Die Siedelung dieser Kĕnja-Dajak am Tatyang ist vor allem deswegen für den Mahakam von Bedeutung, weil ihre Verwandten aus Apu Kajan sie auf ihren Handelsreisen zur Küste stets wieder besuchen und dabei die Route Boh-Mahakam-Mĕrah-Tawang einschlagen. Ihre alten Fehden haben die Stämme aber trotz der ververwandtschaftlichen Besuche nicht vergessen.
Diese Kĕnjastämme hatten nicht, wie die Bahau, ihre Unabhängigkeit Kutei gegenüber zu bewahren verstanden, obgleich sie anfangs so zahlreich waren und mit der Energie der Gebirgsbewohner ausgerüstet ihre neuen Wohnplätze bezogen hatten. Mit grosser Gewandtheit hatten die Sultane von Kutei aus dem Verhältnis der Stämme untereinander ihren Nutzen zu ziehen verstanden. Anfangs hatten die Kĕnja dieses Gebiet mit Zustimmung des Sultans besetzt, ohne von diesem in irgend einer Weise abhängig zu sein. Ihre vornehmsten Häuptlinge Ding Adjang und Ibau Adjang hatten sich oberhalb der Niederlassung Long Bila zwei grosse Häuser gebaut; nach kurzer Zeit entstand aber Streit zwischen den neuen Nachbarn, worauf das Köpfejagen von beiden Seiten mit Erbitterung betrieben wurde. Da die Long-Bila unter der Herrschaft des Sultans von Kutei standen, suchten sie bei diesem Hilfe. Er sandte ihnen einige Malaien und eine grosse Anzahl Gewehre mit Munition, die die Kĕnja nicht besassen und vor denen sie sich daher sehr fürchteten. Die Long-Bila erhielten hierdurch das Übergewicht über die Uma-Timé, denen sie im übrigen weder an Anzahl noch an persönlichem Mut gewachsen waren. Durch eine Beschiessung ihrer Niederlassungen zwangen sie die Kĕnja, diese zu verlassen, worauf sie die Häuser verbrannten. Dieser obdachlose Stamm musste sich darauf dem Sultan unterwerfen und ihm tributpflichtig werden, worauf dieser ihm dann neue Häuser zu bauen gestattete.
Über das Verhältnis der Uma-Timé zu den ihnen verwandten Stämmen in Apu Kajan und den Einfluss, den dieses auf den Verlauf meiner Reise zu den Kĕnja gehabt hat, wird im [IV. Kapitel] ausführlicher die Rede sein. Zum Schluss noch einige Bemerkungen über die Beziehungen zwischen der Bahaubevölkerung ober- und unterhalb der Wasserfälle. Aus den vorhergehenden Schilderungen ging bereits hervor, dass die Bande zwischen den Mahakamstämmen sehr locker sind; da die Glieder desselben Stammes in der Regel untereinander heiraten, besteht eine Blutsverwandtschaft zwischen den Stämmen nur unter den Häuptlingsfamilien, deren Angehörige, um eine ebenbürtige Heirat schliessen zu können, sich oft mit Gliedern anderer Stämme verbinden. So sind am oberen Mahakam die Häuptlinge aller Niederlassungen mit der Familie des alten Bo Ibau verwandt geworden, am mittleren Mahakam dagegen mit der seines Bruders Bo Lĕdjü Aja. Ihre gemeinsame Abkunft aus Apu Kajan ist den Stämmen jedoch, wie schon erwähnt, noch wohl bekannt, wenn die Geschichte ihrer Auswanderung auch allmählich mit phantastischen Erzählungen verknüpft worden ist. Ebenso erinnern sie sich noch, wie seiner Zeit mit Bo Lĕdjü Aja Angehörige zahlreicher Stämme, wahrscheinlich von dem mächtigen Häuptling gezwungen, die Wasserfälle hinunterzogen. Von vielen dieser ausgewanderten Stämme sind nur wenige Familien übrig geblieben und diese werden allmählich über die Wasserfälle zu ihrem ursprünglichen Stamm zurückgeholt. So beabsichtigten die Kajan während meines Aufenthaltes bei ihnen, einige Familien, die von dem ausgewanderten Teil ihres Stammes übrig geblieben waren und am Rata ein armseliges Leben führten, nach dem Blu-u zurückzuholen. Der vornehme Kajanpriester Bo Bawan hatte, was der Entfernung wegen nur selten vorkam, eine Frau aus einer dieser Familien geheiratet; im Jahre 1891 begleitete er mich auf meiner ersten Reise den Mahakam hinunter, um mit seiner Gattin deren Angehörige am Rata zu besuchen.
Obwohl ihre Verwandtschaft unter einander ihnen bekannt ist, stehen sich die Stämme oberhalb der Wasserfälle viel weniger fremd gegenüber als denen unterhalb derselben. Die Bahau oberhalb des Kiham Halo betrachten sich noch als Leute gleicher Art und Gesinnung, unterhalb desselben beginnt für sie aber das Gebiet der Fremden. Hauptsächlich liegt dies daran, dass sie ihre Stammverwandten am Mittel-Mahakam weniger häufig besuchten und bei ihnen viele Sitten der Küstenbewohner eingeschlichen fanden.
Bezeichnend für das Verhältnis der Bewohner am oberen und mittleren Mahakam war, dass die jungen Kajan vom Blu-u auf unserem Zuge nach Udju Tĕpu in den Dörfern Long Dĕho, Batu Pala und Uma Wak mit den jungen Mädchen der Häuser, in welchen wir übernachteten, in intimen Verkehr traten und nur schwer von ihnen zu trennen waren, unterhalb der Wasserfälle jedoch derartige Vertraulichkeiten vermieden, weil sie hier weniger bekannt waren und überhaupt durch allerhand geheimnisvolle Einwirkungen der Bevölkerung auf ihre Gesundheit krank zu werden fürchteten. Die Bewohner des Binnenlandes sind überzeugt, dass die Leute unterhalb der Wasserfälle im Besitz von Giften sind, die sie einem unmerklich durch die Luft zukommen lassen können; auch sollen sie diese Gifte auf die Sitzbretter streichen. Die Gifte, die sich in das Essen mischen lassen, spielen in ihrer Vorstellung beinahe keine Rolle.
Der Glaube an eine Vergiftung unterhalb der Wasserfälle findet eine Stütze in den vielen Umständen, die dort mehr wie oberhalb der Fälle dazu beitragen, sie krank zu machen. Vor allem die grosse Hitze, dann das unreinere Flusswasser, das sie trinken, ferner die hier häufig herrschenden Infektionskrankheiten, wie Influenza, Cholera, Pocken etc. Dazu kommt, dass sie hier ständig in ihren Böten leben, ungewohnte Dinge essen, die ihnen in den toko von den Malaien verkauft werden, u.s.w., alles Gründe, um eine Handelsreise die Wasserfälle abwärts für eine lebensgefährliche Unternehmung anzusehen. In der Tat erfordern diese Reisen häufig Opfer, und ich selbst hatte oft Mühe, meine Reisegenossen vom mittleren Mahakam oder gar von der Küste alle wieder lebend nach Hause zu bringen, trotz meiner Fürsorge, Ratschläge und Medizinen.
[1] 1900 in Long Iram.