Dergleichen gut bewaffneten, gewissenlosen Schurken gegenüber sind die Bahau machtlos. Sie lassen sich sogar von ihnen zu allem Schlechten verleiten, denn die energischen Fremden, welche die durch Buschprodukte verdienten Geldsummen bei Spiel und Hahnenkämpfen wieder verschleudern, machen besonders auf die jungen Bahau grossen Eindruck. Obgleich diese keine Alkoholika gebrauchen, vergeuden sie doch ihre Kraft und Zeit mit Spiel, zu hohen Einsätzen und vernachlässigen immer mehr den Ackerbau, was eine ständige Hungersnot im Dorfe zur Folge hat.
Die Einfuhr von hoch besteuertem Reis aus Kutei, der durch die Anwesenheit der vielen Fremden in Uma Mĕhak noch teurer geworden ist, kann der bereits verarmten Bevölkerung keine Abhilfe bringen.
Auch die Frauen bleiben diesen in Genuss dahinlebenden Fremden gegenüber, die mit Geld und Gut freigebig umgehen und sich auch die Spielschulden ihrer Männer mit ihrer Gunst bezahlen lassen wollen, nicht gleichgültig.
Die bereits früher hier vorgekommenen Diebstähle und Morde nahmen unter diesen Verhältnissen stark zu, und die ohnehin zu hinterlistigem Mord geneigten Bahau beteiligten sich häufig an diesen Missetaten. Von Juni 1899 bis März 1900 kamen unterhalb der Wasserfälle 10 Raub- und Rachemorde mit 25 Opfern vor. Seitdem Barth dort im Juni 1900 als Kontrolleur eingesetzt worden ist, fanden keine Morde oder schwereren Diebstähle mehr statt.
Die Bahaustämme oberhalb der Wasserfälle lebten ihrer isolierten Lage wegen unter günstigeren Verhältnissen; trotzdem beunruhigten sich ihre Häuptlinge und Ältesten über die Zustände bei ihren Stammesverwandten weiter unten, besonders weil einzelne Banden von Waldproduktensammlern auch in ihrer Mitte bereits ihren nachteiligen Einfluss zu verbreiten begannen.
Berücksichtigt man, dass bis vor wenigen Jahren weitaus die meisten Forschungen unter den dajakischen Stämmen entweder flüchtig, auf der Durchreise, oder, wenn sie eine längerer Zeit umfassten, unter Stämmen vorgenommen wurden, welche bereits lange unter dem malaiischen Joch gelitten und deswegen von ihrer früheren Kultur nur wenig mehr übrig behalten hatten, dann wundert es einen nicht, dass die bei ihnen gewonnenen Resultate wenig Übereinstimmung mit denjenigen zeigen, welche man nach längerem Verkehr mit den ursprünglichen Dajak erhält.
Nach dem Vorhergehenden erscheint es Unzweifelhaft, dass der Verkehr der malaiischen und der dajakischen Rasse für das Lebensglück der letzteren verhängnisvoll geworden ist. Da diese Verhältnisse nicht nur für Borneo charakteristich sind, sondern im ganzen Archipel wiederkehren, gewinnt das Auftreten der Europäer unter diesen Völkern eine besondere Bedeutung. Um ihr Ansehen im indischen Archipel dauernd behaupten zu können, ist eine europäische Nation schon in ihrem eigenen Interesse verpflichtet, der fortwährenden Unruhe, welche durch die Erpressungen seitens der malaiischen Fürstensprösslinge und durch die ständig drohenden feindlichen Überfälle unter den ursprünglichen Stämmen hervorgerufen wird, ein Ende zu machen. Dass dies einer europäischen Regierung sehr wohl möglich ist, beweist die plötzliche Veränderung, die in den höchst nachteiligen Zuständen am Mittel-Makaham durch die Einsetzung eines Kontrolleurs zu Stande gekommen ist. Wir erkennen hier den grossen Einfluss, den auch ein mit wenig Mitteln ausgerüsteter Europäer durch verständiges, taktvolles Auftreten ausüben kann. In einem derartigen Falle erscheint ein Eingriff eines europäischen Volkes in das Lebenslos eines niedriger entwickelten durchaus gerechtfertigt; beruht dagegen die Ausbreitung der europäischen Macht auf Gewalt und mangelhafter Einsicht in die herrschenden Überzeugungen und die Verhältnisse der Bevölkerung und tritt noch Mangel an Takt seitens der zuerst auftretenden Europäer hinzu, so erwachsen hieraus für beide Teile verhängnisvolle Folgen.
