Was von den ursprünglichen Dajak bei dieser Jahrhunderte dauernden Knechtschaft übrig geblieben ist, kann man sich leicht vorstellen: sehr arme, schwache Stämme, die für Wohnung und Kleidung das schlechteste Material gebrauchen und die körperlich und geistig weit hinter ihren Blutsverwandten tiefer im Binnenlande zurückstehen. Da, wo die Malaien ihre Macht über die Dajak nur der Lage ihrer Niederlassungen an den Flussmündungen verdanken, von wo aus sie die einzigen Handelswege beherrschen, sind nur die unmittelbar benachbarten Stämme mehr oder weniger steuerpflichtig, die höher hinauf wohnenden tatsächlich unabhängig. Doch werden auch sie durch Banden betrügerischer Händler ausgebeutet. Ab und zu treiben es die Malaien so arg, dass auch die Dajak die Geduld verlieren und einige Vertreter dieser gehassten Rasse niedermachen. Ein derartiger Vorfall bildet für die mit Gewehren bewaffneten Malaien, die ausserdem noch die ihnen kontraktlich zugesagte Hilfe des niederländischen Gouvernements beanspruchen, einen erwünschten Anlass, um durch Plünderung und Busse aus den Dajak noch eine Extraeinnahme zu erpressen.
Es ist klar, dass ein Staat, der seine Untertanen derartig behandelt, auf die im ganzen Stromgebiet wohnenden Stämme keinen Anspruch zu erheben hat. Trotzdem glaubt z.B. der Panembahan von Sintang der gesetzliche Herrscher des ausgedehnten Stromgebietes des Mĕlawie zu sein, obgleich auch er keinerlei Verwaltung über die dort ansässigen Stämme ausübt und sich nur soweit um das Land bekümmert, als er und seine zahlreichen Familienglieder, je nach den zufällig herrschenden Zuständen, mehr oder weniger Profit aus ihnen ziehen.
Den Hass der dort lebenden noch kräftigen und wohlhabenden Dajak gegen die Malaien benützte ein energischer Dajakhäuptling aus Nanga Sĕrawai am Mĕlawie, namens Raden Paku, 1895, um die dajakische Bevölkerung gegen die sintangsche Herrschaft aufzuhetzen. Er hatte wegen früherer ähnlicher Versuche in Pontianak gefangen gesessen und war dann nach Sintang entflohen. Seinen Landsleuten erzählte er, dass die niederländisch-indische Regierung ihn als ihren Repräsentanten unter ihnen angestellt habe; als Beweis wies er ein Dokument vor in Gestalt einer mit vielen Medaillen bedruckten Rechnung für Photographien auf den Namen des damals in Nanga Pinau am Mĕlawie wohnhaften Kontrolleurs. Der lebhafte Wunsch der Dajak, unter eine gesetzmässige, gerechte niederländische Verwaltung zu kommen und Raden Pakus Einfluss brachten einen zeitweiligen Bund der Stämme am oberen Mĕlawie zustande, und das erste, was sie taten, war, dass sie einige malaiische Niederlassungen am Hauptstrom belagerten und die sintangschen Beamten vertrieben. Der Panembahan selbst war völlig machtlos und wandte sich an den Residenten der “Wester-Afdeeling” um Hülfe. Dieser war der Ansicht, dass eine Befestigung der malaiischen Herrschaft unter den Dajak die Ruhe in diesen Gegenden am besten sichern würde, und rüstete und begleitete daher selbst Ende 1895 und Anfang 1896 eine militärische Expedition an den oberen Mĕlawie. Mit Hülfe der Tĕbida-Dajak vom unteren Mĕlawie unter Anführung einiger Kontrolleure wurde der Aufstand unterdrückt und Raden Paku gefangen genommen, wodurch die Macht des Panembahan von Sintang grösser als je zuvor wurde. Statt nun einen Versuch zu einer tatsächlichen Verwaltung des Landes zu machen, wie man es von ihm erwartete, waren er und seine Familienglieder ausschliesslich darauf aus, noch drückendere Steuern als vorher zu erheben. Auch hatte er noch die Dreistigkeit zu bitten, dass der europäische Beamte für ihn die Steuern erheben möchte, weil es ihm zu gefährlich und kostspielig schien, es auf die Dauer selbst zu tun. Hierauf liess sich denn doch die Regierung nicht ein.
Auch im östlichen Teil der Insel wird die Selbständigkeitszeit und Kultur der Dajak durch malaiischen Einfluss immer mehr untergraben. Lange Zeit musste sich das Sultanat von Kutei hinsichtlich der Bahau, deren Niederlassungen erst weiter oben beginnen, mit der Rolle begnügen, welche die kleinen malaiischen Fürsten an der Mündung der Kapuasnebenflüsse spielten.
Da es für die Sultane nicht vorteilhaft war, sich mit den noch kräftigen Bahau in einen Kampf einzulassen, gaben sie sich damit zufrieden, das ganze Stromgebiet des Mahakam in der Theorie als ihr Eigentum zu betrachten, und gingen selbst so weit, auch das Land oberhalb der Wasserfälle als ihnen zugehörig anzusehen mit demselben Recht, wie der Verstorbene Resident Tromp sich ausdrückte, als wenn die Niederländer auf die Schweiz Anspruch erheben wollten.
Nachdem jedoch der Vorrat an Waldprodukten im eigenen Reich erschöpft war, liess der 1899 verstorbene Sultan es sich angelegen sein, auch über die weiter oben wohnenden Bahau und ihre noch ungeplünderten Wälder seine Macht auszubreiten.
