre 1825 ein Europäer, Georg Müller, von der Ostküste aus den oberen Mahakam erreicht, aber sein Geleite von Pnihing und Kajan ermordete ihn nach dem Überschreiten der Wasserscheide im Flussbett des Bungan; mit dem kühnen Forscher gingen auch seine Aufzeichnungen zu Grunde, und die innersten Gebiete Borneos blieben unbekannt wie zuvor.

Während Prof. Molengraaff seine Reise nach Bandjarmasin antrat, liess ich mich also für zwei Monate bei diesem Stamm der Kajan am Mendalam in Tandjong Karang nieder und zwar mit demselben Resultat, wie sonst überall, dass ärztliche Hülfe, das Einkaufen von Ethnographica und viel Geduld mit ihrer Eigenart mir alles Vertrauen gewanden, das eingeborene Stämme einem Fremden überhaupt schenken können. Als wichtigsten Vertrauensbeweis betrachtete ich ihre Erklärung, mich in das Gebiet des oberen Mahakam begleiten zu wollen, falls ich auf ihre Bedingungen zur Unternehmung der Reise eingehen wollte. Eine der für beide Teile wichtigsten war, dass ich, um nicht das Misstrauen ihrer Verwandten am Mahakam zu erregen, ohne bewaffnetes Geleite gehen sollte, was für mich so viel bedeutete, als dass ich mich ihnen vollständig ausliefern sollte. Ich fand eine teilweise Erklärung für diese Bedingung in dem Gefühl, das alle Eingeborenen in Mittel-Borneo bei der Begegnung mit etwas Neuem und Fremdem beherrscht, nämlich: der Angst. Da ich ausserdem wusste, dass es im eigenen Interesse der Dajak lag, der niederländisch-indischen Regierung keinen Anlass zur Unzufriedenheit zu geben, indem sie mir ein Leid zufügten, so beunruhigte mich diese Bedingung durchaus nicht.

Unter den interessanten Beobachtungen, die ich in dieser Zeit über den Charakter der Stämme von Mittel-Borneo machte, ist diejenige sicher die bedeutendste, dass die blutgierigen, wilden, Köpfe jagenden Dajak im Grunde zu den sanftesten, friedliebendsten und ängstlichsten Bewohnern dieser Erde gehören. Meine Erfahrungen stehen in dieser Hinsicht nicht nur in schroffem Gegensatz zu der allgemein verbreiteten Auffassung über die Dajak seitens der Europäer an den Küsten Borneos, sondern seltsamer Weise auch aller Reisenden, die bis jetzt Gelegenheit hatten, mit den mehr im Innern der Insel wohnenden Stämmen in Berührung zu kommen.

Da meine neuen Kajanfreunde mir allmählich auch zu verstehen gaben, dass es mit der feindlichen Gesinnung der Mahakambewohner nicht so schlimm bestellt sei, fasste ich auf meiner Rückreise nach Batavia den Plan, wenn irgend möglich, aufs neue den Versuch zu wagen, in das Gebiet des oberen Mahakam einzudringen und den Fluss bis zur Ostküste hinabzufahren.