Tags darauf wurde mir bekannt gemacht, daß ich vor ein Kriegsgericht gestellt werden würde und nach einigen Tagen, die mit Schmähungen seitens des gottverfluchten Hauptmanns Alessandro Ter… ausgefüllt waren, brachte man mich in das Militärgefängnis zu Venedig. Der Untersuchungsrichter vernahm mich, ich sagte aus, daß ich krank gewesen sei und deshalb meine Zeit überschritten habe. Nach einiger Zeit kam der Untersuchungsrichter wieder und überhäufte mich mit Schimpfreden; er hatte sich von meinem Arzt, dem Doktor Antonino di V… und dem Bürgermeister meiner Heimatstadt mitteilen lassen, daß ich meinen Urlaub überschritten habe.
Nun war ich verloren und erklärte mich der Desertion für schuldig.
Mein Verteidiger kam, ein Marineoffizier, Signor Lodovico L… und sagte:
»Sie sind stark belastet, weil Sie sich selbst bezichtigt haben, ich sehe wenig Aussicht für Sie.«
»Herr Lieutenant«, sagte ich, »ich weiß, daß ich verloren bin, aber man muß vorsichtig operieren und versuchen, die harten Herzen der Richter zu erweichen«, und ich erzähle ihm in lebhaften Farben meine langen und schmerzlichen Leiden; sie gingen ihm zu Herzen und zwei große helle Thränen fielen aus seinem schönen Auge.[62]
»Sie Ärmster«, beklagte er mich, »soviel haben Sie gelitten und Sie leben noch! Ja, braver junger Mann, erzählen Sie den Richtern diese rührende Geschichte, und sicher, sie werden Mitleid fühlen. Ich wußte nicht, daß das menschliche Leben soviel Unglück und Schande birgt, daß das Schicksal einen Menschen so verfolgen kann. Sie Ärmster!«
Er drückte mir zärtlich die Hand und ging erschüttert von dannen.
Der Untersuchungsrichter kam von neuem und teilte mir mit, daß der Staatsanwalt beabsichtigte, den Bürgermeister meiner Vaterstadt, den Doktor Antonino di V… und den Wachtmeister der Karabinieri zu Tropea zur Verhandlung laden zu lassen. Das wunderte mich nicht wenig, denn was für einen Zweck hatte es, da ich mein Verbrechen selbst zugab. Es konnte mir nur Schaden bringen, denn sie würden auf der Eisenbahn zweiter Klasse fahren und das mußte ich bezahlen – wozu nun diese Kosten verursachen?
Mehrere Tage verbrachte ich deshalb in Sorgen.[63]
Am Morgen des Verhandlungstages befand ich mich mit den anderen Soldaten auf dem Hof, als der Wachtmeister aus Tropea erschien. Er sah mich und die Soldaten durchdringend an, ging dann auf den Abtritt und sah uns wieder an.