»Nachher werde ich alles bringen, seien Sie nicht mehr traurig.«

Am Mittag kam sie mit ihrem Vater, ihrer Mutter und einem kleinen Bruder, und brachte mir etwas Fleisch, Käse, Pasteten, Wein, zwei Cigarren und ich weiß nicht was sonst noch.

Ich öffnete das Drahtnetz und reichte meinen Napf heraus, so wurde nach und nach der ganze Vorrat hereingeschafft. Teresina bat mich dann, sie als meine liebe Schwester anzureden; ich that, wie sie mir sagte; sie sprach so freundlich und teilnahmsvoll zu mir und ermahnte mich, geduldig und mutig im Unglück zu sein. Dann gingen sie alle wieder fort, schmerzerfüllt über mein Mißgeschick.

Ich schrieb mehrere Male an den Ehrenmann, meinen Bruder, und bat ihn, mir für meine dringendsten Bedürfnisse etwas Geld zu schicken, aber auf alle meine Briefe, die ich durch Teresina zur Post besorgen ließ, empfing ich keine Antwort.

Traurig und träge schlichen meine Tage dahin, meine Schmerzen nahmen zu, immer war ich allein, immer eingeschlossen, nie konnte ich ein einziges Mal nur frische gesunde Luft atmen; der ekelhafte Geruch der Salbe und meiner Exkremente verursachte mir Schmerzen in Kopf und Brust.

Wiederholt bat ich den Arzt, den Lazarettinspektor, daß sie mir eine Stunde Bewegung auf dem Hof gestatten möchten – sie antworteten:

»Wir können es nicht!«

Mein einziger Trost war das unaussprechliche Glück, täglich mehrere Male Teresina zu sehen, die mir zu essen, trinken und rauchen brachte, alles was ich wünschte. Eines Tages schrieb sie mir folgenden Brief, den ich noch aufbewahre als Pfand meiner Ergebenheit und Dankbarkeit; durch ihren Bruder hatte sie ihn mir geschickt:

»Mein lieber Bruder!

Gestern konnte ich nicht kommen, Sie zu besuchen, ich war mit Hausarbeiten beschäftigt, deshalb schreibe ich, damit Sie mir sagen sollen, wenn Sie etwas brauchen; das Essen und das andere schicke ich durch meinen Bruder.

Schon lange wollte ich Ihnen etwas sagen, aber ich hatte keinen Mut dazu, das persönlich zu thun, deshalb schreibe ich es jetzt und bitte, es mir nicht übel deuten zu wollen.

Sie wissen, daß die Zuneigung, die ich zu Ihnen habe und immer haben werde, daher rührt, daß ich ein lebhaftes Mitgefühl habe für alle, welche leiden, und besonders für Sie, der Sie leidend und von allen verlassen sind; der bloße Gedanke daran erpreßt mir Thränen und zerreißt mir das Herz. Ich weiß aus den Reden meines Vaters, daß mein Mitleid mit den armen Soldaten mir zuweilen anders ausgelegt wird, aber ich bin nun einmal so: ich liebe die Unglücklichen und die Leidenden, aber mit heiliger, reiner, schwesterlicher Liebe, und deshalb müssen Sie mich ebenfalls als Schwester lieben, denn wenn Sie irgend welche andere bösen Absichten hätten, dann müßte ich aufhören, Ihnen gut zu sein.

Seien Sie nicht traurig, daß Ihr Bruder nicht auf Ihre Briefe antwortet, vielleicht hat er sie nicht erhalten oder irgend ein Umstand hindert ihn am Schreiben, und was fehlt Ihnen denn auch? Bin ich nicht hier? Ich werde Ihnen mit allem zur Seite stehen, so lange Sie hier sind, wenn Sie dann frei sind, dann suchen Sie mich auf und ich werde glücklich sein, Sie zu sehen.

Ich bete täglich zu Gott, daß er Ihre Schmerzen lindern möge, und mein armes Herz sagt mir, daß Sie bald in Freiheit sein werden. Und beten auch Sie in Ihrer Zelle zu ihm, inmitten Ihrer Schmerzen und Kümmernis, denn das Gebet der Unglücklichen dringt bald zu unserm Heiland; beten Sie auch für mich.

Fassen Sie Mut, verzagen Sie nicht, alles ist vergänglich, alles ist ein schrecklicher und abscheulicher Traum.

Nehmen Sie meinen schwesterlichen Gruß und denken Sie oft an Ihre arme Schwester

Teresina M…«

Cava dei Tirreni, 8. Mai 1878.

Meine Antwort: