Ein anderer auf den Fortschritt lähmend wirkender Umstand ist, dass in den verschiedenen Industriezweigen kein Unterricht erteilt wird, sondern jeder Anfänger selbst in mehreren Fächern Übung zu erlangen suchen muss; höchstens bietet sich ihm Gelegenheit, von einem anderen Handwerker die Arbeit abzusehen oder ihm bei derselben zu helfen.

Fühlt sich jemand zu einem bestimmten Fach hingezogen, so verhindern ihn oft die Sorgen um seinen und seiner Familie Unterhalt, seiner Neigung Folge zu leisten.

Da jeder die meisten zum Leben erforderlichen Dinge selbst herstellt und die Ausübung eines bestimmten Handwerks keinen einträglichen Erwerb bildet, wird ein eingeborener Fachmann nicht, wie bisweilen ein europäischer, gerade durch Sorge und Not zu den höchsten Leistungen angeregt; die besten Produkte werden im Gegenteil von Gliedern wohlhabender Häuptlingsfamilien oder Freien hervorgebracht; Unbemittelte dagegen leisten nur selten etwas Besonderes.

Ein Vorteil für die dajakische Industrie liegt darin, dass ihr ganzes künstlerisches Können und ihr Geschmack sich auf das Gebiet des Handwerks konzentrieren, da bei ihnen nicht, wie in höherstehenden Gemeinwesen, eine bestimmte Kunst, wie z.B. die Bildhauerkunst oder Malerei, vorhanden ist, die nur der Kunst halber Gegenstände hervorbringt. Die Industrie der Bewohner Borneos kann, trotz der bescheidenen Grenzen, innerhalb welcher sie sich bewegt, in einigen Zweigen als Kunstindustrie bezeichnet werden. Mit der reinen Kunst entwickelterer Völker steht diese sogar in engem Zusammenhang.

Dass unter den oben geschilderten Umständen die Industrie der Dajak nicht zur vollen Ausbildung hat gelangen können, vielmehr das Kennzeichen einer beschränkten, Umgebung trägt, ist also begreiflich; immerhin sind ihre Leistungen noch so bedeutend und umfassend, dass jedes Fach im folgenden eine eingehende Betrachtung verdient. Alles, was sich speziell auf das Kunstgebiet bezieht, wie z.B. die Erklärung der dajakischen Verzierungsmotive, wird imfolgenden Kapitel gesondert behandelt werden.

Arbeitende Kajanfrauen.

Arbeitende Kajanfrauen.

Von allen Industriezweigen ist die Bekleidungsindustrie für die Bevölkerung Mittel-Borneos die wichtigste. Nach den noch aus alten Zeiten erhalten gebliebenen Kleidungsstücken zu urteilen, haben die Dajak diese ursprünglich hauptsächlich aus Baumbast verfertigt und ist die Weberei erst später bei ihnen eingeführt worden. Zu dieser Ansicht führte mich vor allem die Tatsache, dass bei fast allen Stämmen für die Weberei dieselben beschränkenden Bestimmungen zu finden sind, die für alles Fremdländische zu gelten pflegen: so darf bei den zu den Ot-Danum gehörenden Ulu-Ajar am Mandai nicht im Hause selbst, sondern nur in besonders zu diesem Zwecke errichteten Hütten gewebt werden; derselbe Brauch herrscht bei den Kĕnja. Bei den Kajan am Blu-u ist den Priesterinnen das Weben verboten, und so bestehen noch mehr derartiger Vorschriften. Doch muss die Webekunst bereits vor langer Zeit in Mittel-Borneo eingeführt worden sein, denn bei einigen Stämmen ist sie schon wieder verschwunden. Letzteres hängt mit der auch in so mancher anderen Hinsicht auf die inländische Kultur zersetzend wirkenden Berührung mit der Küstenbevölkerung zusammen. Die Herstellung eins Stoffes kostet nämlich Männern und Frauen viele Arbeit, da sie auch das erforderliche Material erst anbauen (Baumwolle und Ananasfasern) oder im Walde suchen müssen (Lianenfasern). Dann muss dieses zu Fäden verarbeitet, gesponnen oder aneinandergeknüpft und schliesslich gewebt werden. Alle diese auf primitive Weise vorgenommenen Prozeduren erfordern viel Zeit und Mühe. Infolgedessen bevorzugen die Eingeborenen den bei ihnen eingeführten europäischen Kattun, der nicht teuer und nach ihrer Ansicht schön bedruckt ist, und verfertigen das eigene Fabrikat nur noch für starke grobe Kleidung; in den reichen Familien wird auch noch zum Luxus gewebt.

Webende Kajanfrau.

Webende Kajanfrau.