Am 21. August brachen wir also unser letztes Lager im Mahakamgebiet ab und fuhren bis zum Anfang des Landweges. Auf mich machte die Fahrt auf dem Mĕsĕai einen weniger düsteren Eindruck als die auf dem Tĕmha, weil die Felswände uns hier nicht so steil zu beiden Seiten einschlossen und wir ein grösseres Stück Himmel über uns erblickten. Die Schwierigkeiten, besonders das Schleppen der Böte, waren jedoch noch sehr gross, das Gepäck musste sogar ein grosses Stück weit getragen werden.
Eines der grossen Böte musste im Tĕmha zurückgelassen werden, wo die Kajan es an Land zogen und fest an die Bäume banden, damit es bei Hochwasser nicht fortgerissen würde. Das Steigen des Wassers gestattete, alle anderen Böte im Mĕsĕai bis zum taga haro̱k hinaufzuschleppen, wo sie so hoch auf dem Ufer untergebracht wurden, dass auch das stärkste Hochwasser sie nicht erreichen konnte. Auf dem übrig gebliebenen Uferplatz bauten die Bahau unsere Hütten, nur etwas fester als sonst, weil unser Verbleib hier länger dauern sollte. Seit mehreren Geschlechtern hatten die Reisenden, die aus dem Gebiet des Mahakam in das des Kajan oder umgekehrt zogen, die Bäume auf diesem kleinen, flachen Hügelgipfel gefällt und auch den umliegenden Wald stark gelichtet.
Welch eine enorme Arbeit mein Personal auf diesem letzten Zuge geleistet hatte, geht aus meinen Aufzeichnungen hervor, nach denen wir auf dem äusserst schlechten Gelände mit unseren Böten täglich um die folgenden Meterzahlen gestiegen waren:
| Am 6. Aug. | 8. Aug. | 10. Aug. | 12. Aug. | 15. Aug. | 17. Aug. | 18. Aug. | 20. Aug. |
| 20 m | 20 m | 30 m | 60 m | 60 m | 30 m | 60 m | 50 m |
Wir befanden uns also jetzt 330 m höher als an der Bohmündung.
Sehr zu statten kam uns ein von den Kajan gefundener Reispacken, den unsere Gesandtschaft augenscheinlich zurückgelassen hatte, weil er ihr zum Landtransport zu schwer war; ich erstand ihn zu mässigem Preise für meine Malaien. Einen Ruhetag glaubten die Kajan und Pnihing durchaus nötig zu haben, und da ich in dieser unbekannten Gegend die Träger nicht ohne weiteres vorausschicken konnte, sandte ich an diesem Tage 3 Malaien unter Dĕlahits Führung zur Untersuchung des Landweges aus. Die Kajan waren hierzu aus Furcht nicht zu bewegen.
Unter der ausdrücklichen Bedingung, dass sie ihren Lohn erst nach unserer Rückkehr zum Mahakam empfangen sollten, hatte ich die Bahau in meinen Dienst genommen, weil ich so viel Geld nicht mitführen wollte und die Leute es zu verlieren riskierten. Trotzdem machten jetzt alle auf einen Teil ihres Lohnes Anspruch, um in Apu Kajan Handel treiben zu können. Der ziemlich geringen Menge Silbergeldes wegen, die ich bei mir hatte, kam mir diese Forderung recht ungelegen, doch stellte ich die Männer schliesslich mit einem Vorschuss von 10 fl pro Kopf zufrieden. Als ich ihnen dabei die Arbeitstage, welche sie gut hatten, vorzählte, meinte Bo Bawan, der auf der Reise auf seine Weise Rechnung geführt hatte, sie kämen nach meiner Angabe um 1 Tag zu kurz. Er hatte nämlich an seinem Schwertgürtel eine Schnur befestigt und an dieser jeden gültigen Tag mit einem Knoten bezeichnet; im Lauf unserer Unterhaltung gab er in der Tat von jedem Knoten an, welchen Tag er vorstellte. Dessenungeachtet erwies sich bei einer eingehenden Besprechung der Angelegenheit, der die übrigen mit grossem Interesse folgten, meine Rechnung als die richtigere. Von den anderen Kajan schien keiner die Anzahl Tage gut gemerkt zu haben. Die Malaien begannen sich nun auch mit Tauschartikeln zu versorgen und baten jeder um einen Packen weissen Kattuns, den ich ihnen meines grossen Vorrats wegen gern zugestand.
