Glücklicher Weise war es meinen Jägern und Pflanzensuchern, falls sie nicht die Nacht fortblieben, gestattet, täglich in der Umgegend umherzuschweifen. Abends waren wir wohl ein bis zwei Stunden damit beschäftigt, den Kajan die vom Felde mitgebrachten Insekten und anderen Tiere abzukaufen; Demmeni und zwei der geschicktesten Malaien, Murchar und Abdul, übernahmen die Verpackung der Tiere. Gleichzeitig suchte Demmeni auch den Schaden, den die photographischen Apparate während der Reise durch Feuchtigkeit erlitten hatten, wieder gut zu machen, was ihm auch, dank der praktischen Ausrüstung an Werkzeugen aller Art, die er mitgenommen hatte, glückte.
Der Kontrolleur, der bisher jeden Tag Adjāng, Akam Igaus Sohn, unterrichtet und gleichzeitig auch von ihm gelernt hatte, gab sich alle Mühe, diese Quelle des Busang noch nach Möglichkeit auszunützen; denn so gern wir diesen allgemein beliebten Reisegesellen auch bei uns behalten hätten, mussten wir ihn jetzt doch mit seinem Vater, der sich zu den Kĕnja am Tawang begab, weiter ziehen lassen, da Akam Igau aus Furcht vor seiner Tochter Tipong nicht wagte, Adjāng zurückzulassen, obgleich dieser selbst gern bei uns geblieben wäre.
Inzwischen überlegte ich mit Bier, was mit Rücksicht auf die Überzeugungen unserer Gastherren im Augenblick für die Aufnahme des Mahakamgebietes getan werden konnte. Ein systematisches Zuwerkegehen, wie in einem Lande, in dem man sich jederzeit frei bewegen kann, war hier unmöglich. Am wünschenswertesten wäre es gewesen, mit der Messung des Mahakam vom Howong an zu beginnen, aber in dieser Zeit des lāli nugal durften wir nicht von Hause fort, ich musste sogar 6 Tage warten, bevor ich Bier von einem hoch gelegenen Reisfelde aus eine Übersicht über die Umgegend geben durfte. Die Reisfelder liegen hier nämlich nicht, wie in dem flachen Lande am Mendalam, tief, sondern an den Abhängen oder auf den Gipfeln der Hügelreihen, welche die Kajan zu diesem Zweck entwaldet haben. Da sich die Felder oft bis 200 m oberhalb des Mahakam befinden, bieten sie prachtvolle Aussichtspunkte auf die mit dichtem Walde bedeckte Umgebung.
Ein viel verlockenderer Aussichtspunkt lag jedoch gegenüber, am anderen Ufer des Mahakam, nämlich ein ganz freistehender, oben beinahe kahler, 800 m hoher Andesitkegel, der Batu Mili, der ein prachtvolles Panorama des oberen Mahakamgebietes liefern und daher auch für unseren weiteren Plan der Aufnahme von grösster Wichtigkeit sein musste. Dieses ins Auge fallende Ungeheuer, das seinen 100 m hohen zylinderförmigen Gipfel so unheilverkündend grau aus dem mit dunkelgrünem Urwald bedeckten Kegel erhob, hatte natürlich auf die Gemüter der Kajan tiefen Eindruck gemacht.
Über den Ursprung des Batu Mili und über seine Rolle als Wohnplatz vieler Donnergeister bestehen zahlreiche Erzählungen und sowohl sein Gipfel als auch die Wälder auf seinen Abhängen flössen Schrecken ein; selbst die am anderen Ufer oberhalb am Fluss wohnenden Malaien vermeiden den Berg. Nur in grosser Entfernung darf man Wald zur Anlage von Reisfeldern fällen und dem in diesen unberührten Wäldern zahlreichen Wild Fallen stellen.
Der Batu Mili bei Long Blu-u.
Der Batu Mili bei Long Blu-u.
