Bevor wir uns zu den rein musikalischen Vergnügungen der erwachsenen Bahau wenden, mögen hier als Übergang die Singtänze und Rezitationen behandelt werden.

Ein Hauptvergnügen der erwachsenen Jugend bildet der erwähnte “ngarang”, ein schlichter Tanz von Männern und Frauen, der nach dem Mass verschiedener, von den Tanzenden selbst in Rezitativform gesungener Lieder ausgeführt wird. Diese werden immerzu wiederholt, wobei Männer und Frauen hintereinander im Tanzschritt durch die grosse Galerie des Hauses schreiten und das Mass durch lautes Aufstampfen auf den Boden angeben. Wenn abends nach beendigter Tagesarbeit eine Anzahl junger Leute beisammen ist und lang genug mit einander geschwatzt hat, verbringt sie oft noch Stunden mit dem ngarang. Zuschauer gibt es dann nicht mehr und der grosse Galerieraum ist ganz dunkel oder mit einer Harzfackel nur dürftig erleuchtet. Je nach Stimmung setzt die Jugend den Tanz kürzere oder längere Zeit, nach Festen häufig bis Tagesanbruch fort. Obgleich ein derartiges Vergnügen von den religiösen oder politischen Verhältnissen innerhalb eines Stammes gänzlich unabhängig ist, führen die unter malaiischem Einfluss am Kapuas und mittleren Mahakam sesshaften Bahau den ngarang doch viel seltener aus als die am oberen Mahakam; wahrscheinlich ist auch hier der Spott seitens der zahlreichen Fremden daran Schuld.

Junges Kajanmädchen, die Stammessages rezitierend.

Reichen Beifall finden bei den Bahau die Rezitationen ihrer zahlreichen Überlieferungen aus der Stammesgeschichte oder ihrer Legenden aus der Geisterwelt. Stets finden sich eine grosse Menge Zuhörer zu diesen Vortragsabenden ein. Die Rezitationen werden von Schlägen auf einen über einen Schild gespannten und von zwei kleinen Holzsäulchen getragenen Rotangbogen begleitet ([Taf. 17]). Die Schläge werden von der rezitierenden Person selbst ausgeführt und geben den Rhythmus an. Erwägt man, dass der Vortrag frei nach dem Gedächtnis stattfindet und häufig eine ganze Nacht, bisweilen mehrere Nächte hintereinander dauert, so erscheint es begreiflich, dass nur wenige Personen mit ausgezeichnetem Gedächtnis und der besonderen Fähigkeit, ihre Gedanken nach bestimmtem Mass wiedergeben zu können, hierzu im stande sind. Der Wert der Vorträge ist denn auch individuell sehr verschieden, und die guten Sänger und Sängerinnen werden von ihren Dorfgenossen als besonders begabt und mit einem besonderen Geist aus Apu Lagan beseelt angesehen. Sowohl Männer als Frauen halten diese Vorträge und jeder beschränkt sich auf eine oder mehrere bestimmte Überlieferungen; diese sind bei jedem Stamme verschieden. Die Rezitatoren können zu den Priestern gehören, doch ist dies keine Notwendigkeit. Auch zeichnen sich nicht immer nur Erwachsene durch ihr Talent aus. Die auf nebenstehender Tafel abgebildete Künstlerin ist z.B. ein erst 16–17 jähriges Kajanmädchen vom Mahakam, das sich durch die Richtigkeit ihrer Erzählungen und ihre angenehme Vortragsweise bei ihren Stammesgenossen einer aussergewöhnlichen Bewunderung erfreute. Derartige Rezitationen finden nicht häufig statt, stehen auch nicht mit religiösen Gebräuchen in Verbindung; sie werden vorgenommen, wenn zufällig viele, von des Tages Last und Mühe nicht zu stark ermüdete Menschen beieinander sind.

Die Rezitationen finden in der grossen Galerie vor der Häuptlingswohnung statt; der Vortragende lehnt sich an die Wand und die Zuhörer lagern sich um ihn herum. Einige singen den Refrain der verschiedenen Verse, in welche die Erzählung zerfällt, mit; die meisten jedoch sitzen oder liegen schweigend auf dem Boden und kürzen sich die lange Nacht ab und zu durch ein Schläfchen; die kleinen Kinder in den Armen der Mütter wachen meistens überhaupt nicht auf. Im Scheine der Harzfackeln bietet eine solche Zuhörermenge die eigenartigsten Bilder: vorn lagern ganze Familie in nächtlicher Ruhe, mehr im Hintergrunde machen junge Leute einander den Hof und hier und da sinkt ein aufmerksamer Zuhörer vom Schlaf überwältigt in den seltsamsten Stellungen zu Boden.

Junger Kajan, Kledi spielend.

Der Vortragskünstler erhält für seine Mühe keine Belohnung. Am beliebtesten sind die Legenden von den erwähnten Bĕlawan Buring, Bun und Bakung, drei Bahauhelden, die in früherer Zeit grosse Taten verrichteten. Die Mahakam-Kajan bezeichnen den Vortrag einer Legende von Bun z.B. mit “ĕnah (= machen, tun) Bun.”

Die Rezitationen führen uns zu den rein musikalischen Genüssen der Bahau, für die insbesondere die Jugend viel Sinn zeigt. Die Musik trägt ganz den Charakter eines Vergnügens und bildet bei keinem religiösen Feste einen Teil der Zeremonien, wenigstens wenn man das nach dem Mass einer Mundharmonika oder tong von den Frauen aufgeführte hudo kajo nicht unter die Zeremonien aufnehmen will, wozu man berechtigt wäre. Zwar wird bei jeder An- oder Herbeirufung von Geistern und Göttern auf kupferne Gonge verschiedenster Form und Grösse geschlagen, aber ohne dabei auf irgend welche musikalische Ausführung zu achten. Die alten und gebräuchlichsten Becken mit niedrigem Rand geben auch nur sehr wenig harmonische Töne. Anders verhält es sich mit den grossen Gongen mit aufstehendem Rand; bei diesen wird wirklich auf reinen Klang geachtet, auch bestimmt dieser hauptsächlich den Preis eines Exemplars, der bisweilen sehr hoch sein kann, während Gonge von gleicher Form und gleichem Gewicht, aber mit unschönerem Klang viel weniger wert sind. Diese Gonge dienen überdies hauptsächlich als Warnsignale auf grosse Entfernungen. Die Bewohner Borneos haben nicht wie die auf Java verstanden, sie zu einem System, wie dem Gamelan, zusammenzufügen.