Abends nach Sonnenuntergang kehrten die malaiischen Kundschafter zurück; sie waren dem Pfad bis in das Tal des Laja, eines Quellflusses des Kajan, gefolgt; er war zwar lang, aber gut passierbar, so dass sie noch abends hatten zurückkehren können. Auf diesen Bericht hin wurde beschlossen, das Gepäck halbwegs auf die Wasserscheide, ngālăng (Berg) hāng (zwischen), bringen zu lassen und am folgenden Tage selbst nachzukommen.
So wurde denn am 23. August unser Hab und Gut so gerecht als möglich den verschiedenen Rücken aufgebürdet, und ausser den 4 Malaien, die von ihrer Entdeckungsreise tags zuvor steife Beine behalten hatten, machten sich alle auf den Weg. Dieser ruhige Tag schien mir zur Behandlung der Reisfrage mit Kwing, der selbst im Lager blieb, sehr geeignet. Besonders für uns und die Malaien war diese Frage sehr brennend geworden, denn wir lebten bereits seit mehreren Tagen von dem Reis, den die Kajan uns verkauft hatten, und nun behaupteten diese, uns nichts mehr abtreten zu können. Im Geheimen teilte Kwing mir mit, dass einige Kajan doch noch Reis zum Verkauf übrig hätten und er mit den Betreffenden nach ihrer Rückkehr darüber reden wollte. Abends gelang es mir denn auch, noch einen Packen für 10 fl zu kaufen, also für 25–30 fl den Pikol, ein sehr hoher Preis, den die Umstände entschuldigten. Während ich nachts wach lag, beschloss ich, trotz des hohen Preises und der erwarteten Hilfe der Kĕnja doch noch einen zweiten Reispacken zu kaufen, aber morgens verlangte der junge Besitzer desselben 25 fl statt 10 fl, wie abends vorher. Die Häuptlinge verurteilten zwar eine derartige Ausnützung einer Notlage, besonders gegenüber einer Person, die dem Betreffenden am Mahakam mit vieler Sorge und Pflege das Leben gerettet und hierfür nichts empfangen hatte, doch meinten sie, nichts dagegen tun zu können. Trotz der vielen Schwierigkeiten, die sich mir seit Jahren entgegengestellt hatten, passierte es mir jetzt zum ersten Mal, dass ich meine Selbstbeherrschung verlor; ich stürzte in einem Anfall von Entrüstung und Wut nach der Hütte, wo der junge Mann (Sawang Ulo [Tafel 7]) vor seinem Reispacken sass, drohte ihm mit dem Stock, schleuderte ihn an der Schulter zur Seite, ergriff den Reispacken und warf ihn ein paar eiligst herbeilaufenden Malaien zu, mit dem Befehl, ihn nach meiner Hütte zu bringen. Während dieser heftigen, ungewohnten Szene, die mir vor Erregung Tränen in die Augen trieb, hatte sich niemand zu rühren gewagt, und ich sass bereits geraume Zeit wieder in meinem Zelte, bevor ich einige Bewegung im Lager bemerkte. Zuerst kamen Kwing und Bo Bawan zu mir, setzten sich sehr demütig auf den Boden und baten um Verzeihung wegen der Unannehmlichkeiten, die sie mir bereiteten, die jungen Leute (dĕha njām) wären zu dumm, um zu begreifen, was sie täten, besonders der betreffende Sawang, der mir jetzt den Reis gern für den vereinbarten Preis von 10 fl abtreten wollte. Obwohl innerlich froh über diesen Verlauf der Angelegenheit, hielt ich den beiden alten Anführern doch vor, dass sie bei einem so schwierigen und gefahrvollen Zug derartige Ausschreitungen einzelner selbst zu verhindern suchen mussten.
