Der am 25. und 26. August von uns zurückgelegte Landweg über die Wasserscheide führte mit seitlichen Abweichungen von höchstens 10° direkt nach Norden. Trotz seiner Länge hatte er uns keine aussergewöhnlichen Schwierigkeiten geboten, weil er nirgends anhaltend steil aufstieg. Die Passhöhe musste etwa 850 m. ü.d.M. liegen; bis zur Lajamündung fällt der Weg um 200 m. Das Streichen der Schiefer im Tĕmha und Mĕsĕai war ungefähr W–O, also parallel dem Lauf der Wasserscheide. Von dieser gehen in nördlicher und südlicher Richtung Seitenrücken aus, zwischen denen kleine Flüsse dem Mahakam resp. dem Kajan zuströmen. Die Entfernung vom Lagerplatz am Mĕsĕai bis zu dem am Kajan betrug etwa 22 km. Von den klimatischen Verhältnissen dieser Gegend erhält man eine Vorstellung, wenn man sich vergegenwärtigt, dass in dem engen, finsteren Tal des Laja in einer Höhe von 700–800 m alle Bäume mit einer dicken Moosschicht bekleidet waren und die Felsen entweder blosslagen oder eine mehr aus Algen als aus Flechten bestehende Vegetation trugen.

Anjang Njahu begab sich bereits am 27. Aug. wieder den Kajan hinunter zu Bui Djalong, um diesem unsere Ankunft zu melden, die ihm überraschend schnell vorkommen musste; wir rechneten daher auch nicht zu fest auf eine baldige Hilfe, die in Anbetracht unseres grossen Reismangels sehr notwendig war.

Viele Kajan begaben sich am anderen Tage gruppenweise in den Wald, wo sie für sich selbst Böte bauen wollten, aus Furcht, die Kĕnja könnten am Ende nicht für alle genügend Fahrzeuge heraufbringen. In unserem Lager an dem hier nur 10 m breiten Kajan wurde es nun sehr still, besonders als die Malaien einige Tage später an Hunger zu leiden anfingen und dadurch alle Unternehmungslust verloren. Ich hatte ihnen nämlich für die Zeit bis zur Ankunft der Kĕnja nur halbe Reisportionen erteilen lassen und erwartet, sie würden mit Eifer im Walde nach allerhand essbaren Pflanzen suchen und mittelst Reusen Fische fangen. Hierzu schienen sie aber nicht aufgelegt, sondern zogen es vor, in den Hütten umherzuliegen; vielleicht waren sie auch von den ausgestandenen Strapazen zu ermüdet, um sich jetzt, wo das Ziel beinahe erreicht war, noch besonders anzustrengen.

Auch die Kajan, die ebenfalls nur noch sehr wenig Reis übrig hatten, beschränkten sich auf das Pflücken von essbaren Farrenspitzen und fingen nur in den ersten Tagen, wo sie sich mit dem Bau ihrer Böte beschäftigten, mit ihren Speeren Fische. Nach Sagobäumen zu suchen, zeigten sie keine Lust; wahrscheinlich wagten sie sich in dieser unbekannten Gegend nicht weit fort. Selbst die sehr frische Spur eines Rhinozeros, das eines Abends dicht unterhalb unseres Lagers den Fluss passiert hatte, vermochte ihren Jagdeifer nicht zu wecken. Sobald unser ganzes Gepäck im Lager untergebracht worden war, erklärte Kwing, die Kajan könnten mir nun nicht weiter helfen, sie verzichteten aber von diesem Augenblick an auch auf ihren Lohn von fl 2.50 pro Tag. Allerdings liess er durchschimmern, dass sie den Betrag trotzdem gern empfangen würden. Hierin kam ich ihnen gern entgegen, da sie jetzt bereit waren, auch Goldgeld anzunehmen, worauf sie in Long Dĕho nur sehr widerstrebend eingegangen waren; sie wollten letzteres später am Mahakam wieder gegen Silber einwechseln. Damit sie in Zukunft nicht stets ein Taggeld von fl 2.50 verlangten, setzte ich ihnen nochmals auseinander, warum ich früher ohne Zögern auf ihre hohe Forderung eingegangen war; ich wollte ihnen die grosse Angst, mit der sie den Zug unternommen hatten, vergüten und sie für den durch den langen Aufenthalt in Long Dĕho erlittenen Verlust entschädigen. Sehr teuer kam mir übrigens ihre Hilfe wegen der vielen Ruhe- und Wartetage, die ich nicht zu bezahlen brauchte, nicht zu stehen.

Anjang Njahu, den wir bereits am 31. August von Bui Djalong zurückerwarteten, traf auch am 1. September noch nicht wieder ein. Morgens hatte ich den Malaien ihre letzte Ration Reis ausgeteilt, und da auch die Kajan Hunger litten, beschlossen sie, einige der Ihren beim Kĕnjastamm der Uma-Bom Reis holen zu lassen. Nach den eingezogenen Berichten wohnte dieser Stamm uns am nächsten an einem vom oberen Kajan zum Boh führenden Pfade. Anderen Morgens sehr früh begaben sich Bang Awan und der Malaie Lalau auch in der Tat auf den Weg, fuhren in einem selbst gebauten Boot den Kajan bis zum Beginn des Landweges hinunter und wollten dann dem Pfad zu folgen versuchen.

