Mit Bang Jok im selben Hause wohnte auch dessen jüngerer Bruder Lawing Jok, der viel weniger Energie und Verstand besass als er und sich hauptsächlich mit Ackerbau, Jagd und Fischfang beschäftigte, mit denen Bang Jok sich, gegen alle Bahausitte, überhaupt nicht abgab. Auch Lawing besass nur eine Frau, von der er mehrere Kinder hatte.
Trotz der grossen Einkünfte, die Bang Jok sich auf alle mögliche Weise zu verschaffen wusste, lebte er doch, wie das ganze Dorf, in einem schlecht gebauten, baufälligen Hause und dürftigen Verhältnissen, da, in einem für Europäer unbegreiflichen Masse, sein ganzer Tag von Spiel und Hahnenkämpfen eingenommen wurde. An diesen beteiligten sich die fremden Händler und Buschproduktensucher, die sich in Geschäften oder zur Erholung ständig in Long Dĕho aufhielten, mehr als die Bahau.
Obgleich die Wohnung des Häuptlings nur aus einem einzigen grossen Raum bestand, in dem alle Familienglieder lebten und ihre Matratzen mit den darüber gehängten Moskitonetzen sich befanden, hielten sich doch den grössten Teil des Tages über die Fremden dort auf, um sich dem Karten- und Würfelspiel zu sehr hohen Einsätzen hinzugeben. Noch mehr Geld wurde bei den ständigen Hahnenkämpfen gewonnen und verloren, die hier völlig den Charakter eines Hazard- und Wettspiels angenommen hatten. Hier wurden nicht mehr vor der Bestimmung des Einsatzes nach allerhand abergläubischen Regeln die Kämpfer stundenlang miteinander verglichen, wie es bei den Bahau oberhalb der Wasserfälle Sitte ist, sondern nach kurzer Besprechung waren die Vorbereitungen getroffen, die Einsätze bestimmt, die eisernen Sporen angebunden, und das Wetten begann. Trotzdem Bang Jok zu den entschlossensten Charakteren unter den Bahauhäuptlingen gehörte, war er in vieler Hinsicht doch von den Malaien abhängig, die ihm mit ihrem Rat zur Seite standen. Er selbst sprach zwar fliessend und gern Malaiisch, da er aber weder lesen noch schreiben konnte, hatte er für diese Fertigkeiten die Hilfe der malaiischen Küstenbewohner nötig, von denen der eine oder andere sich als Schreiber bei ihm aufhielt und wieder verschwand, sobald seine Betrügereien dem Häuptling zu arg wurden. Unter den Leuten, die zu schreiben und zu lesen verstanden, befanden sich viele Bandjaresen, die in den Missionsschulen der Zuider-Afdeeling diese Kenntnis erworben hatten; wenn derartige, auch in der eingeborenen malaiischen Gesellschaft ihrer Kenntnisse wegen sehr gesuchte Personen ihre zivilisiertere Heimat gegen das unwirtsame Binnenland eintauschen, so darf man wohl sicher annehmen, dass ihnen der Boden ihres Landes zu heiss geworden ist, weil sie sich irgend eines Verbrechens schuldig gemacht haben. Kein Wunder, dass auch Bang Jok ständig von den Malaien in seiner Umgebung betrogen wurde und nicht minder als seine weniger weltklugen Ranggenossen einen lebhaften Abscheu vor ihnen empfand. Er konnte sie jedoch wegen seiner Spielwut nicht missen, und sein jahrelanger Aufenthalt in Tengaron hatte ihn zu viel mit malaiischem Wesen in Berührung gebracht, um ihn an der Gesellschaft seiner rohen Bahaubrüder noch Gefallen finden zu lassen.
