Die Bäume, die den Pfad beschatteten, schützten uns zwar vor der brennenden Sonne, benahmen uns aber jede Aussicht. Nachdem wir 800 m tief ins Tal des Sĕliku hinuntergestiegen waren, betraten wir zu unserer Freude am rechten Ufer eine kleine Lichtung, die dadurch entstanden war, dass alle vorüberziehenden Gesellschaften hier ihr Lager aufschlugen und die nächsten Bäume fällten. Da hier in der Nähe wenig brauchbares Holz zu finden war, begnügten wir uns mit einer Punan-Hütte, die nur aus einer in einem Winkel von 60° geneigten Wand bestand. Indem wir diese mit Segeltuch bedeckten und auch seitlich, zum Schutz gegen den Regen, ein Segeltuch spannten, stellten wir uns in kürzester Zeit ein Nachtasyl her. Wir beiden Europäer schliefen in der Mitte, unsere Malaien an der einen und die Kajan an der anderen Seite. Zur grossen Beruhigung letzterer war mein Hund, der wie immer neben meinem Klambu schlief, diese Nacht sehr wachsam und schlug mehrmals an. Sein Gebell, das wahrscheinlich den um unser Lager schleichenden Tieren des Waldes galt, betrachteten unsere farbigen Reisegenossen als ein ausgezeichnetes Abschreckungsmittel für eventuelle Feinde, die uns in diesem gefürchteten Gebiet beschleichen konnten.

Als wir am anderen Morgen dem Bette des Sĕliku bis zum Fuss des Lasan Tujang folgten, begriffen wir, warum die Bahau lieber den Weg über den Lasan Towong einschlugen: das nur 10–12 m breite Flussbett ist nämlich entweder sehr tief und von senkrechten Wänden eingeschlossen, oder flach und dann voller Felsblöcke. Wenn die tiefen Stellen nicht durchwatet werden können, ist man gezwungen, längs des Ufers über hervorragende, glatte Schieferfelsen zu gehen, was gefährlich und anstrengend ist. Nicht nur wir beschuhten Europäer und unsere ungeschickten Küstenmalaien, sondern auch die schwer beladenen Kuli waren froh, dass wir bald den Fuss des Lasan Tujang erreichten. Dies ist ein steiler Kegel, der sich 150 m hoch über einen Grat erhebt und daher als Aussichtspunkt sehr geeignet ist. Auf dem steilen Pfade nahmen uns aber die Bäume jeden Ausblick, auch war die ganze Landschaft noch um 11 Uhr morgens in Nebel gehüllt. Auf dem Gipfel angekommen ruhten wir uns im Sonnenschein auf der kleinen Rasenfläche, die dem Gipfel wahrscheinlich seinen Namen gegeben hat (lasan = Fläche; tujang = grün) erst aus und liessen dann die Männer die Bäume an den südlichen, östlichen und westlichen Abhängen des Gipfels fällen; nach Norden, nach Sĕrawak hin, war eine Aussicht weniger notwendig, auch war die Arbeit ohnehin schwer genug.

Vor ungefähr 20 Jahren hatte zwar Kwing Irang, als er sich während eines me̥lo̱ njaho̱ auf dem Lasan Tujang aufhielt, einen Teil des Waldes am östlichen Abhang, um Aussicht auf den Batu Tibang zu gewinnen, fällen lassen; doch hatten die Bäume jetzt bereits alle die gleiche, nicht bedeutende Dicke; leider war das Gebirgsholz hier wieder besonders hart.

Die Männer machten sich mit dem Eifer, den sie während der ganzen Reise zeigten, ans Werk; um m Uhr fielen bereits die ersten Bäume. Diese systematisch von unten an halb durchhacken und dann von oben ein paar grössere Exemplare so hinunterstürzen zu lassen, dass sie die unteren zugleich niederrissen, gelang nicht vollständig, weswegen die Kuli zwischen halb und ganz gestürzten Bäumen die noch stehen gebliebenen fällen mussten, eine schwierige Arbeit. Gegen Abend war der östliche Abhang doch so weit ausgehauen, dass wir eine freie Aussicht auf den Batu Tibang geniessen konnten. Der gewaltige Eindruck, den dieser Berg auf die Eingeborenen macht, beruht vielleicht ebenso sehr auf seinem Äusseren als auf der Tatsache, dass er ihren grössten Flüssen den Ursprung gibt. In der dunkelgrünen Masse der Urwälder, die alle bis 1800 m hohen Rücken bedecken, sind weder Felsen noch Bergstürze zu sehen, nur der Batu Tibang erhebt seinen spitzen Gipfel mitten in einem Gebirgsmassiv, dessen sehr steile weisse Wände sich aus der finsteren Umgebung, mit der sie in keinem direkten Zusammenhang stehen, leuchtend abheben. Es schien mir, dass dieses Massiv von den Bergrücken des Kettengebirges, das, von hier aus in südlicher Richtung gesehen, den gleichen Charakter wie am oberen Kapuas trägt, unabhängig ist. Das Massiv erhebt sich genau östlich vom Lasan Tujang in Form eines Kegels mit sehr steilen, grauweissen Wänden, die sich in einer Höhe von 1400 m nach innen neigen und dann mit schwacher Abdachung in 1800 m hohe, sehr spitze Gipfel verlaufen. Nach Norden, Nord-Westen und Ost-Süd-Osten entsendet das Batu-Tibang-Massiv Ausläufer; der südöstliche scheint mit einem hohen Rücken, der die Wasserscheide zwischen dem Gebiet des Kajan und des Oga bildet, zusammen zu hängen. Nach Süd-Osten kamen, getrennt von ihrer Umgebung, kleinere Massive von gleichem Charakter zum Vorschein. Der höchste Gipfel eines dieser Massive heisst Batu Tibang Ok (= kleiner Batu Tibang).

