Was europäische Regierungsprinzipien und europäische Energie ohne viel Hilfe von aussen in einem inländischen Gemeinwesen zu Stande bringen können, dafür bietet uns auf Borneo das Fürstentum Sĕrawak ein interessantes Beispiel. Dieses Reich, das den westlichen Teil der Nordküste einnimmt, wird von der englischen Familie Brooke regiert. Bei der Gründung dieses Reichs ist von einer Überwältigung der Eingeborenen durch eine europäische Kriegsmacht keine Rede gewesen, sondern wir haben es hier mit einem typischen Fall friedlicher Entwicklung der einheimischen Bevölkerung unter europäischer Führung zu tun. Die Geschichte dieses Reichs ist so eigenartig, dass sie hier wenigstens kurz erwähnt zu werden verdient.
Im Jahre 1841 landete ein englischer Schiffskapitän, namens James Brooke, an der Nordküste von Borneo, nachdem er vorher vergeblich versucht hatte, sich in Ost-Celebes niederzulassen. Im Gebiet des jetzigen Sĕrawak lernte Brooke damals das äusserst schlechte Verhältnis der verschiedenen Völkerschaften zu einander kennen. Der vom Sultan in Brunei abhängige Radja des Landes, Muda Hassein, war trotz seines guten Willens nicht im Stande, seine dajakischen und malaiischen Untertanen zufrieden zu stellen, so dass beide aufständig gegen ihn wurden. Brooke, der den Grund hierfür sofort in der brutalen Unterdrückung der Dajak durch die Malaien erkannte, wurde vom Radja beauftragt, den Frieden wieder herzustellen, was ihm auch gelang. Als Belohnung für seine Dienste erhielt er vom Radja ein Stück Land zur Verwaltung. Gleich anfangs gab er sich die grösste Mühe, wenigstens in seinem Gebiet die Dajak vor der Ausbeutung durch die Malaien und Chinesen zu schützen, und gewann dadurch in so hohem Masse die Gunst der ersteren, dass sie ihm später, als die Malaien ihm seine Herrschaft gewaltsam zu entreissen versuchten, kräftig bei der Unterdrückung der Aufständischen behilflich waren.
Später, als auch die zahlreichen Chinesen versuchten, James Brooke an der Verwirklichung seiner humanen Regierungsprinzipien, die ihre egoistischen Pläne kreuzten, zu verhindern, brachte er wiederum mit Hilfe der Dajak die Aufrührerischen zur Botmässigkeit. So gelang es ihm, den Dajak neben Malaien und Chinesen ein erträgliches Dasein zu verschaffen. Sehr viele Schwierigkeiten bereiteten ihm später die östlicher wohnenden, sehr kriegerischen Stämme, die unter den Namen See-Dajak und Batang-Lupar zusammengefasst werden; diese beteiligten sich unter Leitung der Malaien an der Seeräuberei, die Anfang und Mitte des vorigen Jahrhunderts alle Küsten Borneos unsicher machte. Aus Handelsinteressen rüstete die englische Regierung 2 Expeditionen aus, die dem Seeräuberwesen einen schweren Schlag versetzten. Später glückte es James Brooke und seinem Nachfolger Charles Brooke, auch der Kopfjägerei ein Ende zu machen und die Batang-Lupar zu unterwerfen. Seit der Zeit gebraucht Sĕrawak, wie wir sahen, diese kampfeslustigen Stämme, um die Bewohner des Inneren im Zaum zu halten. Vom europäischen Standpunkte aus ist es zu bedauern, dass derartige Züchtigungen mit so grossem Verlust an Menschenleben und soviel Plünderung verbunden sind, aber die Mittel, welche der Familie Brooke zur Verfügung stehen, genügen nicht zur Unterhaltung ständiger Truppen.
Von welchem Segen die Regierung Radja Brookes für sein Land geworden ist, ersieht man daraus, dass in Sĕrawak jetzt bis weit flussaufwärts ruhig Handel getrieben werden kann und Artikel wie Salz und Leinwaren jetzt auch bei den entlegensten Stämmen eingeführt werden.
Ausserdem bringen die Eingeborenen ihre Waldprodukte jetzt an Orten zu Markte, wo sĕrawakische Beamte dafür sorgen, dass sie durch malaiische und chinesische Händler nicht zu stark betrogen werden. Es erscheint daher begreiflich, dass die im Binnenlande von Sĕrawak wohnenden Stämme das viele Gute, das ihnen durch die Europäer zu Teil wird, sehr hoch schätzen und ihrerseits gern bereit sind, einen Teil ihrer alten Gewohnheiten aufzugeben und eine kleine Steuer zu entrichten.
Kapitel XVIII.
Ergebnisse meiner Reisen auf dem Gebiete der Naturwissenschaft, Medizin und Topographie—Praktische Bedeutung ethnologischer Studien für eine friedsame Kolonisation—Politische Ereignisse in Mittel-Borneo nach meiner Rückkehr—Schlussbemerkung.
Dank ihrer zweckmässigen Ausrüstung und langen Dauer haben die in diesem Werk besprochenen Reisen auf sehr verschiedenartigen Gebieten wertvolle Resultate liefern können. Die beiden ersten Reisen der Jahre 1893–94 und 1896–97 waren, wie eingangs erwähnt worden ist, zu rein wissenschaftlichen Zwecken bestimmt gewesen; nachdem sich jedoch auf denselben die dringende Notwendigkeit einer Ausbreitung der niederländischen Macht in Mittel-Borneo und ein friedlicher Weg diese zu erreichen gezeigt hatte, wurde die dritte, von Mai 1898 bis Dezember 1900 dauernde Reise von der indischen Regierung zu politischen Zwecken ausgerüstet: Da es die beiden ersten Male vollständig geglückt war, die Angst der Eingeborenen vor den Europäern zu beseitigen und eine gründliche Kenntnis von Land und Volk zu gewinnen, womit die Grundbedingungen zu einer friedsamen Kolonisierung erfüllt waren, wurde in der Ausrüstung und Ausführung der politischen Expedition keine Veränderung vorgenommen, so dass sie auch andere, wissenschaftliche Arbeit zu leisten vermochte.
Im folgenden sind die Ergebnisse der 3 Reisen in einer kurzen Übersicht zusammengefasst.