Derselbe Widerspruch äusserte sich auch in seinem Verhältnis zum Sultan von Kutei: die Misshandlungen, die besonders seine Landsleute unterhalb der Wasserfälle von den Kuteischen Sultanen erdulden mussten und die ihn selbst in das Gebiet oberhalb des Kiham Halo getrieben hatten, erfüllten ihn zwar mit Hass und Widerwillen gegen die malaiische Rasse, doch war er andrerseits so geschmeichelt, wenn Abgesandte des Sultans bei ihm erschienen, dass er sich von diesen leicht als Werkzeug gebrauchen liess.
Die Bahaubevölkerung von Long Dĕho beteiligte sich, wie gesagt, nur selten am Spiel in der Häuptlingswohnung, obgleich auch jeder Dajak, der Geld hatte, in dieser gemischten Gesellschaft willkommen war. In den Häusern der übrigen Familien wurde übrigens ebenfalls viel gespielt; da sich besonders die jüngeren Männer dem Spiel hingaben, statt sich dem Landbau zu widmen, herrschte in keiner Bahauniederlassung am Mahakam eine solche chronische Nahrungsnot wie in Long Dĕho. So oft ich auch bei meinen Auf- und Abfahrten auf dem Mahakam hier Halt machte, gelang es mir doch nie, für mich und mein Personal eine genügende Menge Lebensmittel einzukaufen; auch für die Niederlassung selbst mussten stets von ober- oder unterhalb der Wasserfälle Vorräte angeführt werden. Die Bevölkerung sprach denn auch öfters von den Vorteilen, die ein Rückzug in das Land unterhalb der Wasserfälle, wo man nie derartig an Mangel gelitten hätte, bieten würde. Angst vor den Kuteinesen verhinderte jedoch die Verwirklichung dieser Idee, und für den Häuptling bildete im geheimen die Nähe seines kostbaren Bohgebiets, in dem noch so viele Buschprodukte zu sammeln waren, ein gewichtiges Motiv, um seinen jetzigen Standort, von dem aus er jene Schätze im Auge zu behalten vermochte, nicht zu schnell wieder zu verlassen. Nach meiner Rückkehr aus dem Mahakamgebiet, Ende 1900, gelang es ihm denn auch, mit einer Truppe von Buschproduktensuchern Kontrakte über die Ausbeutung der höher gelegenen Teile des Bohgebiets abzuschliessen, die ihm sicher beträchtliche Summen eintrugen. Zur Wohlfahrt seiner Stammesgenossen wird dieser Umstand wenig beigetragen haben, denn, obgleich sie das Recht besitzen, im Gebiet des Stammes, also auch im Boh, auf eignes Risiko Buschprodukte zu sammeln, ohne für diese dem Häuptling Abgaben zahlen zu müssen, so haben sie doch keinen Anteil an den 10%, die die Fremden dem Häuptling für die Ausnutzung eines bestimmten, dem Stamme gehörigen Gebietes an Steuergeld aufbringen müssen. Das Gelände, in dem die Bahau selbst sammeln könnten und das durch die zunehmende persönliche Sicherheit nach der Einsetzung einer niederländischen Verwaltung in Long Iram für sie zugänglich geworden ist, wird jetzt durch Fremde ausgebeutet.
In Long Dĕho fiel es mir mehr als bei den reicheren, höher gelegenen Dörfern auf, wie sehr diese Bahau durch ihren Glauben in ihrem Tun und Lassen geknechtet sind. So pflegte z.B. Bang Jok jedes Jahr, nachdem der Reis gesät und der Nahrungsmangel vor dem Eintritt der neuen Ernte am grössten war, mit seiner ganzen Familie und der seines Bruders Lawing nach Long Bagung unterhalb der Wasserfälle zu ziehen, wo die Zustände infolge der Reiseinfuhr von der Küste günstiger lagen. Zu Anfang der Ernte musste Bang Jok wieder nach Long Dĕho zurückkehren, um als Stammeshäuptling bei den Opferfeierlichkeiten für die Geister, die als lāli parei ok und lāli parei aja die Ernte einleiten, den Dorfbewohnern voranzugehen. Ich selbst erlebte mehrmals, dass der Häuptling durch Hochwasser am Passieren der Wasserfälle wochenlang verhindert wurde oder dass seine Reisevorzeichnen schlecht waren und die Bevölkerung von Long Dĕho, trotzdem sie Hunger litt und der Reis auf dem Felde überreif abfiel oder durch Regen verdarb, die Ernte in der Abwesenheit des Häuptlings, also ohne Feste, nicht vorzunehmen wagte. Dieser Beweis für das hartnäckige Festhalten der Bevölkerung an ihrem Glauben, auch trotz der ungünstigsten Umstände, ist um so bemerkenswerter, als sich seit langer Zeit so viele andersgläubige Händler und Buschproduktensucher bei ihnen aufhalten, die über ihre heidnische Dajakreligion spotten.
