Der hier sehr schmale Rücken fällt sogleich sehr steil ins Tal des Laja, des südlichen Quellflusses des Kajan, ab. Ich lernte hier zum ersten Mal eine besondere Art des Wegbaus der Kĕnjastämme kennen: den ganzen Abhang hinunter waren Leitern angebracht; zwar waren diese jetzt verfallen, doch ermöglichten sie immerhin den Abstieg. Wie der Wald triefte auch hier die ganze Umgebung von Nebel und Regen, wodurch einige schwierige Stellen gefährlich wurden und ebensosehr den Gebrauch der Hände als der Füsse nötig machten. 100 m tiefer ging es besser, erst über Schieferfelsen, dann mehr über Bänke aus kleinem scharfkantigem Gestein oder durch das bereits sehr wasserreiche Flüsschen. Nach Dĕlahit war der Weg durch den Laja Dĕlèng (kleiner Laja) nicht mehr lang; zwischen hohen, beinahe senkrechten Felswänden gelangten wir denn auch nach ½ 4 Uhr an eine steile Landzunge, wo unser Flüsschen sich in den Laja Aja (grosser Laja) stürzte. Nach der adat musste es gewittern, wenn ein hipui aja (grosser Häuptling), das war ich, ein neues Land betrat, und das geschah denn auch.
Unglücklicherweise regnete es in den letzten Stunden in Strömen. So schlüpfte ich denn unter einige Palmblattmatten, während meine Begleiter das hier nur spärlich vorhandene Holz mit einiger Mühe für eine Hütte zusammensuchten. Nur die Hälfte der Malaien, 2 der Buginesen und die Pnihing hatten bei mir ausgehalten. Demmeni mit Abdul und einigen anderen Malaien stiessen erst eine Stunde später zu uns. Bald stellte es sich heraus, dass wir keine Lampe und ausser einem sehr kleinen Vorrat der Pnihing keinen Reis bei uns hatten. Als ich mich aber unter dem vorzüglich schützenden Segeltuch in mein Klambu begab, empfand ich vor Übermüdung auch keinen Hunger, sondern nur Durst.
Demmeni hatte gesehen, dass unsere Träger an der Stelle, wo unser Gepäck lag, ihr Lager aufgeschlagen hatten; wahrscheinlich hatten sie dies für die Opferfeier, die sie vor dem Eintritt ins neue Gebiet abhalten mussten, nötig befunden, einige waren wohl auch zum Weitergehen zu müde gewesen. Wir glaubten in der Ferne einen Schuss zu hören und antworteten sogleich mit unseren Gewehren, aber niemand erschien, und so suchten wir denn unter unseren Decken die dunkle, nasskalte Umgebung in 800 m Höhe zu vergessen, während unsere Begleiter vor Angst wachend, vor Kälte zitternd und aus Reismangel hungernd die Nacht unter ihren Palmblattmatten verbrachten.
Beim Erwachen lag alles in dicke Nebel gehüllt und die enge, tiefe Schlucht vor uns erschien düster wie eine grosse tiefe Höhle ohne Ausgang. Auch war durch den heftigen Regen die Nacht über der schmale Laja so geschwollen, dass wir unmöglich in seinem Bette hinuntersteigen konnten. Das Wasser fiel übrigens bereits wieder, und einige Malaien, die ihr Lager auf einer Schuttbank aufgeschlagen hatten und nachts von dort durch die Flut vertrieben worden waren, sassen jetzt wieder auf der gleichen Bank und wärmten sich an einem Feuer.
Die erste Person, die von der Nachhut erschien, war Maïl, einer der Malaien aus Samarinda, den wir am wenigsten erwarteten, denn er hatte uns schon tags zuvor auf dem Landwege mit seinen an einer verbreiteten Hautkrankheit (Tinea albigena) leidenden Fusssohlen nur äusserst mühsam und vor Schmerz weinend folgen können. Als er von den anderen gehört hatte, dass ich ohne Essen war, hatte er sich trotz seiner Schmerzen noch um ½ 4 Uhr allein auf den Weg gemacht, um mir einige gebratene cabin biscuits zu bringen, die er mit sich führte. Er war jedoch nicht weiter als bis zum steilen Abhang an der Wasserscheide gelangt und zum Übermass des Missgeschicks einem Seitenarm statt dem Hauptfluss gefolgt. Er war es gewesen, der geschossen hatte, auch hatte er unsere Antwort gehört, aber die Nacht, aus Furcht sich noch weiter zu verirren, lieber unter einigen Rotangblättern zugebracht. Die Angst vor Kopfjägern hatte ihm den Schlaf geraubt und so langte er in traurigem Zustand bei uns an. Als kurz darauf die ersten Kajan mit Kwing eintrafen, forderte ich diese auf, bis zum Anlegeplatz der Böte am Kajan weiterzugehen, da ich selbst auf die Reisträger warten wollte. Ich glaubte mich inzwischen mit Maïls Biscuits begnügen zu können, aber als die Träger noch immer nicht erschienen, blieb uns nichts anderes übrig, als Kwing zu folgen.