Wir sahen deutlich, dass das Flusstal des Tĕkĕn in den Batu Tibang nach Westen tief einschneidet, dann gerade auf den Lasan Tujang zuläuft und sich um dessen Fuss nach Norden windet. Einige Malaien sagten mir später, dass der Tĕkĕn ein Nebenfluss des etwas östlicher entspringenden Nangeian ist.

Am folgenden Morgen liess ich sogleich die Bäume, welche die Aussicht nach Süden benahmen, fällen. Zu unserem Leidwesen befanden wir uns nicht hoch genug, um in der Frühe über die Wolken hinübersehen zu können und mussten lange warten, bevor die nächste Umgebung sichtbar wurde; trotzdem gelang es Bier, das im Laufe des Tages allmählich auftauchende Gebiet aufzunehmen. Im Westen sahen wir nur ein enges Tal, das die (wellen des Sĕliku birgt und im Westen und Norden von zwei hohen Rücken eingeschlossen wird. Erst abends, als sich alle Wolken erhoben hatten, bemerkten wir gen Süden den Lasan Towong und, in weit grösserem Abstand als wir erwartet hatten, die pittoresken Formen eines Gebirges, das dem Kalkgebirge am oberen Sĕrata und Mĕrasè sehr ähnelte.

Den folgenden Tag zogen wir weiter, nachdem wir alle von unserem Standplatze aus möglichen Aufnahmen ausgeführt hatten. Der Abschied fiel uns nicht schwer, da wir noch nie zuvor auf der Reise so stark wie hier von Bienen und Wespen geplagt worden waren. Bienen, kaum so gross wie kleine Fliegen, hatten es hauptsächlich auf unsere Augen, Ohren und Nasenlöcher abgesehen, doch stachen sie nicht, was die gleich grossen Wespen mit Vorliebe taten. Diese wiederum schätzten besonders die Haut zwischen den Fingern, in die sie, wenn wir die Finger unwillkürlich bewegten, sogleich ihren Stachel senkten. Auch an grossen Exemplaren fehlte es nicht, aber die konnte man wenigstens besser sehen und hören. Gegen die kleinen Tiere suchten wir uns durch Kajuputi-Öl zu schützen, das wir in grosser Menge auf die Haut strichen.

Für die Rückreise am 14. Oktober hatte ich bestimmt, dass Bier mit einigen Trägern für die Instrumente vorausgehen sollte, um den Weg zu messen, während ich das Abbrechen des Lagers überwachen und dem Vortrab das Essen bringen sollte, das er unterwegs einnehmen konnte. Die Kajan waren anfangs zur Eile nicht aufgelegt, wurden aber doch eifriger, als Bier vor dem Abmarsch noch über der Wolkenschicht einige Peilungen ausführte und ich einen Baum als Fahnenstange zuhauen liess. Zu diesem Zwecke hackten einige Männer von einem hohen Baume die Äste ab und befestigten an dessen Spitze die niederländische Fahne, die Dĕlahit tags zuvor aus rotem, weissem und blauem Kattun genäht hatte. Die Kajan glaubten, dass diese Fahne, als Zeugin der Anwesenheit Weisser, die Batang-Lupar für lange Zeit davon abschrecken würde, auf diesem Wege in das Mahakamgebiet einzudringen. Jedenfalls bewies die Fahne auf sichtbare Weise unseren Zug, von dem man in weitem Umkreise reden würde.

Darauf richtete Bier sein Instrument nach Süden, seine Begleiter ergriffen die Massstäbe, riefen “dā, dā” und waren nach wenigen Messungen den Abhang hinunter verschwunden. Auch wir hatten bald gepackt und das Essen gekocht; die Verteilung der Lasten ging schnell von statten, da die schwerste Last, der Reis, beinahe vollständig aufgezehrt war. Bei unserem Aufbruch begannen auch meine Kajan “dā, dā, kĕ uli, kĕ uli” zu rufen; sie setzten den Ruf bis 50 m weit den Berg hinunter fort. Mit da riefen sie ihre Seelen an, die sie vor dem Zurückbleiben warnten, indem sie ihnen erklärten: kĕ uli = ich gehe nach Hause.

Auf dem Lasan Tujang selbst war, wie ich bereits auf dem Hinwege bemerkt hatte, nicht viel Gestein zu sehen, ich konnte es daher erst am Fuss des Berges, im Tal des Sĕliku untersuchen. Der Lasan Tujang wird, gleich seiner ganzen Umgebung, aus senkrecht stehenden Schiefern gebildet, auf denen hie und da mehr horizontal gelagerter Sandstein liegt, der hier stark verwittert und nicht so deutlich geschichtet ist, wie weiter unten im Sĕlirong.