Was den Kultus der übrigen Dörfer am Mittel-Mahakam betrifft, so halten auch sie noch allgemein mit Zähigkeit an ihrem alten Glauben fest, obgleich die Familie ihres vornehmsten Häuptlings in der Person Raden Temenggungs zum Islam übergetreten ist und sie selbst bereits seit langem mit den Kuteinesen und Buginesen vom unteren Mahakam in Berührung gekommen sind. Natürlich hat der Einfluss, den diese in vieler Beziehung auf die Bahau geübt haben, auch das religiöse Gebiet nicht unberührt gelassen und es ist sehr wahrscheinlich, dass auch diese Stämme im Lauf der Zeit den für sie sehr leichten Übertritt zum Islam nicht werden vermeiden können; denn auch sie sehen zu den mohammedanischen Küstenbewohnern, wie zu höherstehenden Menschen auf und dieser Grund wird für sie stark genug sein, um das Schweinefleischessen aufzugeben und sich den wenigen Zeremonien, die der Übertritt zum Islam den Dajak anfangs auferlegt, zu unterziehen.
Zur vollständigeren Übersicht über die dajakischen Stämme am Mittel-Mahakam sind noch zwei Gruppen derselben zu nennen, nämlich
die Tundjungstämme am rechten Mahakamufer und die Kĕnjastämme am Tawang. Die Tundjung wohnen nicht am Hauptstrom, sondern in einigem Abstand von diesem im Hügelland zwischen dem unteren Mahakam und dem Rata; sie betrachten sich selbst nicht als direkte Verwandte der Bahau. Sie stellen sich regelmässig, um Handel zu treiben, an den pankalan des Mahakam ein, d.h. an den Stellen, wo die Wege aus ihrem Gebiet den Hauptfluss erreichen. Der vielen Nahrungsmittel wegen, die sie auf den Markt bringen, sind sie hauptsächlich für die vielen Fremden in diesem Teil des Mahakamgebietes von grosser Bedeutung. Sie sind direkt abhängig vom Sultan von Kutei, d.h. sie sind ihm tributpflichtig und müssen sich von ihm zu willkürlichen Terminen Steuererhebungen gefallen lassen. An festen Abgaben muss jeder erwachsene Mann 3 fl und jede Frau und jedes Kind 1 fl leisten, überdies muss jedes Familienhaus, amin, noch 1 kati Guttapercha im Wert von etwa 2,5 fl aufbringen. Diese letzte Bestimmung rührt aus einer Zeit her, in der im Tundjunglande noch viele Guttaperchabäume zu finden waren, aber jetzt sind sie dort bereits lange ausgerottet, und die Tundjung können die erforderliche Menge nur noch in sehr grosser Entfernung von ihrem Wohnplatz zusammenbringen. Hierdurch ist diese, im Beginn nicht schwere Steuer allmählich sehr drückend geworden. Die zu unregelmässigen Terminen vom Sultan erhobenen Abgaben bestehen hauptsächlich in Reis und Hühnern. Sehr charakteristisch für die Verhältnisse in diesen Gegenden war das Betragen dieser Tundjungstämme gegenüber Kutei, insofern es sehr stark durch Rücksichten auf die Gesinnung der Bahau beeinflusst war. Obgleich sie von diesen völlig unabhängig sind, empfinden sie doch einen grossen Respekt vor deren vornehmsten Häuptlingen, hauptsächlich denen in Udju Tĕpu; sie machten sogar die Entrichtung der Steuern an Kutei, der sie sich nur sehr widerwillig