Hunger, Müdigkeit und Schmerzen in der linken Hüfte zwangen mich, nach einer Stärkung zu suchen; da meine Gesellschaft jedoch nichts Essbares bei sich hatte, war ich schliesslich froh, von einem zurückgebliebenen Kajan etwas Klebreis und von Maïl noch etwas Zucker zu erhalten. Obgleich bereits verschiedene Generationen kleiner Milben in dem Klebreis üppig schwelgten, mundete er mir doch ausgezeichnet und stärkte mich genügend, um den äusserst anstrengenden Weg fortsetzen zu können. Auf einer Geröllbank im Fluss fanden wir Abdul sitzen und auf uns warten. In dieser niederdrückenden Umgebung erschien er uns wie ein Glücksbote, als er meldete, dass Anjang Njahu, mein Hauptgesandter, mit guten Nachrichten und zwei Böten aus Apu Kajan angekommen war und ich mit einem derselben sogleich den Laja hinunterfahren konnte. Als eine Stunde später Anjang Njahu und Bang Awan mir mit dem zweiten Boot entgegen kamen, stieg ich in dieses um und erfuhr, dass sie gerade am Tage vorher von unten angekommen waren und der Kĕnjahäuptling Bui Djalong nur auf näheren Bericht über unsere Ankunft wartete, um uns abzuholen; inzwischen hatte er die Häuptlinge weiter unten am Kajan-Fluss durch Taman Ulow um Hilfe bitten lassen. Einige Häuptlinge hatten sich anfangs gegen meinen Empfang ausgesprochen u.a. Bo Anjè, Bui Djalongs ältester Bruder, der hauptsächlich eine “wang kapala” (Kopfsteuer) von den Niederländern fürchtete. Je zwei von diesen Widersachern hatte Anjang Njahu ein Stück weissen Kattuns geschenkt, wonach in ihren politischen Überzeugungen ein plötzlicher Umschwung eingetreten war. Meine Kajan bestätigten die Aussagen der Kĕnja, dass Bui Djalong nach der Unterwerfung aller Stämme unter die Uma-Tow als oberster Häuptling aller Kĕnja verehrt wurde.
Von den vielen anderen Berichten meiner Gesandten interessierte mich am meisten, dass Bui Djalong auf seiner Expedition nach Sĕrawak wirklich mit allen Häuptlingen vom Tĕlang Usān (Baram River) mit einem Dampfer nach der Residenz Kutching gebracht worden war, wo Radja Brooke ihn gefragt hatte, ob er mit seinem Volke nicht nach dem Balui oder oberen Batang Rĕdjang, also auf englisches Gebiet, auswandern wollte. Der Häuptling habe darauf geantwortet, dass er seine Heimat nicht verlassen wolle, worauf ihm der Radja gesagt haben soll, er werde sich dann bald in den Händen der Niederländer befinden, da ich bereits auf dem Wege zu ihnen sei. Hierauf hatte Bui Djalong geschwiegen. Auf der Heimreise der Kĕnja längs des Tĕlang Usān war einer der ihnen zum Schutz mitgegebenen bewaffneten Polizeiagenten von den Batang-Lupar mit einem vergifteten Pfeil getötet worden—das Gerücht war diesmal also wahr gewesen.
Nach Bui Djalongs Rückkehr war seine Tochter Kuling gestorben; wir trafen gerade zur rechten Zeit, nach Beendigung der offiziellen Trauerperiode, bei den Uma-Tow ein. Der Häuptling hatte seinen Namen Taman Kuling “Vater von Kuling” eben abgelegt und seinen Knabennamen Djalong wieder angenommen, mit dem Beiwort “Bui”, der den Tod seines Kindes anzeigte. Wir mussten ihn daher stets Bui Djalong nennen.
War unsere Stimmung in den letzten Tagen gedrückt gewesen, so änderte sich nun durch die günstigen Berichte alles wie durch einen Zauberschlag und wir begannen uns über den glücklichen Verlauf der Reise, besonders die schnelle, wenn auch sehr schwierige Fahrt flussaufwärts zu freuen. Im allgemeinen hatte mir mein Geleite von Kajan und Pnihing alle Ursache zur Zufriedenheit gegeben, ich hatte ihm sehr viel überlassen können.
Unter dem Eindruck des guten Erfolges gingen am 27. August alle Leute sogleich ab, um das zurückgebliebene Gepäck abzuholen und liessen uns auch nachts in unserem Lager an der Mündung des Laja in den Kajan allein zurück, da sie unterwegs im Walde übernachteten; am folgenden Tage langten sie mit unserem Hab und Gut wohlbehalten im Lagerplatz an.