Leider begann das Wasser, das uns bisher so günstig gewesen war, des Morgens so schnell zu steigen, dass Bier bereits früh aufzubrechen beschloss, um noch die Fälle des Matandow passieren zu können. Ich gab ihm noch einige meiner Kuli mit, die längs des Uferpfades zu mir zurückkehren sollten, doch sandte mir Bier mit diesen auch noch drei seiner eigenen Leute, weil das Wasser in kurzer Zeit zwei Meter gestiegen war und das Gepäck desshalb beim Hinunterfahren über den Kiham Matandow nicht im Boote bleiben konnte, sondern zu Lande bis unterhalb der Wasserfälle getragen werden musste.
Während die Männer ihre Mahlzeit einnahmen, fiel das Wasser wieder so weit, dass das leere Boot ohne Anstrengung über die Fälle geschafft werden konnte. Unser Hab und Gut wurde inzwischen auf dem früher entdeckten guten Pfade hinab befördert.
Bis wir unterhalb des Matandow angelangt waren und alles Gepäck sich wieder im Boote befand, war es Mittag geworden, doch wurde mit dem angenehmen Bewusstsein, die schwierigste Stelle hinter dem Rücken zu haben, die topographische Arbeit begonnen.
Mit Rücksicht auf die heftige Strömung vereinbarten wir, dass ich nur 1½ Stunden weiter fahren sollte, damit Bier uns leichter einholen konnte. In meinem Boote befand sich beinahe die ganze Zeltausrüstung, doch trugen besonders die schweren Kisten mit der Gesteinsund Fischsammlung dazu bei, dass das nicht sehr grosse Boot tief ins Wasser eintauchte. Da das Wasser unterhalb der Fälle ausserdem sehr bewegt war, strengten sich 6 unserer Kajan an, das Boot längs des Ufers, ausserhalb des hohen Wellenganges in der Flussmitte, zu halten.
Wir gelangten auch glücklich über diese Stelle und eine weiter unten gelegene Stromschnelle; übrigens beunruhigte ich mich nicht sonderlich, weil drei der tüchtigsten Männer die Führung übernommen hatten: Anjang Njahu und Maring Kwai sassen am vorderen, Sawang Hugin am hinteren Bootsende. Plötzlich, hinter einer Flussbiegung, geriet das Fahrzeug in heftig bewegte Wassermassen und wurde von einer Welle auf die andere geschleudert. Zwar versuchten die Männer, das Boot mit Anspannung aller Kräfte und Anwendung ihrer ganzen Steuerkunst zum Ufer hinzulenken, aber die Spitze erhob sich nicht schnell genug, das ohnehin überladene Fahrzeug sank und die Wellen schlugen von allen Seiten hinein. Ich erinnere mich nur noch, dass Anjang Njahu mir etwas zurief. Vielleicht verlor ich für kurze Zeit die Besinnung, jedenfalls weiss ich nur, dass ich mich unter Wasser treiben fühlte, ohne von Boot oder Mannschaft etwas wahrzunehmen. Bei der rasenden Strömung blieb mir nichts übrig, als so schnell als möglich an die Oberfläche zu gelangen; so schlug ich denn mit Armen und Beinen kräftig aus und bekam, bevor ich noch zu sehr betäubt war, erst mit der linken, dann mit der rechten Hand etwas Festes zu packen, augenscheinlich die Ränder des umgekippten Bootes, unter dem ich trieb. Ein kräftiger Ruck half mir heraus und einige Schläge brachten mich nach oben. Meine Augen standen noch voll Wasser und ich hatte noch kaum Luft schöpfen können, als ich erst am Kopf, dann an den Schultern gepackt und auf die runde Bootsunterseite hinaufgezogen wurde. Fünf Kajan und Abdul sassen bereits oben, daher schwamm das Boot tief in dem durchwühlten Wasser, und sein glatter, runder Kiel bot mir, der ich an dergleichen Vorfälle nicht gewöhnt war, einen nichts weniger als festen Sitzplatz. Die Kajan schwiegen, nur Abdul, der hinter mir sass und mich voller Angst umklammert hielt, rief fortwährend: Tuwan, Tuwan! (Herr, Herr!), so dass ich ihn mit “tida apa” (es ist nichts) beruhigen musste. Unterdessen suchte mir Anjang Njahu mit Gewalt die Kleider vom Leib zu reissen, aber der starke Kaki widerstand seinen Bemühungen und er konnte nur meinen geologischen Hammer aus der Tasche ziehen und in den Fluss werfen. Bevor er noch weiteres ausrichtete, wurde das Boot von einer neuen Stromschnelle ergriffen, wobei jeder an sich selbst denken musste und ich vom Boot ins Wasser glitt. Mit einigen Schlägen war ich jedoch bald wieder an der Oberfläche, wo ich einen treibenden Schild zu packen bekam. Mich an die dajakische Weise Flüsse zu durchschwimmen erinnernd, fasste ich den Griff des Schildes mit der einen Hand, hielt diesen selbst unter mir und schwamm so halb treibend zuerst neben dem Boote, dann, als ich vor einem vorspringenden Felsen in ruhigeres Wasser gelangte, ans Land. In voller Ausrüstung, den Revolver an der Seite, war das Schwimmen sehr anstrengend, doch erreichte ich glücklich das Ufer, bevor mich die Strömung etwas weiter unten in einen neuen Strudel zog. Die 6 Männer, die mir nach ins Wasser gesprungen waren, zogen das Boot jetzt an einem Rotang ans Land, und dann standen wir triefend, unserer Habe beraubt, neben einander am Waldessaum. Anjang Njahu, der sich als Anführer für das Unglück verantwortlich fühlte, blieb anfangs scheu zur Seite stehen und trat erst, als er sah, dass ich nicht zürnte, mit bleichem Gesicht auf mich zu und fragte, ob ich verwundet wäre. Auch Tingang Sulang kam, um sich von meinem Wohlergehen zu überzeugen. Er war, da er mich nach dem Umschlagen nicht mehr an die Oberfläche hatte kommen sehen, wieder ins Wasser gesprungen und dann ebenfalls mit dem Boote abwärts getrieben worden. Maring Kwai fehlte noch, doch hatte man ihn auf meinen mit Riemen zusammengeschnürten Matratzen hinunterfahren sehen; augenscheinlich war auch er irgendwo gelandet.
Eigentümlicher Weise war mein erstes Empfinden nach der Rettung Selbstbefriedigung über die Geistesgegenwart, mit der ich mich durch die Schwierigkeiten hindurch gerungen hatte; erst viel später fühlte ich dankbare Freude über meine Lebenserhaltung.
Den Verlust unseres Gepäckes betrauerte ich lebhaft, da an ein Auffischen der Sachen nicht zu denken war. Ich hatte zwar beim ersten Auftauchen eine eiserne Kiste und mein Moskitonetz vor mir schwimmen sehen, doch waren sie mit allem anderen gewiss längst gesunken. Meine wertvollen Sammlungen waren unwiderruflich verloren, ebenso die Konserven, die wir uns vom Munde gespart hatten. Besonders bedauerte ich den Verlust meines prachtvollen Jagdgewehrs, eines Fernrohrs, einiger Barometer und Bücher. Meine geologischen Aufzeichnungen und den geologischen Kompass fand ich zu meiner Freude noch in meinen Taschen; auch war der Schmiedehammer an dem hölzernen Gestell, das im Boote als Fussboden diente, hängen geblieben. Dass wir unseren Reis verloren hatten, machte mich sehr besorgt; zum Glück hatte sich nur ein halber Packen im Boote befunden und führte Bier den Hauptvorrat mit sich. Das grosse Segeltuch, mit dem wir die Reispacken zugedeckt hatten, war also auch gerettet.
Sehr bald erschien Bier an der Unglücksstätte, denn Maring Kwai war, gleich nachdem er sich ans Ufer gerettet hatte, zu ihm gelaufen und hatte ihm weinend den Vorfall berichtet. Maring hatte meine Matratze gerettet, was mir sehr angenehm war. Meine Kajan schienen mir durch den gänzlichen Verlust ihrer Habe für den Unfall, den sie durch grössere Aufmerksamkeit vielleicht hätten vermeiden können, genügend schwer bestraft; überdies hatte ich ja auch den Zug in dieses ihnen fast unbekannte Gebiet auf eigene Verantwortung unternommen.
Nachdem ich mich aus Biers Garderobe mit trockener Kleidung versehen hatte, beschlossen wir, an diesem Tage nicht weiter zu fahren, sondern zu beraten, wie uns aus der kritischen Lage zu helfen sei. In den letzten Strahlen der untergehenden Sonne trocknete ich meine Uhr, meinen Revolver, den geologischen Kompass und meine Kleider. Als unsere Männer den ersten Schrecken überwunden zu haben schienen, wurde in einem Kriegsrat bestimmt, dass ich mit nur einem Boote und der nötigen Bemannung ohne Aufenthalt bis zum Blu-u durchreisen und dafür sorgen sollte, dass man Bier von dort aus so schnell als möglich mit Reis versah. Eile war um so gebotener, als am folgenden Tage das Wasser so schnell stieg, dass wir nicht abfahren konnten und von unserem wenigen Reis zehren mussten.
Die Kajan, die zurückbleiben sollten, fürchteten sich hauptsächlich vor dem Hunger und meinten daher, es sei unmöglich, jetzt noch den Kaso hinaufzufahren. Bier und ich hatten unter den obwaltenden Umständen an die Ausführung dieses unseres anfänglichen Planes überhaupt nicht mehr gedacht, da wir nun aber sahen, dass die Kajan ihn doch nicht für gänzlich unausführbar hielten, versuchten wir, ihn doch durchzusetzen. Abgesehen davon, dass der Kaso sorgfältig gemessen werden konnte, bot dieser Extrazug den Vorteil, dass Bier seine Aufnahme da anschliessen konnte, wo Werbata sie im Gebiet des Pĕnaneh geendet hatte. So wurde denn vereinbart, dass Bier zuerst den Kaso aufnehmen und dann den Pĕnaneh bis zur früheren Niederlassung der Pnihing, wo Werbatas Beobachtungsposten lag, hinauffahren und von dort aus den Mahakam messen sollte. Wenn möglich, sollte er auch ein hochgelegenes Reisfeld besteigen, um eine Übersicht über das Land zu gewinnen.