unterzogen, von der unter diesen Häuptlingen herrschenden Stimmung gegen den Sultan abhängig. Unter Raden Temenggung, der in seinen letzten Lebensjahren nur noch im geheimen gegen Kutei aufzutreten wagte, hatten sie noch regelmässig bezahlt, sobald aber nach dessen Tode sein Sohn Si Ding Lĕdjü eine feindliche Haltung gegenüber den Sultan annahm, stellten sie die Zahlung ein. Da es den malaiischen Fürsten ausschliesslich um die Einkünfte von den unterworfenen Stämmen zu tun ist und sie die Ausgaben, welche Zwangsmassregeln erfordern, scheuen, schritt der Sultan nicht gegen dieses widersetzliche Betragen ein. Sobald nach dem Tode Dings dessen Bruder Brit Lĕdjü, der bereits lange vom Sultan bestochen worden war, unter dem Namen von Raden Mas an Stelle des Verstorbenen trat und die Tundjung somit in den Bahau nur wenig Stütze gegen Kutei mehr fanden, begannen sie aufs neue Steuern zu bezahlen.
Ebenfalls von Bedeutung für die Bevölkerungsverhältnisse am Haupt strom ist die Existenz der Kĕnjaniederlassungen der Uma-Timé am oberen Tatyang, einem linken Nebenfluss des Mahakam, den man durch den Mĕrah erreicht. Dieser etwa 2000 Seelen zählende Stamm ist als letzter vor ungefähr 30 Jahren aus Apu Kajan in das Tiefland ausgewandert. Der unmittelbare Anlass zu ihrer Auswanderung war folgender: Die Uma-Timé spielten früher in ihrem Stammland infolge ihrer Stärke die gleiche Rolle, wie jetzt die Uma-Tow, d.h. sie nahmen den übrigen Stämmen gegenüber eine herrschende Stellung ein, machten sich aber unter diesen durch ihr gewalttätiges Auftreten so viele Feinde, dass ihnen der Aufenthalt dort nicht mehr sicher erschien. Ausserdem sehnten sie sich danach, in grösserer Nähe der Küste zu leben, von der sie Salz, Tabak und Leinwaren leichter beziehen konnten; auch hofften sie im Vertrauten auf ihre grosse Anzahl, nicht zu sehr unter die Abhängigkeit vom Sultan von Kutei zugeraten. Nachdem sie mit diesem zuerst über eine Ansiedelung in seinem Reich am Tatyang unterhan delt und seine Zustimmung erhalten hatten, begannen sie unter ihrem Häuptling Bo Adjang Hipui, der damals in Apu Kajan viel Einfluss besass, nicht längs des Boh, sondern in östlicher Richtung auszuwan dern. Um die mannigfaltigen, für ein so grosses Unternehmen erfor derlichen Vorzeichen zu suchen, begann der Stamm damit, in seiner Auswanderungsrichtung einen für eine zeitweilige Siedelung passenden Ort auszuwählen. Dort blieb er eine Reisernte über wohnen, dann zog er auf die gleiche Weise weiter, so dass es drei Jahre dauerte, bevor er sich am Tatyang niedergelassen hatte. Nach dem, was sie selbst erzählten, hatten die Uma-Timé auf dieser Reise nicht all ihr Hab und Gut mitnehmen können, sondern einige wertvolle Gegenstände, wie Gonge, an verschiedenen Waldstellen verbergen müssen. Augenblicklich wohnt der Stamm noch am Tatyang in mehreren grossen Niederlassungen unter der Herrschaft von Ibau Adjang und Ding Adjang, den Söhnen seines berühmten Häuptlings Bo Adjang Hipui.