Auf Borneo spürt man sowohl im englischen als im niederländischen Teil den segensreichen Einfluss, den seine Bevölkerung durch die Berührung mit einer europäischen Nation erfahren kann; die Beispiele sind dort treffender als in den noch halb unabhängigen malaiischen Nachbarreichen, wo die alten verrotteten Zustände noch fortdauern. Auf Grund ihres Vertrauens in die niederländische Regierung fügten sich vor einigen Jahrzehnten alle Stämme des Kapuasgebiets oberhalb Bunut unter ihre Herrschaft, sobald sich nur einige Male ein Staatsbeamter aus dem sehr entlegenen Sintang bei ihnen zeigte; Kontrakte wurden hierbei nicht geschlossen, doch wurden die Verordnungen treu befolgt und später eine mässige Abgabe bezahlt; Widerstand kam in diesen Gebieten bis jetzt überhaupt nicht vor. Sobald die Stämme am Mahakam ihre Angst vor den Niederländern, welche hauptsächlich durch die zu ihnen geflüchteten malaiischen Missetäter geweckt worden war, verloren hatten, wagten auch die Bewohner am Ober- und Mittellauf die beschirmende Hand der niederländischen Verwaltung anzurufen. Wie gern auch die Stämme im Quellgebiet des Mĕlawie die malaiische Herrschaft gegen die niederländische vertauschen möchten, sahen wir bereits oben. Das Stromgebiet des Pinau, des südlichen Nebenflusses des Mĕlawie, bietet hierfür ein weiteres Beispiel; es bildete bereits seit langem einen Zankapfel zwischen den Fürsten von Sintang und Kotawaringin an der Südküste und demzufolge herrschten dort unter der Bevölkerung von Malaien und Dajak höchst ernste Missstände. Nach Übereinkunft der indischen Regierung mit den betreffenden Fürsten, wobei beide ihre vermeintlichen Rechte abtraten, genügte die Ankunft des Kontrolleurs Barth und einiger bewaffneter Schutzsoldaten, um die Fehden zwischen den Malaien und Dajak dort zu schlichten und die Zustände mehr nach europäischen Begriffen zu regeln. Dies entsprach so sehr dem Wunsche der Bevölkerung, dass bei der Kunde von der grossen Reise, welche Barth in meiner Gesellschaft 1898 antreten sollte, ein vornehmer Häuptling von dort, Raden Inu, und zwei seiner Verwandten uns baten, unseren Zug mitmachen zu dürfen.
Der Eindruck, den unsere friedsame Besetzung des Mahakamgebiets auf diese Malaien machte, äusserte sich nachher auf eigentümliche Weise: als ihnen nach ihrer Heimkehr 1899 anlässlich ihrer uns bewiesenen Dienste von der niederländischen Regierung das vorteilhafte Anerbieten gemacht wurde, sich an einem Feldzuge gegen die Sonkong Dajak am oberen Sĕkajam zu beteiligen, schlug Raden Inu diese Ehre ab mit der Begründung, er wisse nun aus eigener Erfahrung, dass ein gewalttätiges Auftreten gegen die dajakischen Stämme nicht die richtige Methode sei, um einen heilsamen Einfluss auf sie auszuüben. Für eine friedliche Regelung der Zustände, wie sie Barth am Mahakam aufgetragen wurde, empfand er grössere Sympathie und so liess er seinen jungen Neffen und einen Verwandten Persat, der ebenfalls unsere Reise mitgemacht hatte, mit dem Kontrolleur an den Mahakam ziehen.
Vergleicht man die Zustände, wie sie unter den Bahaustämmen vor und nach der Festsetzung der Niederländer geherrscht haben, so zeigt es sich, welch eine richtige Einsicht die Häuptlinge dieser Stämme in ihre Lebensinteressen bewiesen, indem sie eine niederländische Einmischung selbst anriefen. In früherer Zeit hatten die Kaufleute am Unterlauf des Mahakam die Bahau durch ihren betrügerischen Handel dazu gebracht, die sehr viel mühevolleren Handelszüge nach Sĕrawak zu unternehmen, wobei sie das nur unter grossen Schwierigkeiten schiffbare Quellgebiet des Mahakam passieren, das 1200 m hohe Grenzgebirge überschreiten und den Njangeian bis Fort Kapit hinabfahren, dann wieder in umgekehrter Richtung zurückreisen mussten. Obgleich die Reise je nach dem Wasserstande bisweilen Monate erforderte, schätzten die ökonomisch schlecht gestellten Bahau den Schutz, den sie von den sĕrawakischen Beamten im Handel gegen Chinesen und Malaien genossen, so hoch, dass die mehr westlich wohnenden Stämme am oberen Mahakam ihre wichtigsten Lebensartikel lieber aus Sĕrawak als vom unteren Mahakam bezogen. Die Reise ins englische Gebiet unternahmen die Kajan zum ersten Mal vor etwa 30 Jahren unter Kwing Irang. Sie gerieten jedoch bereits bei ihren ersten Zügen mit den dort ansässigen Stämmen, die sie unter dem Namen Hiwan zusammenfassen, in Streit. Schuld hieran trug ihre verhängnisvolle Gewohnheit, auf Handelsreisen bei günstiger Gelegenheit Köpfe zu jagen. Die Unfähigkeit ihrer Häuptlinge, beim eigenen Stamm oder bei Verwandten dergleichen Ausschreitungen zu unterdrücken, verschärfte noch die Feindschaft mit den sĕrawakischen Stämmen; auch die Unterhandlungen zwischen den englischen Autoritäten und den vornehmsten Häuplingen Kwing Irang und Bĕlarè brachten wenig Verbesserungen zuwege, weil diese eben nicht im Stande waren, ihre Stammesgenossen im Zaum zu halten. Um der Unruhe ein Ende zu machen, vereinigte die Regierung von Sĕrawak 1885 zahlreiche Banden ihrer Batang-Lupar-Dajak, versah sie mit Gewehren und liess sie plötzlich einen Einfall in das Gebiet des Mahakam vornehmen, hauptsächlich zu den Pnihing, die der Grenze am nächsten wohnten.