Je weiter wir den Fluss hinauffuhren, desto ängstlicher war unsere Gesellschaft geworden und baute daher, wo das Gelände es zuliess, ihre Hütten zum Schutze um die unsere herum. Einen zum Aufschlagen des Lagers geeigneten Platz zu finden, war übrigens nicht immer leicht; am Tĕmha, den wir vom Oga aus hinauffahren mussten, sollte dies nach Angabe der Kĕnja noch schwieriger sein; wir hatten daher mit ihnen vereinbart, dass sie uns durch Zeichen die Stellen angeben sollten, an denen wir übernachten mussten und nach 12 Uhr mittags nicht vorüberfahren durften.
Am 14. August machten sich alle schon sehr früh auf, um das Gepäck so hoch als möglich den Tĕmha hinaufzuschaffen, so dass wir mit Kwing einen sehr ruhigen Tag zubrachten. Erst beim liling duan (Singen der Zikade bei Sonnenuntergang) kehrten die Böte mit der Meldung zurück, dass sie bis zu einer sehr engen Stelle im Tĕmha gekommen seien, wo die sehr steilen Wände zum Stapeln des Gepäckes nur hoch über der Wasserfläche einen Platz geboten hätten.
Bereits um 6 Uhr morgens machten sich die Kajan an das Abbrechen des Lagers; sie wollten ihr Frühstück nämlich gern an der Mündung des Glat einnehmen, einem verbreiterten Teil des Ogatales, der wegen der zahlreichen Erzählungen aus ihrer Mythenwelt, die sich hier abgespielt haben sollen, für sie einen besonderen Reiz barg. Während der Vorbereitung zur Mahlzeit und dieser selbst äusserten sie denn auch eine grosse Lebhaftigkeit. Die romantische, bis jetzt sehr günstig verlaufende Reise nach Apu Kajan, der Aufenthalt an diesem denkwürdigen, sagenreichen Ort, wo ihr mythischer Held Bun nach der Überlieferung abends, morgens und nachts zu fischen pflegte, das alles versetzte sie in heitre Stimmung und liess sie die ausgestandenen Strapazen vergessen und der kommenden nicht achten. Allerdings war es ihnen in dieser Umgebung nicht ganz geheuer, auch hatten sie es während der ganzen Reise vermieden, ein Stück aus der Bun-Sage zu rezitieren, was sie sonst abends im Lager zu tun pflegen.
Eine aufgeräumte Stimmung hatten meine Leute wohl sehr nötig, denn gleich nach unserem Aufbruch mussten wir uns durch drei Stromschnellen hindurcharbeiten; darauf fuhren wir an einer kleinen Insel mit einer durch die Sage bekannten nĕha (Geröllbank) Kĕlai vorbei und befanden uns am Einfluss des Tĕmha, eines linken Nebenflusses des Oga. Während uns dieser mehr nach Westen geführt hatte, brachte uns der Tĕmha wieder gerade nach Norden. Es war dies ein sehr kleiner, nur 15–20 m breiter Fluss, der sich zwischen dunklen Schieferfelsen sehr tief und mit starkem Gefälle hindurchpresste; alle 50 m hatten wir eine Stromschnelle zu überwinden, von denen einige eine bedeutende Länge erreichten. Infolge der anhaltenden Trockenheit war das Wasser besonders für mein grosses Boot nicht tief genug und musste es von den Männern ständig über das Geschiebe der Stromschnellen gestossen und gezogen werden. Die Verhältnisse wurden nicht besser, als der Tĕmha sich weiter oben gabelte und wir seinen linken Arm hinauffuhren. Hier waren die Ufer oft lotrecht, sogar überhängend, während der nur 5–8 m breite Fluss mit seinen zahlreichen Windungen besonders für die Talfahrt nichts Gutes versprach. Das Gebirge bestand hier auch aus dunklen Schiefern, stark durchsetzt von weissen Quarznestern. Bereits um 2 Uhr erreichten wir eine Stelle, an der uns ein Zeichen am Ufer zum Biwakieren aufforderte; aus Furcht, das nächste Zeichen nicht mehr erreichen zu können, wagten wir uns auch nicht weiter. Der Platz schien häufig zum Lagern benützt worden zu sein, denn es dauerte lange, bevor wir für unsere Hütten eine genügende Menge kleiner Stämme beisammen hatten, auch waren diese dicker und unser Zelt daher fester als gewöhnlich. Wir waren an diesem Tage etwa 40 m mit den Böten gestiegen. Nach aller Ermüdung hatte unsere ganze Gesellschaft hier stark unter den Stichen einer Milbe zu leiden, die zwar nur so gross wie der Kopf einer kleinen Stecknadel war, trotzdem aber heftiges Jucken und Schmerzen verursachte.
