Mann der Mahakam-Kajan.
Infolge häufiger Regengüsse schwoll der Sĕliku stark an, doch wurden wir zum Glück bei dem Hinabfahren keinen Tag durch Hochwasser aufgehalten, wie es bei dem Hinauffahren sicher der Fall gewesen wäre. Wir kamen täglich ein gutes Stück vorwärts, nur war es schwierig, das Fahrwasser wiederzuerkennen, denn an Stellen, die bei niedrigem Wasserstande Stromschnellen bildeten, floss das Wasser jetzt ruhig über die Felsblöcke, während in den Buchten und an den Felsvorsprüngen neue Schnellen entstanden waren. Derartige Gebirgsflüsse sind daher nur; wenn man sie gut kennt, bei jedem Wasserstande befahrbar; leider war dies bei meinen Kajan nicht der Fall, da nur wenige von ihnen diesen Teil des Mahakam überhaupt einige Male besucht hatten. Sie waren daher sehr vorsichtig und gingen immer wieder eine Strecke längs des Ufers zu Fuss voraus, um sich eine gefahrdrohende Flussstelle vorher anzusehen.
Unser Reisvorrat, der seinem Ende nahte, mahnte zur Eile, auch hatten viele unserer Leute bereits ihren eigenen Notvorrat angegriffen. Drei unter einander befreundete junge Kajan, die ihren Reis zusammengetan und gegen eine Lohnerhöhung während der Reise davon gezehrt hatten, waren jetzt ebenfalls auf unseren Vorrat angewiesen. Trotzdem konnte ich, als wir am 21. October oberhalb des Kiham Matandow unser Lager aufschlugen, der Versuchung nicht widerstehen, den Batu Balo Baung zu besteigen, der sich neben uns am rechten Ufer erhob und eine gute Missicht auf die Umgebung zu bieten versprach. Die Bäume auf dem Gipfel dieses Berges, der wie alle anderen in dieser Gegend das Glied einer Kette bildet, konnten leicht entfernt werden, da er spitz zuläuft. Die Pnihing fürchten den Batu Balo Baung als den Wohnsitz eines weiblichen Geistes, der seinen Gatten verloren hatte (balo), doch zeigten sich die Kajan zum Mitgehen bereit. Die beiden Malaien aus Samarinda liess ich zurück, da sie schlechte Bergsteiger waren und sich vom anstrengenden Ziehen der Böte angegriffen, wenn auch nicht gerade krank fühlten.
Mann der Mahakam-Kajan.
Der zum Gipfel des Berges führende Grat erhebt sich steil aus dem Mahakamtal und war mühsam zu besteigen. Wäre der Boden hart gewesen und hätten wir am Gestrüpp keinen Halt gefunden, so wären wir bei einer Steigung von 40–45° nicht hinaufgekommen. Der vorderste Mann musste dazu erst einen Pfad aushauen, so dass es mehrere Stunden dauerte, bevor wir den ersten, 900 m hohen Gipfel erreichten. Auf dem etwas weiter liegenden höchsten Gipfel liess ich für 1–2 Nächte ein Lager aufschlagen, was schneller von statten ging als das Fällen der Bäume, deren Holz hier wieder sehr hart war; topographische Aufnahmen konnten daher am ersten Tage noch nicht gemacht werden. Morgens bedeckte uns und die ganze Umgebung eine dicke Wolkenschicht, die sich nur sehr langsam erhob, weswegen Bier erst gegen 12 Uhr mit dem Anpeilen der wichtigsten Gipfel auf der Wasserscheide, die vom Kapuri aus sorgfältig bestimmt waren, beginnen konnte. Wir benützten diese Peilungen bei der späteren Übertragung der Messungen aufs Papier als Kontrolle. Unsere Aussicht war beschränkt, da uns im Osten und Westen viel höhere Rücken umgaben; sie trugen den gleichen Charakter wie die am Kapuri und weiter oben am Mahakam und waren auch hier von einem einheitlichen, faltenreichen, grünen Gewande bedeckt, ohne irgendwo Gestein hervortreten zu lassen; ihr Anblick war grossartig aber düster. Im Osten führte eine tiefe Schlucht auf einen 1600 m hohen Rücken, von dem aus sich zwei Seitenrücken bis dicht an das Ufer des Mahakam erstreckten, der selbst nur hie und da zwischen den überhängenden Uferbäumen hindurchschimmerte. Die Abhänge des Batu Balo Baung benahmen uns nicht die Aussicht, da sie an mehreren Stellen selbst so steil waren, dass wir sie nicht sehen konnten.
Meine Kajan hielten hier das Fällen der Bäume für sehr gefährlich, was ich ihnen auch glaubte, als ich die Bäume wie in einem leeren Raum hinunterstürzen, dazwischen an einen Felsen prallen und einige hundert Meter weiter unten aufschlagen hörte.
Wurde uns die Aussicht nach Westen durch die Wasserscheide gegen den Kapuri und die Rücken, die sich von ihr aus zum Mahakam erstrecken, benommen, so hatten wir nach Nord-Osten einen prachtvollen Blick ins Mahakamtal, das vier Rücken durchbricht. In der Regenzeit, wo die Luft klarer ist, hätten wir eine bessere Fernsicht genossen. Jetzt befanden wir uns leider auch am zweiten Morgen nicht über den Nebelmassen.
Der Berggeist, der sich nachts sehr ruhig verhielt, liess tagsüber, besonders wenn die Sonne schien, ein Heer von stechenden und saugenden Insekten auf uns los, vor denen ich mich, wenn ich nicht das Fällen der Bäume zu beaufsichtigen hatte, sogleich in mein Klambu rettete, da Bier alles Kajaputi-Öl nötig hatte, um sich während der Arbeit zu schützen.
Am Morgen des 24. Oct. fand nach beendeter topographischer Arbeit der Abstieg statt, der uns zwar leichter fiel als der Aufstieg, der Steilheit des Abhanges wegen aber immerhin sehr ermüdend war. Ausserdem wurden wir ständig durch die Kuli aufgehalten, die unterwegs Früchte sammelten oder tuba parei und tengang zur Herstellung von Schnüren hackten, wogegen ich nichts einwenden konnte, da unsere Netze einer Reparatur dringend bedurften. Unten angelangt griff ich zum sichersten Mittel, die Leute zur Eile anzuspornen, nämlich zum Abfeuern einiger Schüsse, die ihnen in einer derartig einsamen Umgebung immer Schreck einflössen. Sie eilten denn auch schleunigst herbei, so dass wir über den Fluss zu unserem Lager setzen konnten, wo wir alles in guter Ordnung wiederfanden und die zurückgebliebenen Männer sich inzwischen etwas erholt hatten.