Noch ein anderer Faktor zwingt uns bei der Beurteilung der Reinheit eines Stammes zur Vorsicht und zwar folgender: in Anbetracht, dass die Zahl seiner Glieder für die Macht und den Einfluss eines Stammes auf die anderen von grösster Wichtigkeit ist, streben die meisten Häuptlinge danach, diese Zahl nach Möglichkeit zu vergrössern. Vor allem suchen sie Heiraten ihrer Stammesgenossen in fremde Stämme zu verhindern; sobald sie sich aber stark genug dazu fühlen, wie die Long-Glat im Anfang des 19. Jahrhunderts, bekriegen sie schwächere Stämme und zwingen sie, mit ihnen zusammen zu wohnen und zwar als ihre Untergebenen, nicht als Sklaven. Es leben jetzt noch unter den bereits getrennten Long-Glat die Stämme der Ma-Tuwan, Manok-Kwe, Uma-Tepai, Uma-Wak und Batu-Pala, die wahrscheinlich auch vom Apu Kajan gebürtig sind. Merkwürdiger Weise haben diese oft nur 100 Individuen zählenden Stämme sich ihre eigenen Sprachen und Sitten erhalten; Heiraten mit den Long-Glat kommen jedoch häufig vor. So kann auch auf diesem Wege Vermischung stattfinden.
Junge Frauen der Mahakam Kajan.
Junge Frauen der Mahakam Kajan.
In letzter Zeit ist in Borneo ein neues Moment entstanden, das die scharfen Gegensätze zwischen den verschiedenen Völkergruppen und die grosse Feindschaft, die früher zwischen ihnen herrschte, zum Verschwinden bringt: es ist die europäische Nachfrage nach den Buschprodukten Borneos, vor allem nach Guttapercha und Rotang. Infolge dieser Nachfrage vereinigen sich Männer aus den entlegensten Gegenden der Insel in Gruppen und ziehen als Buschproduktensucher überall hin, wo diese Artikel noch zu finden sind. Diese Banden sind stark genug, um den Widerstand einzelner Stämme, die sie nicht aufnehmen wollen, zu brechen und sich allmählich auf freundschaftlichen Fuss mit ihnen zu stellen. Daher erscheinen jetzt Ot-Danum und Siang, die sich früher, wegen der feindlichen Gesinnung der Bahau, nie in das Gebiet des Mahakam wagten, scharenweise bei ihnen und gehen nicht selten sogar eine vorübergehende Eheverbindung mit deren Frauen ein.
Junge Mädchen der Mahakam.
Junge Mädchen der Mahakam.
Auch die Malaien der Küste haben begonnen, sich an dem Sammeln von Buschprodukten stark zu beteiligen; in grosser Zahl ziehen die Männer aus ihren Dörfern am Unterlauf der Flüsse nach deren Quellgebieten, um in ihren noch unberührten Wäldern nach Rotang und Guttapercha zu suchen. Man findet daher gegenwärtig in ganz Borneo Malaien, was für die einheimische Bevölkerung neben einigen Vorteilen sehr grosse Nachteile mit sich bringt.
Bei sämmtlichen Bahau und Kĕnja ist die Organisation der Gemeinwesen in der Hauptsache die gleiche, was sich aus der Verwandtschaft dieser beiden Stammgruppen sehr wohl erklären lässt. Ich beschränke mich daher darauf, hier nur die Verfassung des Stammes der Mendalam Kajan ausführlich zu besprechen und bei anderen Stämmen vorkommende Abweichungen gelegentlich zu erwähnen. Es sei mir gestattet, einige geschichtliche Bemerkungen über diese Kajan vorauszuschicken.
Der Stamm der Kajan bewohnt die Ufer des Mendalam gemeinsam mit dem der Ma-Suling und Uma-Pagong, mit denen sie, nach ihren geschichtlichen Überlieferungen, gemeinsame Abstammung aus dem Quellgebiet des Kajanflusses verbindet. Eine Hauptursache der Auswanderung bildete die zu starke Zunahme der Bevölkerung; den unmittelbaren Anstoss gab aber ein unter den Stämmen ausgebrochener Zwist.
Die Vorfahren der eben erwähnten Bahaustämme durchzogen damals das zwischen dem Berge Batu Tibang und der Oga-Quelle gelegene Land, in dessen ausgedehntem Urwald sich noch heute Spuren ihrer früheren grossen Niederlassungen finden. Von hier wanderten sie nach dem Njangéjan, einem Nebenfluss des Batang-Rèdjang, den sie später wieder verliessen, um nach zwei verschiedenen Richtungen auseinander zu gehen.