Am 16. Aug. machten sich die Leute mit dem Gepäck wieder voraus auf den Weg und kehrten abends wieder zurück, ganz unter dem Eindruck der Schwierigkeiten, welche sie an diesem Tage zu überwinden gehabt hatten. Nach ihrer Aussage bestand das Bett des Tĕmha weiter oben aus einem engen, finstern Spalt, ausserdem kamen in ihm viele hohe Stromschnellen vor; bei diesen hatten sie alles Gepäck aus den Böten nehmen müssen, um dann die flachen Fahrzeuge über die Felsblöcke ziehen zu können, auf die sie Baumstämme gelegt hatten. An der von Taman Ulow als Lagerplatz bezeichneten Stelle waren sie bereits früh vorbeigefahren, die folgende hatten sie jedoch nicht mehr erreicht und daher das Gepäck auf einem sehr hoch über den Fluss emporragenden Felsen niederlegen müssen.
Auch wir waren am folgenden Tage schon um 12 Uhr an der bezeichneten Stelle, nach einer äusserst schwierigen Fahrt durch den sehr finsteren, drohenden Felsspalt, der nirgends über 10 m breit war. Ich wagte nicht, an diesem Tage noch weiter zu fahren, weil der sehr hohe Uferwald nirgends einen Lagerplatz bot. Am anderen Morgen arbeiteten wir uns auf dieselbe anstrengende Weise weiter fort, passierten gegen Mittag unser Gepäcklager und fanden weiter aufwärts bei Long Mĕngow an einer Flussverbreiterung mit grossem Platz zum Kampieren unsere Kajan bereits emsig mit dem Hüttenbau beschäftigt. Mit Rücksicht auf unseren kargen Vorrat an Nahrungsmitteln fand ich jedoch eine so frühe Rast trotz der Anstrengungen dieses Tages sehr gewagt. Als die Leute meinem Befehle, das Gepäck wieder einzuladen, diejenigen, die im Walde Holz hackten, zurückzurufen und weiter zu fahren, nicht geneigt schienen, Folge zu leisten, sandte ich Lalau zu Kwing, der bereits unter einem provisorischen Zelte sass, um diesem begreiflich zu machen, dass wir bis zum Einbruch der Dunkelheit noch lange fahren könnten und somit sicher einen anderen Lagerplatz finden würden. Kwing äusserte zwar seine Bedenken doch fand auch er, dass ein schnelles Weiterkommen dringend notwendig war, und so mussten denn alle wieder die Böte besteigen und sich von diesem Wildniseldorado trennen.