Die Angst der Kajan vor dem Batu Mili erscheint um so unverständlicher, als sie sehr wohl wissen, dass ein Mann einst einen Monat lang unbeschadet auf seinem Gipfel zugebracht hat. Wie mir nämlich Lirung, Kwing Irangs Nichte, erzählte, hatte in ihrer Jugend, vor zwanzig Jahren, in dem damals weiter oben gelegenen Hause ihres Vaters ein Mann gewohnt, für den das Leben nach dem Tode seiner Frau keinen Reiz mehr hatte. Um mit der geliebten Gattin in Apu Ke̥siọ bald wieder vereinigt zu werden, beschloss der Mann, sich das Leben zu nehmen. Er hielt es jedoch für des Gedächtnisses seiner Frau unwürdig, sich auf die übliche Weise, durch Ertränken, Halsabschneiden oder Pfeilgiftessen umzubringen, und bestieg daher den Batu Mili, in der Hoffnung, von den auf dem Gipfel hausenden Geistern getötet zu werden. Länge hörte man nichts von dem Manne, bis er eines Tages entsetzlich abgemagert, sonst aber unversehrt, zurückkehrte—die Geister hatten ihn nicht töten wollen. Er lebte noch mehrere Jahre im Stamme, heiratete aber nicht wieder. Einige meiner Leute hatten ihn noch gekannt.
In der letzten Zeit, wo die Kajan in nächster Nähe ihres Dorfes nach Grundstücken suchten, hatten sich einzelne doch viel näher an den gefürchteten Berg herangewagt als früher. So hatte einer der angesehensten Männer des Stammes, Bo Kwai, dessen Sohn Maring uns bei unserem vorigen Besuch oft als Führer gedient hatte, sogar auf dem westlichen Rücken des Batu Mili sein Reisfeld anzulegen gewagt. Nach diesem hochgelegenen Punkte wollte ich Bier zur Orientierung führen, zugleich aber auch versuchen, längs dieses Rückens, der, nach den Gipfeln der Bäume zu urteilen, am höchsten auf die nach allen anderen Seiten senkrecht abfallende Spitze hinaufführte, zu einem noch günstigeren Aussichtspunkte zu gelangen. Kwing Irang schüttelte das Haupt und erklärte bestimmt, dass wenigstens der Gipfel des Berges nicht zu besteigen sei. Keiner der Kajan wollte uns weiter als bis zum Reisfeld des Bo Kwai führen und auch dahin wollten nur zwei mit; die anderen fürchteten, dass man sie am Ende doch noch zwingen würde, in diese schreckenerregenden Wälder einzudringen. Meine eigenen Leute waren, als Fremde in dieser Gegend, weniger bang vor den Geistern des Batu Mili und drei der besten, der Korporal Suka, der dajakisches Blut mit malaiischer Energie vereinigte, und zwei Pinau Malaien erklärten sich zum Mitgehen bereit. Unter dem fremden Gesindel, das sich am Mahakam auf hielt, befand sich auch der bereits erwähnte Chinese Mi-Au-Tong, der wegen Schulden aus Pontianak erst nach Sintang, dann an den oberen Kapuas und schliesslich an den oberen Mahakam geflüchtet war; da der Mann die Umgegend kannte und auf einen guten Taglohn erpicht war, nahm ich ihn mit.
Am Morgen des 22. Oktober machten wir uns auf den Weg. Über die neu angelegten Reisfelder am Fusse des Berges gelangten wir an einen bewaldeten Abhang, den wir hinaufstiegen, bis wir endlich nach einigen Stunden auf 650 m Höhe vor einer senkrechten Felswand standen, die ein Erklimmen des Gipfels unmöglich zu machen schien. Die Vegetation kam uns aber auch diesmal zu Hilfe, denn die Malaien entdeckten bald hinter ein paar Felsblöcken eine 2–3 m breite Felsspalte, an welcher einige mächtige Lianen wie dicke Kabel herabhingen und eine vorzügliche Gelegenheit zum Klettern boten. Meine barfüssigen Begleiter kletterten denn auch sogleich an den Lianen hinauf und schwangen sich dann auf eine durch Baumwurzeln zusammengehaltene Felsmasse an der rechten Seite der Spalte. Von dort aus fanden sie augenscheinlich eine Möglichkeit zum Weiterkommen; denn ihre Stimmen verklangen mehr und mehr. Da ich mit meinen beschuhten Füssen das Kletterkunststück meiner Leute nicht nachmachen konnte, rief ich sie mit meiner Pfeife zurück, um ein Mittel zu ersinnen, das auch mich über die Felswand brächte. Dünne, gerade Stämmchen und Rotang, um sie zu verbinden, waren in nächster Nähe im Überfluss vorhanden; so war denn bald eine Art Leiter hergestellt, auf der ich unter Zurücklassung meines Hundes und Stockes gut folgen konnte. Der Hund erhob allerdings ein Jammergeheul, das erst endete, als ich mich später wohlbehalten wieder bei ihm einfand.