Ich glaube, die ganze Gesellschaft war nach diesem Auftritt froh, sich mit einer Last auf den Weg machen zu dürfen. Nach Vereinbarung sollten die Männer an diesem Tage für sich selbst tragen (măso̱), in Anbetracht dass ihre eigene Ausrüstung, besonders an Tauschartikeln, sehr schwer war. Einige boten sich an, auch für mich noch etwas zu tragen, so wurde ich noch ein paar Packen Kattun los. Mit Rücksicht auf die lange, bereits hinter uns liegende Reise glaubte ich höhere Anforderungen an meine Personal nicht stellen zu dürfen; meine Ungeduld, jenseits der Wasserscheide zu gelangen, war so gross, dass ich überlegte, welches Gepäck zurückgelassen und später wieder mitgenommen werden konnte. Die Tauschartikel waren unentbehrlich, daher kam nur unsere persönliche Ausrüstung in Betracht, und da Demmeni von der seinen nichts missen zu können glaubte, liess ich meine Matratze, einen Klappstuhl und noch einiges andere zurück. Die Kajan banden die Sachen aut unsere Schlafbänke fest und bedeckten sie mit alten Palmblattmatten und Baumrinde; einige Monate später fand ich sie unversehrt wieder vor. Nachdem wir auch die Böte vor Unfällen aller Art gesichert hatten, traten wir am 25. August um 7 Uhr morgens den Marsch an. Erst ging es ein Stück weit durch den Mĕsĕai, dann bestiegen wir den von diesem aus sich erhebenden Bergrücken, der uns zum Gebirgspass bringen sollte. Auf dem in einem Winkel von etwa 30° geneigten und direkt nördlich gerichteten Abhang ging es, bald steil aufsteigend, bald absteigend, weiter. Von 7 bis ½ 1 Uhr morgens stiegen wir vielleicht nur 500 m auf einem zwar breiten und von den Kajan bereits ausgehauenen, aber sehr anstrengenden Pfade. Gleich nachdem wir die uns erwartenden Kajan eingeholt hatten, kamen Demmeni und ich an zwei grossen Bäumen vorüber, die der Sage nach von einer bekannten Person gepflanzt worden waren. Wir mussten mit unseren Revolvern auf sie schiessen, und die Kajan, die den Weg zum ersten Mal betraten, ihre Speere auf sie schleudern. Die Träger blieben bald hinter uns zurück und nur einige Malaien hielten aus Pflichtgefühl bei uns aus. Gegen 11 Uhr konnte Demmeni nicht weiter und blieb zurück, um auf das Essen zu warten, das die Kajan trugen. Ein Stück weiter stiess ich auf unser Gepäcklager und jetzt sehnten wir uns nach einer längeren Rast als nur einer Viertelstunde nach je 3 Viertelstunden Marsch, wie wir es an diesem Tage gehalten hatten. Einem der Koffer mit Konservierungsmaterial für Fische entnahm ich 6 Stöpselflaschen mit dem nötigen Formol für eventuell zu fangende Fische, dann erfrischte ich mich mit dem Saft einer Liane, da auf diesem hohen, scharfen Rücken kein Wasser zu finden war, und ruhte aus, bis gegen ½ 1 Uhr die ersten Träger wieder auftauchten. Ich fürchtete, die Leute möchten sich weigern weiterzumarschieren, und brach daher, um sie zur Eile anzuspornen, mit einigen starken Pnihing, Dĕlahit und ein paar Buginesen aus Samarinda sogleich wieder auf. Weiter oben, wo die Kajan den Weg noch nicht ausgehauen hatten, erschwerte uns das dichte Grün von Farren, Rotang und Gemberpflanzen das Gehen. Die Kĕnja hatten über diesen tief liegenden und sumpfigen Teil des Rückens den Weg mit Baumstämmen belegt, aber diese waren bereits sehr lange nicht mehr erneuert worden und daher halb verwest und zerfallen. Auf der ferneren Strecke befanden wir uns denn auch ständig in einem wilden Kampfe mit dem Gestrüpp; zum Glück war die Steigung nur schwach und Dĕlahit tröstete mich damit, dass dieses “puko̤̣t” (Zugewachsene) nur bis zur Wasserscheide anhalte. Wir erkannten diese an der üblichen Reihe von Pfählen, die Anjang Njahu und die anderen die Kĕnja begleitenden Kajan hier beim Betreten des für sie neuen Gebietes den Geistern errichtet hatten. Auch an der Mündung des Mĕsĕai hatte jeder von ihnen einen derartigen Pfahl roh bearbeitet und aufgepflanzt. Auch verschiedene andere alte und halb verweste Pfähle waren noch zu sehen.