Die zwischen Long Bagung und Long Tĕpai gelegenen beiden Reihen grosser Wasserfälle und Stromschnellen, die nur unter günstigen Umständen passierbar sind, schützten die oberhalb derselben wohnenden Dajak vorläufig vor der Herrschsucht des Sultans, dagegen konnte sich die unterhalb der Wasserfälle lebende Bevölkerung dem kuteischen Treiben nicht völlig entziehen. Seitdem sich diese Stämme vor 2 Jahrhunderten hier niederliessen, sind sie an Zahl und Stärke sehr zurückgegangen.
Sie waren hier viel mehr den ansteckenden Krankheiten, wie Cholera und Pocken, die sich von der Küste aus bei ihnen verbreiteten, ausgesetzt. Solange sich ihre Häuptlinge jedoch ernstlich den Malaien widersetzten, wagten sich nur wenige Kaufleute aus Kutei ins Land der Bahau. Es glückte jedoch dem Sultan, die wichtigsten Häuptlinge der Bahau mit ihrem Gefolge zu einer Beratung über einen Palastbau nach Tengaron zu locken. Als diese arglos und nach ihrer Sitte mit Frauen und Kindern dort angelangt waren, verwendete sie der Sultan zum Palastbau und hielt sie unter allerhand Vorwänden und auch mit Gewalt so lange in Tengaron zurück, bis sie alle an Cholera und anderen Krankheiten starben oder sterbend in ihr Land zurückkehrten. 10 Jahre später, 1897, starb Si Ding Lĕdjü, der letzte Bahauhäuptling von Ana, der auf die Stämme unterhalb der Wasserfälle noch den grössten Einfluss besass und bis zu seinem Tod dem Sultan von Kutei Widerstand geleistet hatte. In den letzten Jahren seiner Oberherrschaft hatte sich eine Kolonie Buschproduktensucher unter einigen Fürstenabkömmlingen aus Kutei an der Mündung des Pari, eines Nebenflusses des Mahakam, im Lande der Bahau niedergelassen, um dieses auszubeuten. Zu gleicher Zeit und zum gleichen Zweck trafen auch Banden aus den Baritolanden, unter denen sich auch viele halb mohammedanische Dajak befanden, am Mahakam ein. Wie ich Anfang 1897 zu beobachten Gelegenheit hatte, wurden die Vergehen, deren sich diese Banden schuldig machten, durch Si Ding Lĕdjüs noch einigermassen in Schranken gehalten; doch klagten die älteren Leute bereits damals über den schlechten Einfluss, den das Treiben dieser Leute auf das Leben der Bahau ausübte. Seit dem Tode Si Ding Lĕdjüs verbreitete sich jedoch eine immer grössere Zahl von Glücksrittern aus Kutei über das Land, und 1899, bei meiner zweiten Reise flussabwärts, fiel es mir auf, wie schnell die ursprüngliche Bevölkerung unter dem schlechten Einfluss der fremden Eindringlinge ihre alten Gewohnheiten und Sitten verändert hatte.
Das wichtigste Zentrum für die Buschausbeutung befand sich damals in Uma Mĕhak, an der Mündung des Mĕdang, eines Nebenflusses des Mahakam. Das ganze Flussgebiet hatte der Sohn des vorigen Sultans, Raden Gondol, der sich in Tengaron unmöglich gemacht hatte, mittelst eines Briefes seines Vaters, also quasi auf dessen Befehl, von Edoh Lalau, der Tochter eines in Tengaron verstorbenen Häuptlings Lalau, gegen eine geringe und nur halb bezahlte Vergütung erworben. Der erwähnte Sultansbrief hatte in Wirklichkeit jedoch einen ganz anderen Inhalt und nichts mit Buschausbeutung zu tun. Dieses fälschliche Recht auf die Ausbeutung des Waldes verkaufte Raden Gondol stückweise an Banden aus Kutei und dem Barito und blieb selbst in Uma Mĕhak wohnen, wo er für seine Untergebenen eine Spielbank errichtete. Durch ihn und seine ebenso energische als hübsche Frau Mariam wurden nicht nur die Dorfbewohner, sondern auch die flussauf- und abwärts reisenden Händler, welche in Uma Mĕhak Halt machten, gezwungen, ihr Glück im Spiel zu versuchen. Auch hielt er zahlreiche Kampfhähne, bezahlte jedoch den Einsatz nicht, wenn er verlor. Hier wurden auch die Bahau und Kĕnja, die mit Rhinozeroshorn, Bezoarsteinen und anderen Kostbarkeiten ihre Gebrauchsartikel einkaufen kamen, von dem Sultanssprössling in einer Weise ausgebeutet, die nur in der Schüchternheit dieser Leute gegenüber dem Sohne des Fürsten ihre Erklärung fand.
Durch sein Gefolge, das aus kuteischen Übeltätern bestand, die sich in den Palast seines Vaters geflüchtet und dadurch vor Strafe geschützt hatten, liess er bei seinen Gastherren in Uma Mĕhak Haussuchungen nach kostbaren Perlen und dergleichen vornehmen, die er in seiner Kasse verschwinden liess. Noch schlimmer war, dass er, wie mir aus zwei verschiedenen malaiischen Quellen mitgeteilt wurde, dreimal Schuldsklaven im Geheimen an Siang-Dajak aus dem oberen Barito verkauft hatte, wo sie auf den Gräbern von Häuptlingen zu Tode gemartert werden sollten.