Die Weiterfahrt begann nicht ermutigend; der Tĕmha bildete in einer hohen Felswand einen neuen, diesmal nur 5 m breiten Spalt, in dem einige grosse Steinblöcke festgeklemmt lagen, so dass die Böte sogleich wieder ausgeladen und mit Hilfe von Stämmen, welche über die Blöcke gelegt wurden, aufwärts gezogen werden mussten. In dieser Enge musste überdies das eine Boot auf das andere warten, wodurch viel Zeit verloren ging; weiter oben mussten die Fahrzeuge ständig über Flussgeröll geschleppt und 2 Mal ein hoher Wasserfall passiert werden. Der erste wurde durch einen riesigen Eisenholzbaum gebildet, der von oben in den engen Spalt gestürzt war und jetzt als Wehr für das 3 m hoch darüber niederfallende Wasser diente. Das in grossen Massen aufgestaute tote Holz bildete einen wahren Damm. Das Vorwärtskommen wurde immer schwieriger, und da der Nachmittag seinem Ende nahte, beschlich mich die Angst, dass wir am Ende in den Böten würden übernachten müssen, was bei plötzlich eintretender Hochflut sehr gefährlich werden konnte. Das Wetter war uns bis jetzt zwar immer günstig gewesen, doch verliessen wir uns nie fest darauf, sondern packten die Böte für die Nacht stets aus und zogen sie meist aufs Land. In unserer spelunkenhaften Felsspalte begann es bereits zu dämmern, als wir zu unserer grossen Freude Holzspähne vorbeitreiben sahen; Kwing, der vorausgefahren war, fällte also bereits Holz. Nach einer halben Stunde erreichten wir denn auch die Lagerstelle, auf der meine Hütte und einige andere bereits halbfertig dastanden. Auf einer kleinen Sandbank an dem etwas flachen rechten Ufer machten wir uns einige Bewegung; hier vereinigte sich nach und nach auch die ganze Gesellschaft, kochte ihren Reis und genoss der Abendkühle nach dem schweren Tag.
Wir hatten übrigens noch eine wichtige Angelegenheit zu behandeln. Die Kajan wollten nämlich am folgenden Tage nur das Gepäck weiter befördern und uns wieder zurücklassen, worauf ich mit Rücksicht auf den stark abnehmenden Reisvorrat meiner Malaien nicht eingehen durfte. Nachdem die Kajan so viel Reis deponiert hatten, konnte ich nicht mehr darauf rechnen, dass sie mir von ihrem eigenen Vorrat viel abtreten würden, worauf ich Kwing sehr eindringlich aufmerksam machte. Zu meinem grossen Erstaunen hielten die Kajan ihr am Oga gegebenes Versprechen, im Notfall aushelfen zu wollen, und schenkten meinen Malaien einen ganzen Pack (lẹwo) Reis. So erlaubte ich ihnen denn, am anderen Morgen nur das Gepäck hinaufzutransportieren, und Bang Awan, zur Untersuchung unseres weiteren Weges vorauszufahren. Wie dieser abends berichtete, hatte er den Mĕsĕai, ein linkes Nebenflüsschen des Tĕmha, von dem aus der Landweg zum Kajanfluss begann, gefunden, ihn aber wegen der Geröllmassen im Bette nicht hinauffahren können.
In der angenehmen Hoffnung, dass dieser Tag, der 20. August, der sehr schwierigen Fahrt in der niederdrückenden Umgebung ein Ende machen würde, kochten die Kajan morgens bereits sehr früh und nahmen den Reis in den Böten mit, um weiter oben zu frühstücken.
Bei dem grossen Eifer, der jetzt alle ergriff, mussten wir einige Kranke mit Gewalt bei uns zurückhalten und sie darüber beruhigen, dass die anderen sie nicht der Faulheit beschuldigen würden. In der Tat wären an diesem Tage alle Arbeitskräfte nötig gewesen, und endlose Stromschnellen und Wasserfälle hatten die Bootsleute überwinden müssen, bevor sie den taga (trocken) haro̱k (Boot), den Anlegeplatz der Böte vor dem Landwege zum Kajanfluss, erreichten und alles Gepäck dort niederlegten. Da nun aber die Baumstämme über die Wasserfälle bereits gelegt und die hinderlichsten Steine beseitigt waren, verbesserten sich unsere Reiseaussichten; auch fiel abends der erste Regen auf unserer Fahrt und beseitigte eine grosse Schwierigkeit, den sehr niedrigen Wasserstand.