Der Hunger fing an stark auf uns alle zu wirken; meine Malaien lagen apathisch in ihren Hütten ausgestreckt und die Kajan hockten mit bedrückten Gesichtern beieinander. Jetzt, wo ihre Stammesgenossen mit den Kĕnja nicht zurückzukehren schienen, erwachte ihre frühere Angst mit erneuter Heftigkeit und steigerte sich unter dem Einfluss des Hungers zu phantastischen Vorstellungen von grossen Gefahren, die uns bedrohten. Einige kamen mich fragen, ob ich nicht auch glaubte, dass die Kĕnja die Unseren gefangen und vielleicht schon getötet hätten, und ob es nicht besser wäre, so schnell als möglich über die Wasserscheide zu unseren Böten zurückzukehren. Natürlich waren auch wir Europäer nichts weniger als fröhlich gestimmt, zwar nicht aus Angst, aber vor Hunger; auch bedrückte uns das Bewusstsein, dass dieser Zustand noch einige Tage anhalten konnte, da wir aus Erfahrung wussten, wie leicht zufällige Ereignisse die Eingeborenen von einer schnellen Hilfeleistung abhielten, besonders, wo es sich um so grosse Abstände handelte. Wir rechneten jedoch zuversichtlich auf den Reis der Uma-Bom. Gross war daher unsere Enttäuschung, als gegen 9 Uhr morgens Bang Awan und Lalau mit leeren Händen ins Lager zurückkehrten, weil unterwegs ein links auffliegender hisit ihnen Unheil prophezeit hatte. Wenn in diesem Augenblick irgend ein Zeichen die Gesellschaft erschreckt hätte, so wären alle in den Wald geflohen und hätten uns und unser Gepäck ohne Gewissensbedenken im Stich gelassen. Das ängstliche Gemüt der Bahau kennend, wagte ich Bang Awan nicht einmal einen Vorwurf darüber zu machen, dass er auch unter diesen kritischen Umständen unser Rettungsmittel hatte fahren lassen.

Als wir in sorgenvolle Gedanken versunken dasassen, schreckten uns einige Kajan auf, die in der Ferne Geräusche zu hören glaubten. Nachdem wir eine Zeitlang gespannt gelauscht hatten, schien es uns, dass in der Tat Böte heraufgestossen wurden. Um die Flussbiegung erschien bald darauf ein Boot mit Anjang Njahu und seinen Begleitern, dann folgten viele andere, bemannt mit mir völlig unbekannten Gesichtern. Die meisten legten nicht an unserem Lagerplatz, sondern am jenseitigen Ufer des sehr schmalen, durchwatbaren Flüsschens an, von wo sie uns in ihren Böten stehend verlegen anstarrten. Anjang Njahu war mit zwei Böten der Kĕnja bis zu Kwing Irangs Hütte gefahren und trat dann nach einer kurzen Besprechung mit diesem an der Spitze von 6 Kĕnjahäuptlingen auf mich zu. Zu meiner Verwunderung ergriff er feierlich meine Hand und schüttelte diese, doch erklärte er sogleich, er tue dies nur, um den Kĕnjahäuptlingen, die er zu mir geleitete, zu zeigen, wie man einen Europäer begrüsse. Die Kĕnja schienen sehr gelehrig zu sein, wenigstens schüttelten sie mir so kräftig die Hand, als ob sie an eine derartige Begrüssung ihr Leben lang gewöhnt gewesen wären. Alle Sechs waren Glieder der Häuptlingsfamilie des Stammes Uma-Tow und von Bei Djalong beauftragt, meine Expedition so schnell als möglich den Kajan hinunter zu bringen, da der Häuptling selbst mich bei Batu Plakau erwartete, einer Flussstelle, die nicht befahrbar war und hinter der erst die Siedelungen der Kĕnjastämme lagen. Kwing Irang begann mir das alles selbst in der Busang-Sprache mitzuteilen, aber kaum merkten die Kĕnja, dass ich auch auf Busang antwortete, als sie sich unbefangen ins Gespräch mischten und mich zur Eile anspornten.

Mir blieb kaum Zeit, mich über das freie Auftreten unserer neuen Gastherren zu verwundern, denn sogleich stellte sich die neue Schwierigkeit heraus, dass die zahlreichen kleinen Böte der Kĕnja uns bei weitem nicht alle aufnehmen konnten. Die Kĕnja berichteten, dass grössere Böte nicht herauffahren konnten, uns aber unterhalb Batu Plakau erwarteten. So wurde denn sogleich verabredet, dass die Kajan mit 5 Malaien fürs erste zurückbleiben, die übrigen Malaien und wir Europäer jedoch mit den Kĕnja flussabwärts fahren sollten. Letztere begannen sogleich von dem Reis und anderen Nahrungsmitteln, die sie uns mitgebracht hatten, eine reiche Mahlzeit zuzubereiten. Als die 6 Kĕnjahäuptlinge etwas vertrauter mit mir geworden waren, wozu unsere Kenntnis der Busang-Sprache viel beitrug, legten auch die Böte vom jenseitigen Ufer bei uns an. Diese hatten Anjang Njahu mit seinen Kajan vorausfahren lassen, damit wir nicht auf sie schiessen konnten. Die Verteilung und Einschiffung von Menschen und Gepäck nahmen mich so in Anspruch, dass ich nur halb darauf achtete, wie energisch die Kĕnjahäuptlinge ihren Untergebenen Befehle erteilten und wie schnell bei diesen die Ladung von statten ging. Für Leute, die zum ersten Mal mit dem Gepäck von Weissen zu tun hatten, war die Sicherheit, mit der sie dieses behandelten, sehr auffallend; ich sass bereits im Boote und hatte von Kwing und seinen Kajan schon vorläufig Abschied genommen, bevor ich mir hierüber Rechenschaft gab.

Brücke über eine Schlucht.